Der Politblogger und sein Milieu

(Artikel) Blogger mit politischem Interesse sind männlich, gut gebildet und über 30 – kurz: alte Akademiker. Jan Schmidt hat sich die Spezies „Politblogger“ einmal näher angesehen und stellt die einschlägigen Ergebnisse der zweiten Umfragewelle von „Wie ich blogge?!“ vor.

 

Mit Weblogs verbinden sich, wie mit vielen neuen Medien, demokratietheoretische Hoffnungen, die vor allem auf den in der Blogosphäre vorherrschenden Leitbildern gründen: Persönliche Authentizität, Niederschwelligkeit, Dezentralität und Dialogorientierung verweisen darauf, dass weblogbasierte Kommunikation andere Strukturen und Mechanismen als die massenmedial hergestellte Öf­fentlichkeit aufweist, die lange als zentrale Sphäre politischer Diskurse und Deli­beration galt. Weil Sprecher- und Publikumsrollen sowie Information und Meinung weniger deutlich voneinander getrennt sind, können sich in der Blogosphäre neue Kanäle für den Informationsfluss herausbilden, genauso wie neue Foren für den Austausch zu politischen Themen und neue Mechanismen der Mobilisierung für bestimmte politische Ziele.

Die bislang umfassendsten empirischen Daten zur Nutzung von Weblogs im deutschsprachigen Raum liegen in der Studie „
Wie ich blogge?!“ vor, eine Umfrage der Forschungsstelle „Neue Kommunikationsmedien“ aus dem Oktober vergangenen Jahres. Im Sommer 2006 wurden über 1400 Teilnehmern der ersten Welle ein zweites Mal befragt. Hier ging es nicht nur darum, wie sich die Nutzungsweisen im Laufe des vergangenen Dreivierteljahres verändert haben könnten: Ein weiterer Schwerpunkt lag auf dem Thema „Weblogs und Politik“. Die Umfrage ist aus methodischen Gründen zwar nicht repräsentativ für die deutschsprachige Blogosphäre, aber dennoch sehr aufschlussreich (der vollständige Ergebnisbericht ist
hier verfügbar):

  • Die Mehrzahl der Blogger publiziert Anekdoten und Episoden aus dem Privatleben, Bilder und Fotos sowie kommentierte Links zu anderen Quellen im Internet. Etwa ein Drittel gibt an, (auch) über politische Themen zu bloggen. Bei der ersten Befragung – wenige Wochen nach der Bundestagswahl 2005 – lag der Anteil von „Politbloggern“ noch bei knapp unter 50 Prozent, was die besondere Mobilisierungsfähigkeit dieses nationalen politischen Ereignisses belegt. Unter den Politbloggern sind Männer und Personen mit höherer formaler Bildung (Abitur / Studium) deutlich überrepräsentiert, während Teenager unterrepräsentiert sind.
  • Jeweils mehr als 80 Prozent der „Politblogger“ geben an, Beiträge zu nationalen sowie zu weltpolitischen Themen zu veröffentlichen. Etwa die Hälfte befasst sich auch mit lokalpolitischen Themen, während weniger als die Hälfte über Wahlkämpfe oder einzelne Politiker bloggt. Etwa ein Fünftel nannte zusätzlich in einer offenen Frage spezifische Politikfelder als Themen ihrer politischen Beiträge, darunter beispielsweise „Rechtsextremismus“, „Bildung“, „Wirtschaft“, „Umwelt“, „Menschenrechte“ oder „Urheberrechte“.
  • Knapp ein Drittel aller Befragten gibt an, als Leser von anderen Blogs (auch) an politischen Themen interessiert zu sein. Dabei besteht ein hoher Zusammenhang mit dem Publizieren solcher Beiträge im eigenen Weblog: Etwa drei Viertel der Leser von politischen Blogs thematisieren Politik auch in einem eigenen Weblog. Daher ähnelt das soziodemographische Profil dieser Gruppe dem von Politbloggern: Tendenziell eher männlich, eher hohe formale Bildung, eher älter (über 30 Jahre).
  • Alle Befragten sollten schließlich angeben, welche Formen politischer Partizipation sie in den letzten zwei Jahren ausgeübt haben. Drei Partizipationsformen (Wählen gehen, im Gespräch die Meinung äußern sowie an Unterschriftenaktion beteiligen) wurden jeweils von mehr als der Hälfte der Befragten genannt. Wenn man das bevölkerungsrepräsentativen Daten (die dem
    ALLBUS entnommen wurden) vergleicht, fällt auf, dass das Ausmaß der politischen Partizipation unter den befragten Bloggern fast durchgängig höher ist als unter der gesamten deutschen Bevölkerung. Der Unterschied wird noch deutlicher, wenn man nur diejenigen Umfrageteilnehmer betrachtet, die über politische Themen bloggen bzw. politische Themen in Weblogs lesen.

Diese Ergebnisse zeigen zweierlei: Zum einen ist ein signifikanter Anteil der deutschsprachigen Blogger als Autoren wie als Leser an politischen Themen interessiert. Und zum anderen bilden sich offensichtlich in der Blogosphäre Öffentlichkeiten zu spezifischen Politikfeldern heraus. Die Befunde zum politischen Engagement machen jedoch deutlich, dass sich vor allem solche Personen in Weblogs politisch informieren und zu Wort melden, die auch anderweitig am politischen Prozess partizipieren. Hier deutet sich also eher eine Verstärkung bereits bestehender Ungleichheiten in der Beteiligung und dem Engagement an – Weblogs tragen eben nicht dazu bei, die Kluft zwischen politisch Interessierten und Desinteressierten zu schließen. Was die Studienergebnisse nicht beantwortet, ist etwa die Frage, inwieweit Politblogger an bestehende, massenmedial produzierte Öffentlichkeiten anschließen: etwa indem journalistisch aufbereitete Informationen aufgegriffen, diskutiert und weiter verbreitet werden. Ebenso unklar bleibt, ob sich neue Gegenöffentlichkeiten bilden, zum Beispiel indem Meinungen und Fakten präsentiert werden, die in den Massenmedien nicht thematisiert werden. Klar ist: Es sind weitere Analysen nötig, auch aufgrund der noch vergleichsweise geringen Verbreitung des Weblog-Formats. Dann gibt es vielleicht systematische Schlußfolgerungen zum politischen Einfluss von Weblogs in Deutschland, die über Momentaufnahmen hinausreichen.

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