Konkurrenz oder Ergänzung zum professionellen Journalismus? Teil II

Wie wird Onlinejournalismus den klassischen Journalismus verändern, wie wird er von den etablierten Medienformen bislang angesehen? In einer zweiteiligen Studie untersucht Christoph Neuberger, ob sich das Internet auch journalistisch gegenüber dem professionellen Journalismus behaupten wird können. Teil II befasst sich mit möglichen Zukunftsszenarien.

Sind wir alle Journalisten?

Der Medienwissenschaftler John Hartley von der australischen University Queensland hat im Juli 2004 auf einer internationalen Tagung in Erfurt die These vertreten, dass im Internet jeder ein Journalist ist (“everyone is a journalist”) und dass wir uns auf dem Weg in eine “redaktionelle Gesellschaft” (“’redactional’ society”) befinden. Diese Vorstellung ist naiv, weil sie den Journalismus auf den schlichten Vorgang des Veröffentlichens reduziert und seine spezifischen Leistungen ignoriert oder sie als in jedem Fall gegeben unterstellt, sobald sich nur jemand öffentlich zu Wort meldet.

Einen realistischeren Blick auf das Internet hat Hans Magnus Enzensberger in seinem Essay “Das digitale Evangelium” geworfen. Darin hat er von der eigenen utopischen Hoffnung Abschied genommen, dass neue Medien mit einem Rückkanal schon ihrer Struktur nach emanzipatorisch wirken: “Das interaktive Medium ist weder Fluch noch Segen; es bildet schlicht und einfach die Geistesverfassung seiner Teilnehmer ab.” Entscheidend ist nicht das technische Potenzial, sondern der Gebrauch eines Mediums. Nur wenig von dem, was im Internet publiziert wird, wird journalistischen Ansprüchen gerecht. Von den Kritikern werden vor allem zwei Einwände dagegen vorgetragen, dass auch Laien einen wesentlichen Beitrag zur öffentlichen Kommunikation leisten können.

Viele Augen sehen mehr, viele Köpfe wissen mehr

Einwand Nummer 1: Redaktionen von Presse und Rundfunk können kontinuierlich recherchieren und berichten. Dazu sind Laien in ihrer Freizeit nicht in der Lage. Dem lässt sich entgegen halten: Durch die Vielzahl der Nutzer, die ihr Wissen in den Communities teilen, wird dieser Nachteil wettgemacht. Je mehr Teilnehmer mitmachen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass irgendjemand Experte für ein Thema ist oder zur richtigen Zeit am richtigen Ort war – wie “Salam Pax” und einige andere
Warblogger, die während des Irakkriegs 2003 vom Ort des Geschehens berichten konnten.

Auch der US-Präsidentschaftswahlkampf 2004 liefert Belege für diese These: Dass sich John Kerry für John Edwards als Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten entschied, konnte man zuerst im Forum einer
Luftfahrt-Website lesen. Dort berichtete ein Mechaniker, dass das Wahlkampf-Flugzeug von Kerry, das in einem Hangar in Pittsburgh stand, gerade den Schriftzug “Kerry – Edwards” bekommen hatte. Und dass CBS-Anchorman Dan Rather auf gefälschte Dokumente über Bushs Wehrdienstzeit hereingefallen war, wurde in Weblogs wie
Rathergate aufgeklärt.

Das letzte Beispiel belegt auch die Wirksamkeit der „Watchdog “-Rolle des P2P-Journalismus, der etablierte Journalisten und Medien kritisch begleitet (wie in Deutschland der
BILDBlog die Bild-Zeitung).Dass auch nach dem Urteil professioneller Journalisten im Internet nicht

nur Belangloses und Minderwertiges publiziert wird, zeigt die große Bedeutung, die das Medium inzwischen als Recherchequelle besitzt – und das nicht immer nur zur Freude der Blogger: Als die Frankfurter Tabloidzeitung ”
News” umfangreich aus Weblogs zitierte, ohne bei den Autoren um Erlaubnis zu bitten, erntete das Blatt heftige Kritik.

Geprüft wird nach der Veröffentlichung

Einwand Nummer 2: Die Angebote haben keine Redaktion, um die Nachrichten und Meinungen vor ihrer Veröffentlichung zu prüfen. Es gibt keine Qualitätssicherung, journalistische Normen werden fortlaufend verletzt. Auch dieser Einwand lässt sich – zumindest teilweise – entkräften: Die Besonderheit des P2P-Journalismus besteht gerade darin, dass die Prüfung von Informationen und Meinungen erst nach der Publikation stattfindet: Was veröffentlicht wird, gilt als vorläufig und unfertig, es soll infrage gestellt und diskutiert werden. Die anderen Nutzer sind aufgerufen, fremde Beiträge in einer offenen Diskussion oder auf Bewertungsskalen zu kritisieren und, falls nötig, zu korrigieren. An diesem Prüfverfahren beteiligen sich auch andere Anbieter im Internet, vor allem in der “Blogosphäre”. Der Vorteil dieses Verfahrens besteht darin, dass die Qualitätskontrolle transparent ist und dass der oft an die Adresse von Redaktionen gerichtete Vorwurf, dass “hinter den Kulissen” manipuliert werde, nicht erhoben werden kann.

Wie effektiv diese in die Öffentlichkeit verlagerte Qualitätsprüfung ist – gemessen an journalistischen Standards –, ist bisher noch nicht gründlich untersucht worden. Viel dürfte davon abhängen, ob das Qualitätssicherungssystem gute Leistungen (durch Reputation, Bonuspunkte oder erweiterte Teilnahmemöglichkeiten) belohnt und schlechte bestraft.

Es muss die Bereitschaft gefördert werden, eigenes Wissen mit anderen zu teilen und vorgegebene Regeln einzuhalten. Reputation kann ein Teilnehmer z.B. nur dann erwerben, wenn das System über ein Gedächtnis verfügt, das seine Verdienste aus der Vergangenheit speichert und transparent macht. Über ein ausgefeiltes System verfügt etwa
Slashdot.org. Letztlich kommt es aber darauf an, dass die Teilnehmer fähig und willens sind, niveauvolle Beiträge zu schreiben und zu würdigen.

Professioneller und P2P-Journalismus ergänzen einander Denkbar ist das Entstehen eines Öffentlichkeitssystems, in dem sich professioneller und P2P-Journalismus ergänzen: Die Vorteile des professionellen Journalismus sind die hohe Reichweite, die er über Presse und Rundfunk erreicht, sowie die gründliche redaktionelle Prüfung. Die Stärken des P2P-Journalismus sind die Informations-vielfalt, der intensive Meinungsaustausch und die Schnelligkeit.

Professionelle Journalisten nutzen Blogs und Communities als Recherchequellen. Hier finden sie Themenideen, Argumente und Informationen aus “erster Hand”, die sie weiter verarbeiten. Dadurch können sie zusätzliche Aufmerksamkeit auf die partizipativen Websites lenken. Die Laienkommunikatoren im Internet filtern ihrerseits die Medienberichterstattung, indem sie auf ausgewählte Nachrichten linken, und sie begleiten den professionellen Journalismus als “Media watchdogs”. Der P2P Journalismus wird deshalb keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung zum professionellen Journalismus sein.

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