Offline und glücklich

(Artikel) MP3-Player, Einkaufen ohne Cash, Kinotickets aus dem Netz, Brombeeren mit digitaler Kalenderfunktion – das Leben ist so einfach. Aber wie funktioniert das Ganze in seiner Offline-Version? Ein Blick auf den analogen Alltag im Jahr 2006.

Es ist Herbst, und die nächste saisonale Eskalationsstufe naht unaufhaltsam. Da ein Winterschlaf im menschlichen Dasein nicht vorgesehen ist, ziehen sich die meisten Leute verstärkt in die eigene Wohnung zurück, sie wird ein Hort der Zuflucht. Da bleibt am Jahresende Zeit für eine kuschelige Retrospektive. Wie kann ich von der Digitalisierung der Welt profitieren? Was in meiner Welt ist eigentlich digital und was nicht? Schauen wir uns mal einen fiktiven, aber durchaus realitätsnahen Tag im Leben eines Offliners an und versuchen herauszufinden, was dieser Mensch alles verpasst – und wovon er verschont bleibt.

(Keine) Zeit für Technikgenuss

Das Frühstück beginnt wie immer: Kaffee, Toast, keine Lust. Die musikalische Untermalung liefert wie schon seit Jahrzehnten das altvertraute Küchenradio – nicht schön, aber laut. Gespielt werden die Hits der 80er, 90er und das vermeintlich Beste von heute. Und viel Werbung. Und irgendwie auf allen Kanälen dasselbe. Mit einem Notebook wäre Rettung nah, sagt der Kollege im Büro nebenan immer. Die eigene MP3-Sammlung würde Musik nicht nur fürs Frühstück, sondern gleich für mehrere Jahre Urlaub liefern – quasi gigabyteweise gute Laune. Sofern, ja, sofern der Player nicht nach irgendeinem komischen Update schreit – so wie nebenbei auch Windows, Office und zahlreiche andere Programme. Die Maschine will bedient werden und schreit nach dem, was ihr zusteht. Wenn der Rechner dann hochgefahren, die Updates runter geladen, virengeprüft und installiert sind, wenn die Playlist für den morgendlichen Klangteppich schließlich zusammengestellt ist – dann wird es Zeit, endlich ins Büro zu fahren.

Nach dem durchdigitalisierten Arbeitstag im Büro geht es schnell in den Supermarkt. Mist, die Kundenkarte fehlt – also wird es nichts mit dem dürftigen, aber geilen Geizrabatt. Das Portemonnaie war nämlich viel zu dick, die zahlreichen Karten fanden keinen Platz mehr. Dabei verschenkt man doch nur ungern was, mal abgesehen von den paar persönlichen Daten im Kartenantrag. Das Bezahlen mit der ec-Karte fällt leider auch aus – der Magnetstreifen ist defekt. Schade. Bar reicht es nur für den halben Einkaufszettel, denn wozu soll man Bargeld mitschleppen? Man kann doch bargeldlos bezahlen. Und es gibt doch an jeder Ecke einen von weltweit Millionen Geldautomaten, hieß es damals in der Werbung. Entzückend, dass dieser mehrere Euro Gebühren für die Abhebung nimmt – sofern er funktioniert. Ab und zu kann nämlich keine Datenbankverbindung hergestellt werden. Von solchen Störungen war irgendwie nie die Rede. Dabei sollte dank der Vernetzung der Welt alles viel, viel einfacher werden.

Abends ist Zerstreuung angesagt. Wie wäre es ganz altmodisch mit Kino? Nette Idee, aber die jung-dynamische Zielgruppe hat bereits alle guten Plätze Tage im Voraus reserviert. Online. So bleiben nur die mitleidig belächelten Friseursitze in den ersten Reihen. Bevor es dann verkrampft ins Bett geht, muss – sicher ist sicher – noch der alte Nachttischwecker aufgezogen und gestellt werden. Der vom Projektleiter mit Daten voll synchronisierte Terminplaner im Handy ist leider etwas unsicher, denn rechtzeitig zu einem wichtigen Termin stürzt der freundliche digitale Begleiter schon mal spontan ab. Effizient ist das Ding ja, irgendwie, aber leider auch sehr divenhaft. Bestimmt fehlt wieder irgendein Update. Also muss analoge Technik den Alltag retten. Ist ja nicht das erste Mal.

Es geht auch mal ohne

Die digitale Welt ist ohne Zweifel eine Bereicherung für unser Leben. Eine beschleunigte und weltoffene Gesellschaft ist mit den Mitteln vergangener Jahrhunderte nicht mehr zu befriedigen. Immer mehr Menschen haben jedoch das Gefühl, dass ihnen ganz persönlich die Kontrolle entgleitet. Immer mehr Geräte buhlen in immer kürzerer Zeit um Aufmerksamkeit, immer kompliziertere Systeme wollen bedient, administriert und gewartet werden. Immer schneller veralten gerade erlernte Techniken und eroberte Systeme. Immer neue Bedrohungen wie Viren, Trojaner und Phishing lassen die Masse der User zusammenzucken. Nichts scheint wirklich sicher im digitalen Raum, außer der gefühlten Unsicherheit. Irgendwie mitmachen, dabei sein, das muss man aber trotz alledem.

Abhilfe schaffen kann hier eine Stärkung der eigenen Medienkompetenz sowie der Ausbau der Fähigkeit, zwischen Sinn und Unsinn zu unterscheiden. Nicht alle Geräte, die angepriesen werden, werden wirklich benötigt. Nicht alle Features muss man nutzen. Und nicht an allen Online-Hypes muss man partizipieren. So bleibt im Falle der Überforderung eine Methode, die überraschend häufig hilft und viele Probleme gar nicht erst entstehen lässt: „Nein“ sagen zur digitalen Überfrachtung – und ab und zu einfach mal abschalten.

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