Web 2.0 – Die Klassiker

(3. August 2006) So jung es auch ist, das Internet in der Version 2.0 hat schon jetzt einige Klassiker hervorgebracht, die den Begriff Web 2.0 verkörpern. politik-digital.de stellt Ihnen fünf
Gestaltungs- und Nutzungsszenarien vor.

 

 

 

 

Die fiktive Person Paul studiert Politikwissenschaft in Berlin und hat außerdem ein Semester lang in London studiert. Er liest, reist und fotografiert gerne und interessiert sich als Musikliebhaber auch für Urheberrechtsfragen, seit vor einigen Jahren seine Lieblingsmusiktauschbörse Napster per Gerichtsbeschluss geschlossen wurde. Außerdem betreibt er seit kurzem ein
Weblog, in dem er über all die Themen schreibt, die ihn interessieren.

Wissen: Wikipedia

Wann immer Paul einen Begriff nachschlagen will, recherchiert er zunächst bei der Online-Enzyklopädie
Wikipedia. Die Enzyklopädie enthält ausschließlich Beiträge, die von Benutzern geschrieben wurden. Auf diese Weise sind schon allein in deutscher Sprache schon rund 400.000 Beiträge entstanden und es werden täglich mehr. Für eine Studentenzeitung möchte Paul einen Artikel über die Reform des Urheberrechts schreiben. Bei Wikipedia findet er einen ausführlichen Beitrag zum Thema
Urheberrecht. Trotz einiger einseitiger Wertungen in diesem Beitrag – mehrere Autoren haben ihn allein in der vorigen Woche über ein Dutzend Mal verändert und sich dort um die Auswirkungen der Urheberrechtsreform gestritten – findet Paul dort eine fundierte Grundlage für seine Recherche, ausführliche Kritik pro und kontra der geplanten Reform, sowie eine ausführliche Liste mit Links zu den Gesetzestexten und den verschiedenen Lobbygruppen. Paul findet drei Websites, die ihm besonders relevant erscheinen: Den Gesetzestext, eine Zusammenstellung vieler Texte zum Thema auf urheberrecht.org, sowie das Weblog eines Musikjournalisten. Paul beschließt, diese Inhalte als Grundlage für seinen Artikel zu verwenden und speichert sie als „
Bookmark“.

Bookmarks: Del.icio.us

Seine virtuellen Lesezeichen (engl. „Bookmarks“) sammelt Paul auf der Website
del.icio.us (ausgesprochen wie das englische Wort für köstlich: delicious). Der Service mit der verwirrenden Schreibweise verwaltet die Lesezeichen aller Teilnehmer. Hier speichert Paul die drei neu gefundenen Websites zum Urheberrecht. Er versieht sie mit beschreibenden Schlagwörtern (sogenannten
Tags): Paul wählt die Begriffe Urheberrecht, Urheberrechtsreform und Copyright. Das hilft nicht nur Paul, den Link später wiederzufinden. Wenn ein anderer Benutzer in del.icio.us nach dem Begriff Urheberrecht sucht, zeigt ihm der Dienst die Bookmarks aller Benutzer, die mit dem Schlagwort Urheberrecht markiert wurden. Im Gegenzug werden auch Paul auf seiner eigenen del.icio.us-Seite in Zukunft alle entsprechenden Bookmarks der anderen Benutzer angezeigt. Jedes Mal, wenn er auf seine persönliche del.icio.us-Seite sieht, findet er dadurch neue Links zu Themen, die ihn interessieren. Obwohl es mittlerweise eine ganze Reihe vergleichbarer Dienste gibt, ist del.icio.us der Urtyp der sozialen Verwaltung von virtuellen Lesezeichen.

