„Die Folgen der Digitalisierung gehen an die Substanz der Demokratie“

Dohananyi Titelbild_640_280Wie verändert das Internet unsere Demokratie? Wie wirkt sich die Verschiebung von Diskussionen in den digitalen Raum auf den zwischenmenschlichen Umgang aus und wie schaffen wir Vertrauen in unsere immer mehr vernetzte Welt? Diese Fragen beantwortet Dr. Klaus von Dohnanyi in unserer dreiteiligen Interviewreihe.

Dr. Klaus von Dohnanyi (SPD) gehörte den Kabinetten Brandt und Schmidt in unterschiedlichen Ämtern an, war von 1972 bis 1974 Bundesminiter für Bildung und Wissenschaft, bevor er von 1981 bis 1988 Erster Bürgermeister der Hansestadt Hamburg war. Er ist Träger zahlreicher Auszeichnungen aus Wissenschaft und Gesellschaft, ist Vorsitzender des Beirates der Wegweiser Media & Conferences GmbH Berlin und gehört unter anderem dem Konvent für Deutschland an.

politik-digital.de: Herr Dr. von Dohnanyi, Digitalisierung ist das zentrale Thema dieser Zeit. Tagungen wie der gesellschaftliche Dialog „Ethik & Digitalisierung“ der Wegweiser GmbH, in dessen Beirat Sie sind, widmen sich dem Thema, Bücher setzen sich mit den Folgen auseinander und auch der Bundestagswahlkampf hatte das Thema wie nie auf der Agenda. Glauben Sie, das Thema wird in seiner Bedeutung inzwischen realistisch eingeschätzt?

Dr. Klaus von Dohnanyi: Nein, weil das Thema eine mehrdimensionale Bedeutung hat. Die Versorgung mit digitalen Möglichkeiten wird erkannt, aber die Folgen, die mit der Digitalisierung verbunden sind, die werden noch gar nicht erkannt, weil sie viel tiefer gehen, als das, was dort bisher zur Diskussion steht. Die gehen an die Substanz der Demokratie, wenn wir da nicht aufpassen und deswegen glaube ich nicht, dass die Folgen oder das Problem Digitalisierung in seiner tiefen Veränderung der Gesellschaft wirklich im ganzen Umfang erkannt werden.

Wie können wir einen gesellschaftlichen Ordnungsrahmen schaffen, der nicht nur auf die fortschreitende Digitalisierung und die tiefe Veränderung der Gesellschaft reagiert, sondern diesen Prozess strukturiert? Wie sollte die Regierung damit umgehen, dass die Gesetzgebung immer den technologischen Entwicklungen und deren gesellschaftlichen Folgen hinterherhinken wird?

Dafür gibt es eine Reihe von Vorkehrungen, der Nationale Normenkontrollrat kümmert sich um diese Fragen, dass die Gesetzgebung und dass die Verwaltung sich sozusagen der Mittel der Digitalisierung bedienen, aber das ist eben nur die eine Seite. Die andere Seite ist, dass eben von der Medizin über die Versorgung in Krankenhäusern bis zu der Frage der Schulen und wie viel Digitalisierung richtig für Kleinkinder ist, diese ganzen Fragen betreffen unsere Gesellschaft im Kern.

Und wir erkennen noch gar nicht, was wir einerseits an Möglichkeiten haben und andererseits auch anrichten mit der Digitalisierung, oder welche Probleme wir dadurch erst erschaffen.

Nehmen wir ein konkretes Thema: Brauchen wir eine stärkere Regulierung über Gesetze wie die Datenschutzgrundverordnung, um Datenmissbrauch zu verhindern? Können IT-Sicherheit und Datenschutz noch auf nationaler oder EU-Ebene geregelt werden?

Ich glaube zum Teil ja, aber am besten natürlich man erweitert das. Ich glaube nicht, dass wir uns bei diesen Fragen mit den USA einigen können, weil die USA eine andere Form der Meinungsfreiheit haben und das hat eben nicht nur mit unserer Geschichte, sondern auch mit dem, wie wir Meinungsfreiheit interpretieren, zu tun. Insofern glaube ich also nicht, dass wir eine weltweite Regelung in der Frage wirklich erzielen können, vielleicht eine europäische, die dann natürlich auch wieder unterlaufen werden kann durch ausländische Mächte, die andere Regeln haben. National kann man das nicht regeln, aber auf europäischer Ebene kann man Fortschritte machen.

Wie können Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Veränderungen der Arbeitswelt gestalten?  Was würden Sie Menschen antworten, die Angst haben, in Zukunft keine Arbeit mehr zu haben, weil diese von Maschinen erledigt wird?

Zunächst einmal würde ich denen weniger sagen, als tun. Wir müssen versuchen so früh wie möglich den Versuch zu machen, diejenigen, die an ihrem Arbeitsplatz unter Veränderungen durch die Digitalisierung Verluste haben werden, rechtzeitig umzuschulen und mit ihnen rechtzeitig über ihre eigenen Möglichkeiten zu reden. Das ist nicht einfach, weil die Voraussetzungen, die Sie für eine wirkliche Betätigung im Felde Digitalisierung haben, sind Voraussetzungen intellektueller Art, der Erfahrung im Leben und wenn sie heute einen 60-Jährigen oder 55-Jährigen aus dem Arbeitsplatz nehmen, dann können Sie den sehr schwer oder vielleicht gar nicht umschulen. Das sind also Probleme, denen wir uns stellen müssen, aber es ist nicht so, dass wir die Hände in den Schoß legen dürfen, wir müssen es versuchen auf der ganzen breiten Ebene, aber rechtzeitig.

Auch die deutsche Bildungslandschaft steht vor tiefgreifenden Veränderungen, die unter anderem mit dem Lernen durch und über digitaler Medien im Unterricht zu tun haben. Wie können wir junge Menschen, die zwischen „digital natives“ und „Internet ist für uns Neuland“ aufwachsen sind, auf die Zukunft der Arbeitswelt vorbereiten?

Sie müssen ihr Handwerk verstehen. Sie müssen lernen, in welchem Bereich sie arbeiten wollen und müssen wissen, dass auch dieser Bereich durch die Digitalisierung und durch die Möglichkeiten der virtuellen Informationen völlig verändert werden wird. Wer heute als Wissenschaftler in der Chemie ausgebildet ist, aber nicht in der Lage ist, das Internet in seinen vollen Möglichkeiten zu nutzen, der wird, obwohl er ein guter Chemiker ist, auch nicht mehr weiter erfolgreich sein. Alle Berufe werden davon betroffen sein und sich verändern. Und die Möglichkeit damit umzugehen hängt davon ab, wie bereit man selber ist. Es hängt sehr viel von den Einzelnen ab, sich rechtzeitig darauf einzurichten, dass die Digitalisierung neue Ansprüche stellen wird.

 

Lesen Sie hier den zweiten Teil des Interviews über die Folgen der digitalen Transformation auf das Miteinander, die Gesellschaft und die Politik:
„Ich bin da nicht notwendigerweise Pessimist; ich glaube nur, dass eine virtuelle Kommunikation eine andere Form von Sittenverbund herstellt als eine zwischen Menschen entstandene Kommunikation. Daher glaube ich, dass wir aufpassen müssen, dass die Basis unserer Demokratie nicht erodiert.“

 

Titelbild: Wegweiser Media & Conferences GmbH (HC Plambek)

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