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Historische Rivalität nicht nur auf dem Fußballfeld

(1. Juni 2006) Bei der WM 2006 treffen auf dem Rasen nicht nur Fußballrivalen aufeinander. Auch historisch-politische und ökonomische Konflikte färben auf das Spiel ab, wie etwa zwischen ehemaligen Kolonien und Mutterländern.

Unter dem Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ trifft sich im Juni 2006 die Fußballelite zum Stelldichein in Deutschland – der viel zitierte Slogan suggeriert eine schöne heile Sportwelt, die freilich nach dem Anpfiff umgehend mit einer harten Wirklichkeit vertauscht wird, in der nur noch Siege zählen. Beim Fußball geht es – frei nach Bill Shankly, dem ehemaligen Coach des FC Liverpool – eben nicht nur um Leben und Tod, sondern um mehr. Dies zeigt auch ein Blick auf die zahlreichen Konfliktsituationen, die sich bei der Sortierung der Länderauswahlen in acht Gruppen zu je vier Mannschaften ergeben haben. Nur selten stehen sich dort gute Freunde beim Kampf in den Einzug in die nächste Runde im Weg, weitaus häufiger erleben über lange Jahre gehegte und gepflegte Rivalitäten eine Neuauflage.

Dass es beim WM-Turnier nicht nur friedlich zugehen wird, liegt in der Natur der Sache, denn nicht alle Mannschaften können gewinnen. Dass es dabei gelegentlich auch recht rau werden könnte – dafür spricht die Debatte um den Umgang mit gewaltbereiten Hooligans, sogar ein Inlandseinsatz der Bundeswehr scheint nicht ausgeschlossen. Ein Grund für das besondere Konfliktpotenzial der WM-Endrunde liegt in der Entwicklung des modernen Vereinsfußballs, denn die Internationalisierung der Mannschaftsaufstellungen eröffnet den Fans nur noch selten lokale oder regionale Identifikationsangebote – klassische „Länderwettkämpfe“ erscheinen daher um so stärker von national gebündelten Interessen geprägt. Dadurch geraten neben den häufig über Jahrzehnte gewachsenen sportlichen Rivalitäten stets auch solche Konfliktpotenziale in den Blick, die im multikulturellen Vereinsfußball längst überwunden scheinen.

Historische Rivalität nicht nur auf dem Fußballfeld

Treffen kann es dabei jeden: So wurde Ex-Weltmeister Frankreich im Eröffnungsspiel der WM 2002 von der eigenen Kolonialvergangenheit eingeholt – gegen den Senegal, gespickt mit Profis aus der französischen Liga, setzte es eine Niederlage, die den sang- und klanglosen Abschied der „Equipe Tricolore“ aus Asien einläutete. Der historisch-politische Hintergrund färbt besonders häufig auch die sportliche Konkurrenz: mit schöner Regelmäßigkeit messen Engländer und Argentinier auf dem Rasen ihre Kräfte – und werden stets an den Falkland-Krieg von 1982 erinnert. Streitfälle zwischen den USA und Mexiko gibt es nicht nur am Verlauf entlang des „Tortilla Curtain“, sondern gelegentlich auch an überwindlichen Hindernissen in Höhe der Strafraumgrenze. Und für die nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Polen gelten ohnehin besondere Regeln – die zuletzt wieder heftiger geführte Diskussion um Antisemitismus und Vertreibung unterlegt ganz aktuell das Aufeinandertreffen in der Gruppe A.

Die Liste lässt sich fortsetzen, doch schon eine kleine Zusammenschau deutet an, dass neben dem Geschehen auf dem Rasen sehr häufig ein Subtext zum Spiel existiert, der die sportliche Auseinandersetzung begleitet und nicht selten direkt darauf einwirkt. Die Halbwertszeit solcher Differenzen kann getrost in Jahrzehnten gemessen werden: In den Niederlanden hat sich die Wahrnehmung, 1974 als Vizeweltmeister die weit bessere Mannschaft gewesen zu sein, ins nationale Gedächtnis eingebrannt. Der Journalist Auke Kok spricht in seinem Buch „1974, wij waren de besten“ von einer wahren „Fußballfeindschaft“, deren Wurzeln bis in die Zeit des NS-Besatzungsregimes zurück reichen. In dieses Bild fügt sich auch ein ebenso ungewöhnlicher wie umstrittener Fanartikel für Anhänger des niederländischen Teams: ein orangefarbener Wehrmachtshelm aus Plastik.

Doch längst nicht nur nachbarschaftliche Beziehungen stehen unter dem Eindruck sportlicher Traumata. So interpretiert etwa der (schwedische) Schriftsteller Per Olov Enquist den legendären 2:0-Erfolg Argentiniens über England bei der WM 1986 als direkte Folge des Falkland-Krieges: „Eine gedemütigte Nation rächte sich an denen, die sie entwürdigt und kastriert hatten.“ Die Analyse unternimmt dabei auch einen Flankenlauf zu politisch-psychologischen Empfindsamkeiten – denn das südamerikanische Land des „Machismo“ sah sich vom England der Thatcher-Regierung gleich mehrfach in der Ehre verletzt.

