Kein Draht der Politik zu WLAN

Innovation und Eigeninitiative mit WLAN: Wie weiße Flecken des Online-Atlas ans Netz kommen könnten – Jürgen Neumann von der Initiative
freifunk.net im Interview.


Innovation und Eigeninitiative mit WLAN: Wie weiße Flecken des Online-Atlas ans Netz kommen könnten – Jürgen Neumann von der Initiative
freifunk.net im Interview.

politik digital: WLAN „dringt in Unternehmen ein“ ist eine typische Schlagzeile. Ist WLAN mehr als ein Technik-Thema?


Jürgen NeumannJürgen Neumann:
Auf jeden Fall. Dank WLAN – genauer gesagt Dank der Tatsache, dass es mit WLAN das erste mal eine Möglichkeit gibt, sich legal mit anderen Menschen über die eigenen Grundstücksgrenzen hinweg mit anderen Menschen zu vernetzten – handelt es sich auf jeden Fall auch um ein gesellschaftspolitisch relevantes Thema. WLAN bietet viele Chancen, Internet in Regionen zu bringen, die für kommerzielle Internetanbieter als Markt nicht interessant sind.

Ebenfalls besteht die Chance zum Aufbau sogenannter Communitynetze, die einen sehr starken sozialen Aspekt haben.

politik digital: Stellen drahtlose Computernetzwerke auf Basis von Eigeninitiative eine Konkurrenz für etablierte Provider dar?

Jürgen Neumann: Bisher stellt sich das nicht so dar, denn sie entstehen vor allem dort, wo kommerzielle Anbieter kein ausreichendes Angebot zu Verfügung stellen oder sie haben einen Zweck jenseits des Internetaccess, also etwas, das von kommerziellen Anbietern ohnehin nur bedingt adressiert werden kann.

politik digital: Jetzt ein paar Fragen zum Thema Politik: Welche Resonanz erhoffen Sie sich von Seiten der Politik und sind Sie mit dem Engagement der Politiker zufrieden?

Jürgen Neumann: Es gibt in Europa und anderen Ländern der Welt bereits zahlreiche Beispiele, wie mittels WLAN in Eigeninitiative etwas gegen die sogenannte digitale Spaltung unternommen werden kann. Entgegen der Aussagen der t-koms – die ehemaligen staatlichen Monopol-Betriebe, die trotz Deregulierung nach wie vor eine marktbeherrschende – quasi monopolartige Stellung haben. – gibt es auch hier Gebiete, in denen es keine (ausreichende) Versorgung mit Breitband-Internet gibt.

Die Politik ist meines Erachtens nach aufgefordert, die Augen zu öffnen und solche Initiativen zu fördern. Im Dreiklang zwischen öffentlicher Verwaltung, Internet Providern und Communities lässt sich das Problem der Breitbandversorgung auch dort lösen, wo es auf rein kommerziellem Weg keine Möglichkeit dazu gibt.

Zur Zufriedenheit mit dem Engagement: Es gibt bisher kein erkennbares Engagement seitens der Politik. Wir veranstalten diese Jahr zum zweiten mal einen internationalen Kongress zum Thema, zu dem Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus über 30 Nationen der Welt erscheinen werden. Obwohl wir mehrfach versucht haben, auch Menschen aus der Politik an der Diskussion zu beteiligen, ist das bisher nicht gelungen.

politik digital: Werden Initiativen wie freifunk.net oder vergleichbare Initiativen im Ausland staatlich gefördert?

Jürgen Neumann: Wir kennen das Beispiel aus Djursland, Dänemark, wo sowohl die EU als auch die lokale Verwaltung mit der Community kooperieren und Fördermittel bereit gestellt haben. Doch es geht nicht nur um Geld, sondern beispielsweise auch um Versammlungsräume oder Zugang zu öffentlichen Gebäuden, um dort Antennen installieren zu können oder Genehmigungen zur Installation von Sendemasten.

politik digital: Überlässt die Politik der Wirtschaft das Problem der digitalen Spaltung per WLAN zu lösen?

Jürgen Neumann: Ja, aber die Wirtschaft ist allein auch per WLAN nicht imstande, das Problem zu lösen. Es gibt in der Wirtschaft den Begriff “areas of market failure” – Gebiete in denen die Marktwirtschaft auf Grund ihrer eigenen Gesetzmäßigkeiten versagt – er bezeichnet Landstriche oder Gebiete, in denen die Installation von WLAN-Sendeanlagen und deren Betrieb nicht refinanziert werden können, da die Klientel zu gering ist. Genau da versagt sowohl der Staat als auch die Wirtschaft.

politik digital: Wie schätzen Sie die Chancen ein, in weniger entwickelten Ländern WLAN-Netze aufzubauen? Und ist WLAN nicht der zweite Schritt?

Jürgen Neumann: In den sogenannten Entwicklungsländern ist WLAN oft die einzige Chance, eine Kommunikationsinfrastruktur zu etablieren. Es gibt zahlreiche erfolgreiche Beispiele dafür – einige davon werden sich auf der Summer Convention präsentieren.

In vielen Regionen der Welt gibt es überhaupt keine analogen Leitungen. Deshalb ist der Einsatz von WLAN oftmals dazu da, um minimale Kommunilkationsmöglichkeiten zu schaffen, beispielsweise einfaches Telefonieren über voice-over-ip.

Bedenken sie wie wichtig Kommunikation auch für das wirtschaftliche Überleben sein kann. Allein die Frage “Wir brauchen Arbeitskräfte um schnell unsere Ernte einzufahren – könnt ihr helfen, bevor der Regen kommt“, kann sehr entscheidend sein. Dazu reicht im Dorf ein einziger Computer, der per WLAN mit den umliegenden Dörfern verbunden ist.

politik digital: Ist WLAN in Kombination mit Eigeninitiative ein Ansatz zur Lösung der digitalen Spaltung in den von Ihnen angesprochenen „areas of market failure“?

Jürgen Neumann: Definitiv. Dazu gibt es zahlreiche Beispiele – das Djursland ist wohl das prominenteste – und das ist nicht auf der Südhalbkugel, sondern mitten in Europa. Damit das Ganze funktioniert, ist aber auch die Öffnung der Politik zu diesem Thema notwendig und die Internet Provider müssen auch mithelfen.

Mittlerweile sprechen wir von der Community First Mile. Wir brauchen aber Internet Provider, die bereit sind zu kooperieren und ihrerseits den Community-Netzen Zugang zum Breitband-Internet schaffen.

politik digital: Vielen Dank für das Interview.

Terminhinweis: Die freifunk Summer Convention 2004 findet vom 3. September in Dänemark statt. Mehr Infos

hier
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