Mit dem Internet die Welt verbessern

(Artikel) Das Mitmach-Internet Web 2.0 bietet für Nichtregierungsorganisationen vielfältige Möglichkeiten: Mitglieder vernetzen sich, Kampagnen gewinnen an Aufmerksamkeit. Internationale Organisationen sind Vorreiter auf dem Gebiet, Deutschland hinkt hinterher. Ein Überblick von Jan Michael Ihl.

 

„Walschutzaktion legt Walschutzorganisation lahm“ schrieb der Walfang-Gegner Nicolas Entrup im März 2007 selbstironisch in
seinem Blog bei der
Whale and Dolphin Conservation Society (WDCS). Die Walschutzorganisation hatte Anfang März auf ihrer Website „das größte Web-Banner der Welt“ veröffentlicht, auf dem der Surfer am Bildschirm einem fast lebensgroßen Blauwal ins Auge schauen konnte, der langsam durch das Browserfenster schwamm. Über 120.000 Zugriffe innerhalb der ersten zwei Wochen nach Beginn der Aktion sorgten laut Entrup
Anzeige des WDCS dafür, dass der Server lahmte.

Seit neuestem locken knallige Plakate mit der Aufschrift „Wal-Schnitzel! Wal-Pizza! Wal- Döner!“ bundesweit auf die Website
www.walfleisch.com. Dahinter verbirgt sich nicht etwa das japanische Fischereiministerium, sondern ebenfalls der WDCS, der so die Betrachter zum Protest gegen den Walfang aktiviert. Gleich zweimal gelang es der Initiative so, mit einer viralen Strategie sich und ihr Anliegen in Blogs und über E-Mails ins Gespräch zu bringen.

Weblog-Kampagnen sind in Deutschland selten

Online-Kampagnen, die auf Blogs setzen, haben in Deutschland noch eher Seltenheitswert. Ob die vier großen Umweltverbände in Deutschland, Greenpeace, BUND, WWF und Naturschutzbund, das globalisierungskritische Bündnis Attac oder Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen und Unicef – sie sind im Internet oft weit weniger innovativ als ihre Partner-Organisationen im Ausland. So sind Blogs und Podcasts oder Web-2.0-typische Funktionen wie Vernetzung durch das Setzen von Lesezeichen (Social Bookmarking) und vom Nutzer erstellte Inhalte in Deutschland eher die Ausnahme. Natürlich kommt heute keine Organisation mehr ohne eine professionelle Website aus, und viele bieten eine erstaunliche Informationstiefe. Aber gegenüber dem, was politische Initiativen vor allem im englischsprachigen Ausland auf die Beine stellen, scheint es, dass die deutschen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) das Web 2.0 verschlafen.

Internationale NGOs als Vorreiter

Vor allem internationale und US-amerikanische NGOs setzen inzwischen wie selbstverständlich auf das Mitmach-Web. Die britische Organisation Amnesty International etwa fordert mit ihrer Online-Kampagne
Irrepressible.info gezielt Blogger in der ganzen Welt auf, gegen Zensur einzutreten. Die Dachorganisation der Ärzte ohne Grenzen,
Médécins sans Frontières, hat
auf ihrer internationalen und
auf der US-Website prominent eigene Podcasts verlinkt, in denen MSF-Mitarbeiter persönlich und direkt aus ihren Einsatzgebieten berichten. Und
Greenpeace USA, deren Chef
John Passacantando und einige Mitarbeiter selbst bloggen, stellt allen Unterstützern
eigene Blogs zur Verfügung. Zudem versucht die Umweltschutzorganisation, über ein eigenes
Soziales Netzwerk Studenten zum Engagement zu gewinnen. Das Jane-Goodall-Institute nutzte sogar
ein Blog verbunden mit Google Earth, um seine Aktivitäten zum Schutz der Schimpansen in Tansania besser sichtbar zu machen. Und die Menschenrechtsorganisation
WITNESS startete zusammen mit dem internationalen Blogger-Netzwerk
Global Voices den
„Witness Video Hub“, um Menschenrechtsverletzungen weltweit ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen.

