Thomas Jefferson und der Facebook-Wahlkampf

Elizabeth Linder vor Leinwand

Was hat Thomas Jefferson mit dem Facebook-Wahlkampf zu tun? Elizabeth Linder, „Government Specialist“ bei Facebook, sprach gestern im Berliner Base_Camp über den Einsatz von Facebook im Wahlkampf.

Bei Kaffee und Rotwein eröffnete Elizabeth Linder ihre Präsentation mit einem Zitat Thomas Jeffersons, der sich nach seiner Wiederwahl als US-Präsident Häme und persönlicher Angriffe seitens der Medien ausgesetzt sah. Im Jahr 1805 soll er angesichts der massiven Medienkritik den Schluss gezogen haben, die einzige Chance für ihn sei es, sich direkt an die Menschen zu wenden, denn sie würden ihm unvoreingenommen begegnen.

Damit stand das Motto von Linders Vortrag fest: Bei Facebook ginge es darum, sich den Usern direkt zu präsentieren. Daher sei das soziale Netzwerk so bedeutend für den US-amerikanischen Wahlkampf gewesen. Ihre Auswertungen hätten ergeben, dass Facebook-Nutzer eine um 57 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit aufwiesen, Freunde und Familie zur Wahl zu animieren als Nutzer anderer sozialer Netzwerke oder Menschen ohne Profil bei einem sozialen Netzwerk. Immerhin fast ein Drittel der US-Amerikaner seien nach Facebook-Angaben von Freunden angesprochen worden, wählen zu gehen. Überhaupt seien, so Linder weiter, die Nutzer von Facebook politisch: 25 Prozent von ihnen hätten auf ihrem Profil angegeben, für welchen Kandidaten sie stimmen. Auffällig: Von diesen rund 9,5 Millionen Nutzern waren rund zwei Drittel weiblich.

 Communities sind von großer Bedeutung

Das Ziel von Wahlkampagnen sei es, Interessierte zu Aktivisten zu machen, und nicht etwa, Anhänger noch stärker vom eigenen Kandidaten zu überzeugen. Eine beliebte Strategie sei etwa das Nutzen von Communities, wie „Women for Obama“. Als weiteres Beispiel nannte Linder das Profil der Ehefrau des wiedergewählten Senators Brown aus Ohio, die auf Facebook deutlich beliebter sei als ihr Ehemann. Gerade dieser unmittelbar wirkende Kontakt vermittele Sympathie und Nähe zum Kandidaten. Die Romney-Kampagne habe mit der „Stay with Mitt“-App ein ähnliches Werkzeug genutzt: Mithilfe dieser Anwendung konnten sich Unterstützer ablichten lassen und ihr Foto der Internetöffentlichkeit präsentieren.

Auch Cross-posting sei ein wirkungsvolles Instrument. So wirke es besonders authentisch, wenn Personen außerhalb der Kampagne sich für einen Kandidaten aussprächen und dies ausdrückten, indem sie ihr Profil mit dem des Kandidaten verlinken. Klarer Vorteil dieses Kommunikationswerkzeugs: Der Kandidat bestimme selbst, wer sich über ihn äußere.

Interessant waren Linders Beobachtungen hinsichtlich der Veröffentlichung von Fotos der Kandidaten im US-Wahlkampf. Zwar habe die Romney-Kampagne deutlich mehr Bilder bei Instagram veröffentlicht als das Obama-Team, doch habe Obama viel häufiger Menschen abgebildet, während Romney überwiegend Fotos von Plakaten, Räumlichkeiten usw. hochgeladen hatte. Ein sehr gutes Beispiel sei das Foto, mit dem Obama über sein Facebook-Profil seinen Wahlsieg bekannt gegeben hatte: Es zeigt ihn in Umarmung mit seiner Ehefrau Michelle, übertitelt mit „Four more years“. In der überschaubaren Historie von Facebook sei es das bislang am häufigsten gepostete Foto gewesen.

Facebook bietet enorme Potenziale für die politische Kommunikation

Zum Abschluss ihres Vortrags wagte Elizabeth Linder den Ausblick, dass Politiker zukünftig viel stärker als bisher via Facebook mit der Öffentlichkeit kommunizieren werden. Schon heute gehörten Politiker wie der Präsident von Nigeria, der Premierminister der Vereinigten Arabischen Emirate oder der britische Außenminister zu Vorreitern auf diesem Feld. Öffentliche Facebook-Mitteilungen wie die Glückwünsche europäischer Regierungschefs zur Wiederwahl Obamas seien ein Beleg dafür, dass es eine Entwicklung hin zu mehr Transparenz gebe – offizielle Stellen würden anstelle von Telefonaten und Memos in Zukunft stärker auf die Bürger zugehen, denn diese würden mehr Aufmerksamkeit einfordern.

In der anschließenden Fragerunde entgegnete Elizabeth Linder Bedenken hinsichtlich der Rückverfolgung von Wählerinnen und Wählern mittels Facebook mit ihrer Erfahrung, Nutzer würden Kommunikationswege bewusst auswählen und z.B. zwischen E-Mail und Facebook unterscheiden. Zur kritischen Nachfrage, ob soziale Medien wie Facebook nicht die Gefahr des Missbrauchs bürgen, lenkte Frau Linder ein, dies sei ein Problem, daher seien Aufklärung und Bildung im Umgang mit Medien wichtig.

Die Expertin für politische Kommunikation bei Facebook rechnet damit, dass Politiker mit der Zeit vermehrt auf Bürger zugingen, um sie aktiv und gezielt nach ihren Bedürfnissen zu fragen und Anregungen zu erhalten. Noch hätten viele Politiker Hemmungen, da sie befürchten, diese Konsultation der Bürger könne ihnen als Unsicherheit und Verletzlichkeit ausgelegt werden. Dabei biete Facebook enorme Möglichkeiten, auf Bürger zuzugehen und ihnen z.B. Änderungen ihrer Agenda oder Strategie zu erklären.

Fazit:

Elizabeth Linders Vortrag bot einige interessante Aspekte moderner Wahlkampfführung, ihre Antworten zu Bedenken wie Missbrauchsgefahr und Bedrohung der Privatsphäre blieben jedoch unverbindlich. Dennoch war es ein spannender Vortrag und es bleibt abzuwarten, ob sich etwa deutsche Parteien für den Bundestagswahlkampf 2013 an so mancher Technik aus dem diesjährigen US-Wahlkampf orientieren werden.

CC-BY-SA-Lizenz

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