Konkurrenz oder Ergänzung zum professionellen Journalismus? Teil I

Wie wird Onlinejournalismus den klassischen Journalismus verändern, wie wird er von den etablierten Medienformen bislang angesehen? In einer zweiteiligen Studie untersucht Christoph Neuberger, ob sich das Internet auch journalistisch gegenüber dem professionellen Journalismus behaupten wird können. Teil I befasst sich mit den Hintergründen und der Entwicklung des Netzes in den letzten Jahren.

Solange der Journalismus auf die klassischen Massenmedien angewiesen war, also bis Mitte der neunziger Jahre, war redaktionelle Arbeit Mangelverwaltung. Die Vermittlungskapazität von Presse und Rundfunk reichte nicht aus, um jedem, der etwas öffentlich mitteilen wollte, die Möglichkeit dazu zu geben: Es gab nicht genügend Sendezeit und Frequenzen, nicht ausreichend Druckseiten und publizistische Einheiten.

Der Nachrichtenstrom musste in ein Rinnsal verwandelt werden. Diese Aufgabe wurde an Redaktionen, Verleger und Intendanten delegiert, die bestimmten, welche Nachrichten und Meinungen veröffentlicht wurden. Sie begleitete stets der Argwohn, dass sie ihre mächtige “Gatekeeper”-Rolle nicht neutral ausüben, sondern missbrauchen. Das Publikum kam nur selten zu Wort. Wer als Leser-briefschreiber seine Gedanken veröffentlichen wollte, war auf die Gnade der Redaktion angewiesen, die darüber entschied, ob die eingesandten Zeilen gedruckt wurden oder nicht.

Auch die Bewegung der Alternativmedien – aus der als bekannteste, professionellste und einflußreichste Publikation die taz hervorging – konnte dies nicht wesentlich ändern verändern.

In der Medienpolitik stand nicht umsonst jahrzehntelang die Kontrolle über den begrenzten Zugang zur Öffentlichkeit im Mittelpunkt. Egal, ob über Pressekonzentration oder Rundfunkregulierung diskutiert wurde, immer ging es um die Frage, wie unter den Bedingungen der Kanalknappheit Vielfalt und Ausgewogenheit gewährleistet werden können.

Das Nadelöhr ist im Internet an einer anderen Stelle

Ist im Internet nun alles anders, weil es ein unschlagbar billiges, flexibles und einfach bedienbares Publikationsmedium ist, sodass sich praktisch jeder öffentlich zu Wort zu melden kann? Nur scheinbar sind im Internet fast alle Hürden, die bisher den Weg in die Öffentlichkeit versperrt haben, beseitigt. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass auch hier nicht jeder allen alles sagen kann und nicht jeder alles lesen kann, was er lesen will.

Im Internet ist das Nadelöhr nicht verschwunden, sondern nur an eine andere Stelle gerückt: von der Anbieter- auf die Nutzerseite. Nun herrscht nicht mehr Knappheit an Vermittlungskapazität, sondern Knappheit an Zeit und Kompetenz der Rezipienten. Sie sind alleine mit der Aufgabe konfrontiert, aus der Überfülle an verfügbaren Informationen eine sinnvolle Auswahl zu treffen.

Drei Vermittlungsformen im Internet: Profession, Partizipation,

Suchalgorithmen

Der offene Zugang zum Internet wirft also zwei Folgeprobleme auf: die Auffindbarkeit von Informationen und die Prüfung ihrer Qualität. Auch im neuen Medium sind deshalb Vermittler notwendig, die für die Rezipienten diese Probleme lösen. Allerdings besitzen die professionellen Journalisten kein Vermittlungsmonopol mehr. Stattdessen gibt es im Internet ein Nebeneinander von drei Formen der Vermittlung öffentlicher Kommunikation: professionelle, partizipative und technisch gesteuerte Vermittlung.

Ihre Leistungsfähigkeit kann man jeweils danach beurteilen, wie sie das Problem der “Informationsflut” und das Problem des “Informationsmülls” bewältigen. Professioneller Journalismus wird vor allem von den klassischen Medien im Internet betrieben und nur von sehr wenigen reinen Online-Anbietern wie der
Netzeitung . Wie der Presse- und Rundfunkjournalismus ist er im Wesentlichen einseitig (also ohne oder nur mit geringem Nutzer-“Feedback”) und auf ein Massenpublikum ausgerichtet. Die
Online-Journalisten unterscheiden sich in ihrem Rollenselbstverständnis, nach ihren Tätigkeiten und Qualifikationen kaum von den Kollegen in anderen Medienbereichen.

Das Problem des professionellen Onlinejournalismus: Er ist teuer, weil eine Redaktion unterhalten werden muss. Da die Nutzer selten zahlungsbereit sind und die Werbeerlöse gering sind, ist er im Netz kaum finanzierbar. Presse und Rundfunk begnügen sich deshalb oft mit Billigjournalismus im Internet, mit Tickermeldungen und so genannter “Shovelware”, also Beiträgen, die vom Muttermedium übernommen werden. Außerdem wächst die Neigung, journalistische Inhalte als verkaufsförderndes Umfeld für Werbung und E-Commerce zu betrachten. Dennoch: Professioneller Journalismus ist prinzipiell ein Garant für eine hohe Angebotsqualität. Das unterscheidet ihn von Suchmaschinen wie
Google News und
Yahoo Nachrichten, die Nachrichten automatisch selektieren und gewichten. Sie können große Datenmengen verarbeiten, sind aber nicht in der Lage, deren inhaltliche Qualität zu prüfen. Außerdem können Suchmaschinen nur jene Beiträge auswerten und sortieren, die schon im Internet vorhanden sind. Sie selbst steuern keinen Content bei – anders

als der Peer-to-Peer-Journalismus , der auch
partizipativer Journalismus oder ”
Open source“-Journalismus genannt wird: Hier kann jeder schreiben, der sich dazu berufen fühlt.

Gemeint sind damit sowohl kollaborative Websites mit vielen Teilnehmern (wie
Slashdot.org,
Shortnews oder
Wikipedia)als auch Weblogs, die nur von einzelnen Personen betrieben werden, die aber untereinander eng vernetzt sind. Die “Blogosphäre” ist ebenfalls eine Gemeinschaft, in der unter Gleichen und ohne zentrale Kontrolle kommuniziert wird.

Ob Blogs und Peer-to-Peer-Communities die Bezeichnung “Journalismus” verdienen, ist eine derzeit heiß diskutierte Frage – etwa bei
Telepolis. Die Anbieter selbst betrachten ihr Tun als neue Art von Journalismus, so das
Ergebnis einer Befragun
g. Als Vorzüge im Vergleich zum traditionellen Journalismus sehen sie die subjektive

Perspektive, die Zugänglichkeit des Autors, die Aktualität sowie den

vielfältigen und intensiven Meinungsaustausch. Wenn ihnen Journalisten klassischer Medien das Etikett “Journalist” absprechen, so nicht zuletzt deshalb, weil sie damit den eigenen Beruf vor Konkurrenz schützen wollen, stellte das
Online Journalism Review schon 1998 fest.

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zweiten Teil des Artikels.

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