Menschen: Friendster

Nachdem Paul seine neuen Lesezeichen gespeichert hat, erhält er eine eMail. Es ist eine Benachrichtigung von Friendster, einem Online-Dienst, der Verbindungen in sozialen Netzwerken abbildet. Freunde können sich gegenseitig verlinken und gleichzeitig die Freunde der eigenen Kontakte sehen. In seinem Interessenprofil hat Paul vermerkt, dass er Politik studiert und in Berlin lebt. Schon zwei Mal wurde er von Freunden seiner eigenen Freunde angesprochen – einmal ist der Kontakt gleich wieder abgebrochen, beim zweiten Mal aber hat sich eine dauerhafte Freundschaft ergeben. Zurück zu Pauls eMail: Emily, eine Freundin, die er während seines Austauschsemesters in London kennengelernt hat, habe ihm eine Nachricht hinterlassen. Erschöpft von der ersten Runde seiner Recherche gönnt sich Paul eine Pause und beschließt, sich in den Mitgliederbereich des Web 2.0-Angebots Friendster einzuloggen. Auch wenn er mit vielen seiner Kontakte dort nicht in regelmäßigem Kontakt steht, freut sich Paul doch, die alten Gesichter wiederzusehen. Wie sich herausstellt, plant seine Freundin aus London bald einen Kurztrip nach Berlin und würde sich gerne mit Paul treffen – allerdings hat sie seine aktuelle Telefonnummer nicht und meldet sich daher über die Onlineplattform. Paul freut sich auf das Treffen und schickt ihr sofort eine Nachricht.

Themen: Weblogs

Seit einigen Wochen betreibt Paul ein Weblog. In seinem Weblog schreibt er Notizen zu Themen, die ihn persönlich bewegen. Später, so hat er sich überlegt, möchte er dieses Online-Journal vielleicht etwas professioneller gestalten. Für den Moment aber ist er zufrieden damit, sich dort ein wenig selbst auszuprobieren und mit verschiedenen Stilformen zu experimentieren. Er schreibt zwei kurze Beiträge in sein Weblog: Eine kurze Notiz, in der er seinen ersten Eindruck zur Urheberrechtsreform ausdrückt („Scheint ganz schön hart zu sein – lest Euch diesen Beitrag durch!“). Und ein Hinweis für seine Freunde, dass Emily aus London zu Besuch kommt – immerhin haben einige seiner Freunde aus Berlin sie ebenfalls kennengelernt und möchten bei dem Treffen sicher auch dabei sein. Er sieht die beiden Beiträge an und findet, dass sie noch etwas trocken aussehen – Ein Foto könnte Abhilfe schaffen. Er klickt auf einen Link in der Seitennavigation seines Weblogs, gleich unter dem Link zu seinem Friendster-Profil: Der Link heißt „Paul auf Flickr“.

Fotos: Flickr

Paul beschließt, ein Partyfoto von Emily und ihm selbst in seinem Weblog zu veröffentlichen. In seinem Mitgliedsbereich der Foto-Sharing-Plattform
Flickr hat Paul über 300 Bilder gespeichert. Wie auch beim Bookmark-Manager del.icio.us werden die Fotos bei Flickr durch Tags in Kategorien sortiert.; Wie beim Freundenetzwerk Friendster hat Paul auch bei Flickr ein Netzwerk von Freunden und Bekannten. Paul gibt ins Flickr-Suchfeld einfach „Emily“ ein und schon zeigt ihm die Online-Bildergalerie vier Bilder, die er beim Speichern entsprechend markiert hat. Auf zwei davon ist auch er selbst zu sehen. Paul entschließt sich für das verschwommenere Foto – die Farben sind stimmungsvoller, zudem möchte er so einen Rest an Anonymität bewahren. Mit wenigen Klicks schickt Flickr das Bild direkt an Pauls Weblog, ohne dass er sich dort noch einmal einloggen müsste: Sein Weblogprovider Blogger.com und Flickr.com sind durch offene Standards hochgradig integriert, tauschen Daten per Knopfdruck aus. Um das Ergebnis zu überprüfen, schaut Paul noch einmal auf sein Weblog. Er ist zufrieden mit dem Ergebnis. Als er gerade wieder anfangen möchte, seinen Artikel zum Urheberrecht weiterzuschreiben, fällt ihm auf, dass jemand einen Kommentar in seinem Weblog hinterlassen hat: „Es gibt gerade klasse Sonderangebote für Flüge von London nach Berlin. Falls Emily noch nicht gebucht hat, hier ist der Link…“. Paul öffnet eine neue Email, um Emily den Link weiterzuleiten.

Später am Abend, Pauls Artikel ist gerade fertig geworden und veröffentlicht, besucht Paul noch einmal die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Dieses Mal allerdings nicht, um zu recherchieren, sondern um seinen Artikel von Wikipedia aus zu verlinken – und somit das Netz um neues Wissen zu erweitern.

 

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