Aktivismus im Web 2.0

Vielleicht noch mehr „Activismus 2.0“ sind Plattformen wie der
Digg-ähnliche Nachrichtenfilter
Dotherightthing, in dem Meldungen über das ethische Verhalten von Unternehmen nach „positiv“ und „negativ“ sortiert und gesammelt werden. Die „Corporation-Watch-Suchmaschine“
Knowmore.org lässt Nutzer fast wie bei der Wikipedia an Beiträgen über das ethische Verhalten von Konzernen mitschreiben. An einem grafischen Index sieht man dann auf Anhieb, ob beispielsweise der Ölkonzern Exxon-Mobil in den Kategorien „Umwelt“ oder „Menschenrechte“ auf der Ampel-Skala tiefrot oder nur dunkelgelb erscheint.

Das Netzwerk für politischen Aktivismus
Change.org will vor allem Gleichgesinnte vereinen, zum Beispiel zu Themen wie “Stop Global Warming” oder “Save Net Neutrality“, und sie mit Initiativen in Kontakt bringen, die schon an diesen Themen arbeiten. Für NGOs will Change.org Spenden einwerben und davon ein Prozent für den eigenen Betrieb behalten. In einigen US-Blogs stoßen solche Projekte auf reges Interesse, etwa im Technologie-Blog
Techcrunch, das sowohl über Change.org als auch über Dotherightthing berichtetete.

Experimente mit Blogs und Podcasts

In Deutschland keimt die Idee, mit den „neuen Medien 2.0“ die Welt zu verbessern, erst langsam. Einige NGOs haben in den letzten Jahren damit experimentiert. Darunter war etwa Unicef mit einem Aufruf,
gegen AIDS zu bloggen, oder die deutsche Greenpeace-Sektion, für die Aktivisten
von Aktionstouren oder
aus dem finnischen Urwald bloggten.

Auch das globalisierungskritische Netzwerk Attac hostet noch
einige Blogs – die Mehrzahl ist allerdings verwaist. Für Attac-Sprecherin Frauke Distelrath liegt das an knappen Personalressourcen. Sie selbst lese Blogs auch noch nicht regelmäßig, dabei habe sie es eigentlich längst vor. Aber „wir sind quasi immer unterbesetzt“. Dennoch hofft sie, dass Blogs die Hürden zur Diskussion von Attac-Themen niedriger machen. Immerhin: Mit einem Podcast mache man gute Erfahrungen. Darüber verbreitet Attac seit 2006 Mitschnitte etwa von Vorträgen oder Audioversionen von Zeitschriftenbeiträgen, manchmal auch eigens erstellte Beiträge.

Beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (
BUND) haben erst mal noch ganz andere Dinge Priorität. Eine Termindatenbank für die Aktivitäten der rund 2000 Ortsgruppen sei ganz oben auf ihrer Wunschliste fürs Web, sagt BUND-Sprecherin Friederike Otto. Blogs seien zwar ein „nice to have, wenn wir personell super aufgestellt wären“. Sie befürchtet aber, dass nicht jeder, der auch viel wisse, Lust am Schreiben und speziell an der Blog-typischen Schreibe habe. Bedarf sieht Otto erst mal in der internen Kommunikation mit den auf ganz Deutschland verteilten, regional und lokal organisierten Mitgliedern.„Wir wollen jetzt Wikis für die interne Kommunikation einsetzen, denn es gibt wahnsinnig viel Wissen bei wahnsinnig vielen Mitgliedern.“

Ansätze sind also auch in der Deutschen NGO-Szene durchaus vorhanden. Nun gilt es, zu beobachten, wie die Potenziale zur Vernetzung von Kampagnen und Aktionen in Zukunft genutzt werden.

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