„Die Digitalisierung bedroht das Sittengeflecht, auf dem unsere Demokratie beruht“

Dohananyi Titelbild_640_280Im zweiten Teil unserer Interviewreihe erklärt Dr. Klaus von Dohnanyi, wie politische Institutionen mit den Herausforderungen des technologischen Wandels umgehen sollten und wieso der digitale Wandel auch Chancen für den politischen Diskurs bieten kann, wenn offen damit umgegangen wird.

politik-digital.de: Die Digitalisierung wird oftmals mit der industriellen Revolution vor 250 Jahren verglichen. Der Vergleich mag nicht in allen Aspekten passend sein, aber auch damals haben sich Arbeitsprozesse entscheidend verändert, es kam zu Krisen und es gab auch eine Vielzahl an neuen Chancen. Wie glauben Sie, werden wir diese Zeit der Transformation in Richtung Digitalisierung in 20 Jahren sehen?

Dr. Klaus von Dohnanyi: Die Digitalisierung ist nicht vergleichbar mit der industriellen Revolution. Das war ein technischer Fortschritt, der ziemlich ruckartig kam, weil die Briten in dieser Beziehung einen Schritt voraus waren und auf dem Kontinent gewisse Folgen ausgelöst haben. Aber im Vergleich zu dem, was die Digitalisierung gebracht hat, war das eine Kleinigkeit. Die Digitalisierung ist etwas ganz Anderes.

Es ist auch etwas anderes als die Druckkunst von Gutenberg, die auch wichtig war und viel verändert hat, aber das, was wir heute haben erinnert mehr an die Einführung der Schrift. Es ist viel dramatischer und wir haben die Virtualisierung und die andere Form von Kommunikation, die die gesamte Gesellschaft umpflügen wird und kein Stein wird auf dem anderen bleiben. Nichts wird so sein, wie es war und dagegen war die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert ein Klacks.

Irgendwo muss man ja anfangen: Die neue Regierung hat die Gründung einer Datenethik-Kommission beschlossen, die die Regierung zum Umgang mit Algorithmen, künstlicher Intelligenz und digitalen Innovationen beraten soll. Welche Bedeutung wird diese Kommission Ihrer Meinung nach haben?

Das ist schwer zu sagen. Ich wünsche ihnen viel Glück. Ich glaube, das Grundprinzip einer Kommission hat ein gewisses Problem, da es ja in der Regel feste Strukturen voraussetzt und das, womit sie sich auseinandersetzt, in stetigem Wandel ist. Ob da eine Kommission der richtige Weg ist oder irgendein digital gesteuertes Beratungssystem, ist eine Frage, die ich nicht beantworten kann. Wichtig ist, dass man sich mit den Fragen rechtzeitig auseinandersetzen muss, aber es geht nicht in erster Linie um Datenschutz. Das ist auch ein Thema, aber nur eines von vielen.

  • Dr. Klaus von Dohnanyi
Dr. Klaus von Dohnanyi (SPD) gehörte den Kabinetten Brandt und Schmidt in unterschiedlichen Ämtern an, war von 1972 bis 1974 Bundesminiter für Bildung und Wissenschaft, bevor er von 1981 bis 1988 Erster Bürgermeister der Hansestadt Hamburg war. Er ist Träger zahlreicher Auszeichnungen aus Wissenschaft und Gesellschaft, ist Vorsitzender des Beirates der Wegweiser Media & Conferences GmbH Berlin und gehört unter anderem dem Konvent für Deutschland an.

Viel tiefer, glaube ich, greifen die Probleme, die für die Kommunikation in der Demokratie wichtig sind. Ich glaube, dass unser demokratisches System am allermeisten, noch mehr als die Wirtschaft, durch die Digitalisierung herausgefordert sein wird. Wir haben andere Formen von Kommunikation, wir haben damit andere Formen von Informationen oder auch Desinformation und wir sehen das ja schon heute, dass ganze Wahlkämpfe dann eventuell durch Fehlinformationen beeinflusst werden können. Die schwerwiegendsten Folgen könnten möglicherweise im Bereich der Substanz oder der Basis der Demokratie erfolgen, darüber müssen wir nachdenken und uns damit befassen.

Sie sehen also in den Fake News, der Des- und Fehlinformation  die großen Gefahren für die Demokratie?

Auch, aber es ist ja vielmehr. Es ist ja auch so, dass die Demokratie sich darauf gründet, dass gewisse Verhaltensselbstverständlichkeiten bestehen, beispielsweise wie man im Geschäftsleben miteinander umgeht.