Die Rolle der Medien

Eine wichtige Rolle für die Intensivierung und Ausbreitung solcher Konflikte übernimmt dabei die Berichterstattung – was angesichts der öffentlichkeitswirksamen Überzüchtung großer Turniere durch die jeweiligen Veranstalter nicht verwundern darf. Allen Regulierungsversuchen der Fifa zum trotz tragen gerade die Printmedien regelmäßig zu einer Erwärmung des Meinungsklimas in den Teilnehmerländern bei, zuletzt bekam dies vor zwei Jahren der Schweizer Unparteiische Urs Meier zu spüren. Bei der Europameisterschaft 2004 hatte er die umkämpfte Partie zwischen Gastgeber Portugal und England geleitet und dabei nach Meinung der wenig zimperlichen britischen „yellow press“ die Gastgeber bevorzugt: auf Schlagzeilen wie „You Swiss Banker“ und „Idiot Ref“ folgte eine Flutwelle von E-Mails und sogar Morddrohungen gegen den Schiedsrichter – weitere diplomatische Verwicklungen konnten gerade noch verhindert werden.

Auch die politische Neutralität der Schweiz bildet keinen Schutzmantel – so wurden die Eidgenossen bei den diesjährigen Play-Offs gegen die Türkei in einen neuen „Sportkonflikt“ gerissen. Nach erfolgreicher Qualifikation wurden Schweizer Spieler und Offizielle bei den Stadiontumulten von Istanbul getreten und geschlagen – seitdem sind die Beziehungen zwischen den beiden Ländern deutlich belastet. Nach dem Ursprung auf dem Fußballfeld erlangen solche Krisen über die Bühne der Massenmedien mindestens nationale Öffentlichkeit und Relevanz. Aufgrund der großen Popularität des Fußballs suchen politische Entscheidungsträger häufig die Nähe zum Sport und den zugehörigen Verbandsvertretern – damit ist der Weg zu einer „Politisierung“ des sportlichen Kräftemessens nicht allzu weit.

Geschichtsträchtige Konstellationen bei der WM 2006

Auch in der bevor stehenden Finalrunde gibt es interessante Konstellationen in den acht Vorrunden-Gruppen. So wird etwa das Thema „Kolonialvergangenheit“ diesmal zwischen Portugal und Angola (Gruppe D) verhandelt, gleiches gilt für Frankreich und Togo (Gruppe G), und auch das Team Englands findet sich mit Trinidad und Tobago (Gruppe B) in einer geschichtsträchtigen Konstellation wieder. Generell bilden die Gegensätze von „Mutterland“ und „Kolonie“ die größte Ansatzfläche für politische Hintergrundkonflikte, doch auch ohne solch direkte Beziehungen dürfte das Aufeinandertreffen europäischer und afrikanischer Teams für Aufregung sorgen. So steht die Paarung Italien gegen Ghana (Gruppe E) unter dem Eindruck eines zunehmend offenen Rassismus in der Serie A, der in dieser Saison eine neue Eskalationsstufe erreicht hat. Auch die spanische Primera División ist keineswegs frei von solchen Vorwürfen, wegen rassistischer Beleidigungen hatte der kamerunische Stürmerstar Samuel Eto´o (FC Barcelona) ein Spiel vorzeitig beenden wollen – in der Gruppe H treffen die Spanier jedoch „nur“ auf die Nordafrikaner aus Tunesien.

Ökonomische Dimensionen

Neben den „geopolitischen“ Konflikten fällt noch eine andere „Konfliktsorte“ ins Auge: Das Aufeinandertreffen von Australien und Japan (Gruppe F) führt zwei Nationen ins Stadion, deren grundverschiedene Haltung zum Walfang im vergangenen Jahr zur erheblichen diplomatischen Verstimmungen geführt hat. Auch um das nordmittelamerikanische Freihandelsabkommen Cafta gibt es Dissonanzen – allerdings scheint ein direktes Aufeinandertreffen der Kontrahenten Costa Rica (Gruppe A) und USA (Gruppe E) eher unwahrscheinlich. Gleich mehrfach werden handelsbezogene Partnerschaften auf die Probe gestellt: mit Tunesien und Saudi-Arabien unterhalten zwei Mitglieder der Arabischen Liga enge Kultur- und Wirtschaftsbeziehungen, dennoch konkurrieren sie in der Gruppe H um einen Achtelfinalplatz.

Neben der politisch-historischen bildet die ökonomische Dimension demnach einen zweiten Ansatzpunkt zur Beschreibung von Konfliktstellungen entlang der Auslosung des WM-Turniers. In der Kombination mit sportlich gewachsenen Rivalitäten ergibt sich so ein überaus reizvolles Konfliktpanorama, ein anderer Grundkurs in internationalen Beziehungen: der Fußball zeigt die Welt in einer überraschend politischen Perspektive.

Dieser Text erschien ursprünglich auf
www.arte-tv.com.

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