Blogs zeigen unsere menschliche Seite

Greenpeace war schon lange vor der Green-My-Apple-Kampagne im Internet aktiv. Ob man mit dem Internet die Welt retten kann und welche Chancen Weblogs für die Nichtregierungsorganisation bieten, erklärt Brian Fitzgerald, Online-Chef bei Greenpeace International, im Interview.

 

Wann habt ihr bei Greenpeace International zu bloggen angefangen?

Das hängt ganz von der Definition von „Weblog“ ab. Movable Type installiert [System für die Veröffentlichung von Weblogs, das auf dem eigenen Rechner installiert werden muss, Anm. d. Red.] und unser erstes Weblog veröffentlicht, das wir auch Weblog nannten, „
Banners and us“, haben wir am 28. Mai 2002.

Aber wir hatten zuvor eine Reihe persönlicher Online-Tagebücher von Campaignern und Schiffs-Crews, sogar schon
1997. Nein, warte,
1996. Nein,
1995.

Gab es Hindernisse oder Probleme und wie reagierten Leser und auch Kollegen? Gibt es z.B. „Corporate-Blogging-Richtlinien“ bei Greenpeace?

Blogs sind was persönliches und befinden sich daher in fremdem Terrain, was unsere internen Prozesse angeht. Wir erklären alle Meinungen in Blogs als jene des jeweiligen Autoren, nicht als offizielle Greenpeace-Meinung, und wir streifen schon mal jenseits unserer Kernthemen umher. Das dient dem Ziel, die menschliche Seite unserer Crews, unseres Personal, der Ehrenamtlichen und Campaigner zu zeigen und sie persönlich völlig frei darin zu lassen, was sie sagen. Gelegentlich führt das zu erhobenen Augenbrauen und verursacht Reibungswärme bei den Kollegen, die enger mit der Kontrolle unserer Kommunikation mit klassischen Medien verbunden sind. Wir haben aber sehr, sehr oft die Erfahrung gemacht, dass wir dabei selbst noch viel sensibler sind als unsere Leserschaft.

Zum Beispiel haben wir ja eine sehr aufmerksame Zielgruppe, die sich normalerweise nicht scheut, Einwände gegenüber Inhalten auch auszusprechen. Die Leute schreiben uns, wenn sie Schreibfehler auf der Website finden oder wenn sie mit einer Position nicht einverstanden sind oder etwas bedenklich finden. In einem Blog beklagte sich eine Campaignerin, die für einige Tage in einer Aktion in tief verschneiten Wäldern war, um Abholzungen zu stoppen, sie „friert sich den Arsch ab“. Wir hatten eine heftige interne Diskussion mit einigen Kollegen, die meinten, dass das ein absolut unakzeptables Statement von einem Greenpeace-Umwelthelden sei. Ich fand es menschlich und hatte persönlich kein Problem damit, aber ich wurde überstimmt. Aber was mich erschrak, war, dass eigentlich niemand in der Debatte danach gefragt hatte, ob unsere Leser sich beschwert hatten. Niemand hatte das.

Sind Blogs für NGOs eher ein „Nice to have“ oder ein Muss? Wie relevant sind Blogs und Podcasting für die politische Kommunikation, auch in Zukunft?

Ich bin mir nicht sicher, ob Blogs für alle notwendig sind. Aber für uns sind sie es. Das Blog-Publikum, und besonders das Podcast-Publikum, ist noch sehr, sehr klein, verglichen zu vielen anderen Medien. Für einige NGOs sprechen Blogs kein großes Publikum an. Aber ein großes Publikum sollte auch nicht der Grund sein, ein Organisations-Blog zu starten. Wenn Blogs ein inhaltliches Bedürfnis für ein breites Blogger-Publikum erfüllen, fängt es an interessant zu sein. Oder wenn Blogs ein Mittel sind, außerhalb des Offiziellen zu sprechen und eine Gruppe menschlich in Erscheinung treten zu lassen, ist das ein guter Grund. Zum Beispiel wissen wir aus Umfragen, dass Leute ziemlich verrückte Gedanken haben, wie ein typischer „Greenpeacer“ ausschaut. Einige stellen ihn sich als gewalttätigen, rabiaten Freak vor, und es ist daher wichtig zu zeigen wie es wirklich ist. Die Leute, die auf unseren Schiffen fahren und ihr Leben bei Aktionen riskieren, passen in keine Schublade. Da gibt es Wissenschaftler und Motoren-Schrauber, Business-Typen und Cheerleader. Das sind Menschen, wie man sie jeden Tag trifft, mit dem Unterschied, dass sie sich entschlossen haben, etwas für die Zukunft des Planeten zu tun. Wir wollen wirklich gerne, dass diese Tatsache durchkommt, und am besten geht das, indem man die Kommunikationskanäle öffnet, damit Leute die Aktivisten über die Blogs treffen können. Die Leute sollen sich mit diesen Menschen identifizieren können, wenn wir wollen, dass sie diesen wichtigen ersten Schritt tun, persönliche Verantwortung für unseren Planeten und seine Zukunft zu übernehmen. Sie sollen wissen, dass es kein grimmiges Gesicht, kein High-Tech und auch keinen Spaßverbots-Ansatz erfordert, um die Welt zu retten. Es geht einfach um eine hoffnungsfrohe Einstellung, ob nun dabei, eine Lampe gegen eine Energiesparlampe auszuwechseln oder eine Regierung herauszufordern.

