Es geht im Moment vor allem um Machtpolitik

Interview mit dem Experten für arabisch-islamische Kultur, Dr. Marco Schöller

In der Folge der Terroranschläge auf die USA erhält die Diskussion über die islamische Welt und den religiösen Fundamentalismus neuen Auftrieb. Andreas Menn sprach mit Marco Schöller, wissenschaftlicher Assistent des Orientalischen Seminars der Uni Köln, über Medienwahrheit und Wirklichkeit des Islam.

politik-digital: Die Medien übermitteln seit Dienstag die Bilder feiernder Palästinenser, die den Terror in den USA begrüßen. Spiegeln diese Bilder die allgemeine Stimmungslage im Nahen Osten wieder?

Marco Schöller: In den letzten Tagen sind in den Fernsehkanälen ganz bestimmte Bilder immer wieder und wieder gezeigt worden. Diese Bilder stellen gerade nicht die allgemeine Haltung im Nahen Osten dar. Es gab auch andere Stimmen aus Ägypten, die ich selber allerdings nur einmal gesehen habe. Man hat schon den Eindruck, als würden in Deutschland Episoden, die hier und da mal passiert sind, als eine generelle Stimmung dargestellt und verkauft.

politik-digital: Wo vermuten Sie die Beweggründe für das Attentat? Wird der Islam zu Recht mit dem Terrorismus in Verbindung gebracht?

Schöller: Das ist eine sehr schwierige Frage in einer solch komplexen Situation. Die Islamwissenschaft und Orientalistik hat natürlich seit Jahren schon ihre liebe Mühe und Not damit. Es ist bisher nicht ganz klar, ob der Anschlag aus der islamischen Ecke kam, doch auch die Islamwissenschaftler gehen davon aus. Man sollte jedoch versuchen, das Ganze nicht nur als einen religiösen oder kulturellen Konflikt zu sehen, wie es im Moment von vielen Leuten sehr stark gemacht wird, speziell auch von Politikern.

politik-digital: Dennoch führen seit dem 11. September viele Stimmen gerne Huntingtons These zum “Clash of civilizations” heran, die man im Anschlag auf New York und Washington wieder verifiziert sieht. Gibt es den “Kampf der Kulturen”?

Schöller: Auch das ist ein Problem, mit dem sich die Orientalistik schon lange auseinandersetzt. Huntington wird sich nun bestätigt sehen, und so werden es auch viele andere Leute sehen, das ist das große Problem. Dabei handelt es sich überhaupt nicht um einen Konflikt zwischen Kulturen und Religionen, sondern um einen Machtkonflikt um Einflusskontrolle in den islamischen Ländern. Man kann gewissermaßen auch so weit gehen und sagen, dieser Machtkonflikt habe sich in der orientalischen Region entwickelt in den letzten Jahrzehnten, und da kann es dann nicht ausbleiben, dass dann auch islamische Traditionen und Konzepte bei der Erstellung einer Ideologie verwendet werden.

politik-digital: Speist sich der religiöse Fundamentalismus also vorwiegend aus Machtkalkül?

Schöller: Ja. aber nicht das Machtkalkül der Herrschenden. Die meisten Machthaber in den orientalischen Ländern sind dem Fundamentalismus ganz abhold, die haben damit nichts am Hut. Denken Sie an Ägypten, an Syrien, da trifft das ja schon mal nicht zu. Dort sind die Fundamentalisten im Gegenteil eine ganz große Gefahr für die einzelnen Regierungen. Fundamentalismus, wie er von der islamistischen Seite vertreten wird, lässt sich letztendlich mit den Zielen keiner der großen monotheistischen Religionen verbinden – nicht mit dem Islam, nicht mit dem Christentum, nicht mit dem Judentum. Trotzdem gibt und gab es immer wieder extremistische Auslegungen dieser Religionen. Im Moment ist es aufgrund der Ereignisse so, dass die islamistischen Fundamentalisten besonders aktiv sind, aber man wird sich eben doch hüten müssen, das als den Islam zu sehen, so einfach das auch scheinen mag.

politik-digital: Woraus begründet sich die zunehmende antiamerikanische Einstellung der letzten Jahre?

Schöller: Das liegt ganz einfach daran, dass Amerika die Supermacht in der Welt ist, und natürlich auch in den letzten Jahrzehnten in der Nahostpolitik immer der treibende Faktor gewesen ist. Selbstverständlich waren andere Länder mit daran beteiligt. Allerdings haben auch die Leute in den islamischen Ländern eine simplifizierende Sicht der Dinge. So wie wir im Westen vereinfachen und sagen, dass beim Terrorismus “alles was mit dem Islam zu tun hat”, so sagen natürlich die Leute dort: Alles was uns aus dem Westen entgegen schlägt, hat mit Amerika zu tun.

politik-digital: Wie sollten die Regierungen der westlichen Staaten nun vorgehen, um größere Konflikte für die Zukunft zu vermeiden?

Schöller: Ich denke, man muss die politischen Bemühungen mehr aktivieren. Es wird zur Zeit soviel über militärische Reaktionen gesprochen, da gibt es einiges Bedenkliches zu zu sagen. Militärische Reaktionen gegen Terroristen sind grundsätzlich wenig fruchtbar. Daher muss man schauen, dass sich die Lebenssituation der Menschen in den islamischen Ländern verbessert. Hier könnte der Westen noch mehr tun, und man darf jetzt auf keinen Fall die politischen Bemühungen einstellen. Im Gegenteil sollte man die politischen Aktivitäten im Nahen Osten verstärkt weiterführen.

politik-digital: Herr Schöller, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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