Es gibt einen früheren deutschen Bundesverfassungsrichter namens Ernst-Wolfgang Böckenfelde, der in den 1960er Jahren einen Satz geprägt hat, der heute immer wieder zitiert wird: Die Demokratie kann die Grundlagen nicht schaffen, auf denen sie steht. Das ist das Kernproblem. Aus meiner Sicht erodieren gegenwärtig die Sitten und Gesetze, wie wir miteinander umgehen. Wie wird das erst, wenn dieser Prozess sich fortsetzt und wir uns nicht mehr selbstverständlich darauf verlassen können, dass Menschen in einer bestimmten moralischen Weise reagieren?

Virtuell und aus der Distanz können sie sich vieles erlauben, weil es nicht auf sie zurückfällt. Mehr erlauben, als wenn ich mit ihnen ein Geschäft mache und ich ihnen in die Augen schaue und wir uns hinterher die Hand geben, dann sollten wir annehmen, dass wir uns daran auch halten. Doch wie ist es, wenn das virtuell und online so weiterläuft? Ganz anders! Und deswegen glaube ich, dass dieses Sittengeflecht, auf dem die Demokratie ruht, möglicherweise durch die neuen Formen von Kommunikation verändert wird. Ich will gar nicht sagen schlechter, aber verändert. Und deswegen glaube ich, dass wir in der Demokratie Erfahrungen sammeln, die möglicherweise tiefgreifender sind als das Thema Datenschutz. Wenn irgendjemand meine Daten nimmt und sie an einen Dritten verkauft, ist das nicht schön, aber auch nicht so entscheidend.

Aber wenn das System, auf dem wir bauen, wegen Fake News und Unzuverlässigkeiten nicht mehr funktioniert, dann haben wir Schwierigkeiten. Wir leben sozusagen von sogenannten Sekundärtugenden. Von Gewohnheiten, die wir nicht verletzten wollen, weil wir glauben, zu wissen, dass sie zu unserer Gesellschaft gehören. Und das könnte sich total verändern.

Das heißt aber auch, dass der Mensch gar nicht so moralisch in seinem Verhalten anderen gegenüber ist. Es gibt ja die Theorie, dass sich ein Mensch anders verhält, wenn ihn keiner sieht und das haben wir ja jetzt mit dem Internet.

Die Entwicklung der Menschen ist durch Kommunikation entstanden. Wenn sie in kleinen Gruppen leben, in denen sie ihre Frauen und ihre Kinder verteidigen, aber ansonsten auf Raubzüge gehen, um sie zu ernähren, dann haben sie eine andere Mentalität, als wenn sie gewohnt sind, in einer heutigen Großstadt miteinander umzugehen. Ich bin da nicht notwendigerweise Pessimist; ich glaube nur, dass eine virtuelle Kommunikation eine andere Form von Sittenverbund herstellt als eine zwischen Menschen entstandene Kommunikation. Daher glaube ich, dass wir aufpassen müssen, dass die Basis unserer Demokratie nicht erodiert.

Und wenn wir uns anschauen, was da mit Herrn Trump in den USA zum Beispiel passiert ist, dann sind die Leute hier ganz erstaunt, dass man sich das gefallen lässt, aber vielleicht sind die USA uns 10-15 Jahre voraus und das kann auch bei uns passieren. Wenn man früher an der Ostküste der USA in dem sogenannten New England solche Sitten an den Tag gelegt hätte, hätte man keinen Tag als Präsident überstanden. Also offenbar hat sich in Amerika etwas verändert, dass die Leute sagen „naja so nett ist das nicht, aber er hat ja auch wieder Recht“ oder so. Vielleicht ist das Twittern von Herr Trump nur der Vorreiter von dem, was uns allen bevorsteht und da muss man aufpassen.

Ihre Zukunftsprognose ist nicht sehr optimistisch.

Doch, wenn wir das Thema erkennen und versuchen, an den Stellen, an denen wir eingreifen können, das auch zu tun. Ich finde, wir müssen zum Beispiel sehr viel offener diskutieren, ob wirklich die Frühdigitalisierung schon in der Kita wichtig ist, oder ob nicht dort ohne Digitalisierung in dem zwischenmenschlichen Bereich wichtige Erziehungsprozesse stattfinden, die bei einer zu frühen Digitalisierung unterlaufen werden.

Es gibt ernstzunehmende Pädagogen, die sagen, es ist ein großer Fehler, auch die Grundschule dürfen wir nicht digital machen, weil die Leute zuerst andere Dinge lernen müssen. Ich denke, das muss bewusster, offener und mit mehr Erfahrung diskutiert werden. Mag sein, dass die Pädagogen, die gegen eine Frühdigitalisierung argumentieren unrecht haben, aber man muss darüber diskutieren.

Lesen Sie hier den ersten Teil des Interviews über die Folgen der digitalen Transformation auf die Politik und die Arbeit.

Titelbild: Wegweiser Media & Conferences GmbH (HC Plambek)

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