Studentenstreik in Gefahr

Nackte Tatsache: der Studentenstreik in Berlin erlahmt. Aber Online wird heftig gestritten, da es hier bequem ist, Möchtegern-Dutschkes die Suppe zu versalzen. Ein Grund für das Streikende?

Während in Berlin die Proteste der Studierenden erlahmen, ließen Leipziger Studierende bei einem “Softporno” nackte Tatsachen sprechen. Der jüngste öffentlichkeitswirksame Coup, über den die Medien dankbar berichtet haben: Dreharbeiten für einen Softporno mit dem Titel “Die Bildung ist nicht die Hure der Wirtschaft”.

Neue Front: Internet

Zeitgleich wird an einer anderen Front gefochten, gestritten und polemisiert. Die Differenzen zwischen Streikgegnern und -befürwortern sind nicht in milder Nach-Weihnachtsstimmung entschwunden. Allerdings muss man genauer nach dem Schauplatz suchen: Die vehementen Diskussionen und handgreifliche Rangeleien zwischen Besetzern und Bildungshungrigen haben einer gespenstischen Stille Platz gemacht, die wohl nicht zuletzt von der generell schwindenden Beteiligung an den Vollversammlungen herrührt. An Berliner Unis scheint der Zustand eingetreten, den so viele vor Weihnachten prophezeit und mitunter heimlich herbeigewünscht hatten: Wer studieren will, studiert, und wer streiken will, der streikt eben.

Ein Blick auf die Homepage der
Streikzentrale der Freien Universität Berlin, die vor Weihnachten noch mit einer Flut von bis zu 100 Mails pro Stunde überschwemmt wurde (siehe
Artikel “streikzentrale.de – kreatives Chaos) zeigt, dass die Wortgefechte pro und contra Streik immer stärker im Internet ausgetragen werden: Während der Terminkalender allmählich dünner wird und deutlich weniger Aktionen ankündigt, finden in den drei Foren der Homepage immer noch rege Diskussionen statt. Einige User beschimpfen die noch gelegentlich stattfindenden Besetzungen (beispielsweise die der SPD-Parteizentrale Anfang Januar) als “schwer kriminelle Aktionen” und fordern, die Protestierenden sollten sich doch bitte so verhalten, “wie es sich für zivilisierte Menschen gehört”. Während sich die
Streikseite der Technischen Universität Berlin auf eine inhaltliche Fundierung der Proteste konzentriert und Infos zu Bildungskürzungen und Bafög bietet, werden im
Forum der Humboldt-Universität Berlin Bibeltexte zitiert und mit Marx und Stalin gekontert – über einen Mangel an Witz und Weltanschauung kann sich zumindest kein Gast im Forum beschweren.

Anonyme Faulpelze?

Weniger witzig gemeint scheint eine “Grabrede auf den Streik” auf den Seiten der Streikzentrale: Die zahlreich oder zumindest unter wechselnden Pseudonymen vertretene Front der Streikgegner rühmt sich, das Ende der Proteste von Anfang an gesehen und durch ihre polemischen Kritiken befördert zu haben: “Wir konnten vielleicht nicht den Berliner Senat in seinem Kürzungswahn aufhalten, aber wir konnten immerhin ein paar von euch selbstgefälligen Möchtegern-Rudi-Dutschkes in die Suppe kotzen…” Diese Provokation wird von anderen Usern wiederum heftig gekontert, viele scheinen jedoch resigniert zu sein: “Wenn selbst die Basis des Streiks so zerstritten ist, macht es keinen Sinn, weiter zu streiken.”

Dabei kann der Streit um den Streik durchaus sinnvoll sein, wie die zunehmende Meinungsbildung und Politisierung unter den Studierenden in den vergangenen Wochen gezeigt hat. Bedenklich ist lediglich die Beobachtung, dass solche Diskussionen sich mittlerweile aus der Öffentlichkeit ins Internet verlagert haben. Wenn sogenannte Streikgegner nur noch aus der Anonymität des virtuellen Raumes argumentieren und den aktiven Studierenden die Vollversammlungen als diskussionsfreien Raum überlassen, geht ein wichtiges Moment des Protestes verloren. Darüber hinaus verleitet die Online-Partizipation vom heimischen Schreibtisch aus zur Bequemlichkeit und emotionaler Distanz – ein Schluss, zu dem auch Professor Dieter Rucht im
Interview mit politik-digital.de gelangt. Diese Entwicklung und nicht die Kontroversen selbst stellen die größte Gefahr für den Studentenstreik dar und könnten dazu führen, dass die Bewegung schließlich verebbt. Der Streik in Berlin wird aller Wahrscheinlichkeit nach nie offiziell auf einer Vollversammlung beendet werden, weil dazu mittlerweile nicht mehr genug Studierende erscheinen und so die Beschlussfähigkeit fehlt. Vermutlich wird der einzige “Streik-Grabstein” im Internet zu finden sein, in Form einer verlassenen Streik-Seite.

Erschienen am 21.01.2004


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