Was für andere Social Software setzt Greenpeace ein, neben Flickr und YouTube? Gibt es da besondere Regeln, zum Beispiel keine Software von Unternehmen einzusetzen, die anderswo wegen ihres Handelns in der Kritik stehen?

Wir wenden dieselben Regeln auf Dienste von Drittanbietern an wie auf Zusammenarbeit mit anderen NGOs: keine permanenten Bündnisse, keine permanenten Gegner. Wir mögen Flickr, wir mögen YouTube, wir mögen Technorati und Del.icio.us und Digg und all die anderen Dinge, die das Web gerade demokratisieren. Aber sie sind auch nur Werkzeuge – wir wollen mit dem Einsatz dieser Tools keine Werbung für sie machen. Wir denken nicht, dass die Tatsache, dass wir sie einsetzen, schon unsere Unterstützung ausdrückt. Wir hatten zum Beispiel Probleme damit, dass Leute unsere Bilder bei Flickr aus politischen Gründen als „bedenklich“ meldeten, und Flickr darauf antwortete, als würden wir Pornografie einstellen. Jedes Mal, wenn wir das angesprochen haben, ist es schnell und verantwortungsvoll behandelt worden. Aber Fakt ist, dass einige Demokratisierungstools knifflig sind, wenn sie auf sehr umstrittenem Gebiet eingesetzt werden. Wikipedia ist großartig für Einträge in der Art „wie funktioniert diese und jene Maschine“, aber wenn man jemals am Ping-Pong-Spiel beim Bearbeiten eines Eintrags zu Atomenergie teilgenommen hat, weiß man, wie subjektiv „Fakten“ sein können. Wir glauben, dass in völlig offener, vollkommen informierter Debatte der Planet im Allgemeinen gewinnt. Aber es sorgt uns auch, wenn wir von PR-Beratern von Unternehmen hören, die Armeen von Bloggern und Wikipedia-Autoren bezahlen, um eine Version der Wahrheit zu befördern, die sie sich leisten können.

Stichwort Open Content: Greenpeace benutzt hier und da Creative-Commons-Lizenzen, zum Beispiel in manchen Flickr-Photostreams, aber das Creative-Commons-Label taucht nicht überall auf, etwa bei Texten auf der Website. Ist Creative Commons nicht eine enorme Chance für NGOs, ihre Botschaften mittels Bloggern besser verbreiten zu können? Plant Greenpeace damit?

Wir haben begonnen, mit CC-Lizenzen in der
Green-my-Apple-Kampagne zu experimentieren, wo wir Bilder, Videos und anderes Material bereitstellen, damit Leute unter CC-Lizenzen so genannte Mash-Ups machen. Persönlich würde ich gerne alles auf unserer Site ohne einen Moment zu zögern unter CC stellen, und die Zahl derer in der Organisation, die genauso fühlen, wächst. Aber wir sind ein großes Schiff und manchmal langsam zu wenden. Ich denke, der größte Stolperstein zurzeit sind Fotos. Wir engagieren Top-Fotografen, die preisgekrönte Fotos für uns schießen, und sie sträuben sich verständlicherweise dagegen, dass an ihrem Mittel zum Broterwerb gezerrt wird. Ob das nun ein Gebiet ist, das wir einfach anders behandeln müssen, oder ob wir da eine Art von Vereinbarung erarbeiten – ich denke, man wird immer häufiger CC-Lizenzen bei Greenpeace sehen. Unser Büro in Großbritannien hat gerade darauf
umgestellt, und wir schauen uns das Experiment mit Interesse an.

Der letzte Schrei im Marketing von Unternehmen ist ja die virtuelle Welt Second Life. Einige Konzerne haben dort Präsenzen eröffnet. Sieht so auch die Zukunft des E-Campaignings aus oder ist das nur ein kurzer Hype?

Ein faszinierender Ort ist das. Es gibt tolle Gelegenheiten, damit Aufmerksamkeit zu kriegen und Spenden zu werben. Aber „first Life first“. Wir sollten alle mal wieder mehr raus in die Natur. Digitale Neuschaffungen der echten Welt als Utopie sind wirklich anziehend. Aber ich ziehe es vor, die echte Welt mehr zu dem idealen Platz zum Leben zu machen, als eine Simulation davon in einer digitalen Landschaft zu erschaffen. Trotzdem gibt es eine Menge Leute – hauptberufliche Greenpeacer und freiwillige Unterstützer – die mit Aktivismus in dieser Umgebung experimentieren. Und alles, wodurch Leute aktiv werden, die Welt zu verändern, ist eine gute Sache.


Das Gespräch führte Jan Michael Ihl. Er studiert Electronic Business an der Universität der Künste und Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin. 2006 leitete er bei der Netzeitung das Citizen-Journalism-Projekt Readers Edition . Für Greenpeace führt er selbst ehrenamtlich Trainings durch.

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