Episode 2: Der politische Prozeß


Konfliktkonstellation und Lösungsstrategien


Der Name des administrativen Zentrums der interplanetarischen Gemeinschaft, "Coruscant",
klingt im englischen Original dem spanischen Wort "corazon" zum Verwechseln ähnlich – doch
der Herzmuskel des politischen Universums benötigt offenbar einen Bypass: die nur noch
schwer zu kontrollierende Bürokratie erschwert das Regieren und hat den Kongress zu einem
Debattierklub degenerieren lassen.

In einer Sondersitzung des Senats (parallel tagt die Tafelrunde der Jedi-Ritter) beklagt sich
Königin Amidala über die Repressalien des Handelsimperiums, das inzwischen ihren
Heimatplaneten Naboo besetzt hält. Auffallend an der Konflikt-Konstellation im Senat ist, daß
sich hier die Repräsentanten souveräner Planeten mit einer supraplanetarischen Organisationen
wie der Handelsföderation auseinandersetzen müssen. Offenbar hält der Handelsverbund selbst einen Sitz im
Galaktischen Senat, dem aggressiven Planetenbund wird somit der Status eines
vollwertigen Mitgliedes zuerkannt. Damit gerät allerdings die angestrebte
Gleichberechtigung aller Abgeordneten aus den Fugen und die parlamentarische
Konstruktion in eine Schieflage.

Während die äußere Architekur an ein überdimensionalen Pilz erinnert, spiegelt der Senatssaal
im Inneren die Dimensionalität des (Welt-)Raums wieder, die in ihm repräsentiert wird. Die
Vertreter der Bundesplaneten und Planetenbünde sind in freischwebenden Logen plaziert, die
das gesamte Rund der Kuppel ausfüllen. Damit wird über die meist kreisförmige Anordnung
irdischer Parlamente hinausgegangen, die die Erde noch als Scheibe symbolisieren. Somit
werden weitere Achsen innerhalb des politischen Spektrums erschlossen: neben den alten
Gegensatz von "rechts" und "links" können nun auch "oben" und "unten" als politische
Richtungsbezeichnungen treten.

Der Galaktische Senat wählt auch einen Obersten Kanzler, der auf einer zentral positionierten
säulenartigen Empore der Versammlung vorsitzt – es fehlen allerdings die Logen für
Regierungsmitglieder. Ohnehin gibt die eigentliche Führungsperson eine traurige
Figur ab. Sein Handeln ist nahezu darauf beschränkt, als Sitzungsleiter die
verschiedenen Abgeordneten aufzurufen. Ist den Parlamentsmitgliedern einmal das
Rederecht zuerteilt, schweben die Redner samt ihrer Loge von der Kuppel herab und
können dann ihre Anliegen vorbringen. Begleitet werden sie von einer mobilen
Kameraeinheit, die alle Äußerungen in das senatoriale Soundsystem übertragen. Von
Königin Amidala der Machtlosigkeit bezichtigt, schluckt Kanzler Valorum nur und
erhält dann Einflüsterungen von zwei links und rechts von ihm positionierten
"Bürokraten". Die galaktische Verwaltungsmaschinerie hat das demokratisch gewählte
Oberhaupt längst zu einer Sprechpuppe werden lassen.

Als die Prinzessin vehement das Verhalten des Senats in der Naboo-Krise kritisiert, ist der
schwache und korrumpierbare Kanzler Valorum nur in der Lage, eine Kommission
einzuberufen und mit der Untersuchung der Anschuldigungen vor Ort zu beauftragen. Diese
Konstellation mag an das bisweilen unglückliche Agieren des Sicherheitsrates der UNO
erinnern, der über Beschlüsse debattiert oder diese blockiert, während militärische Fakten
geschaffen und ihre Beobachter zu Geiseln werden.

Königin Amidala bleibt daraufhin nur der Ausweg, ein Mißtrauensvotums gegen den Kanzler zu
beantragen. Dazu ist sie laut intergalaktischer "Verfassung" als Herrscherin eines souveränen
Systems legitimiert. Diese Konstellation ist durchaus mit dem Mißtrauensvotum von Kohl gegen
Schmidt 1982 vergleichbar, denn umgehend wird der Abgeordnete ihres Heimatplaneten, der
angesehene Senator Palpatine, als einer von drei neuen Kanzlerkandidaten aufgestellt und
später auch gewählt. Palpatine hat sich sein Ansehen zunaechst als Gesandter von Naboo
erworben und ist dann zum "Regionalvertreter" mehrerer benachbarter Planeten aufgestiegen.
Damit versammelt er offenbar eine Art "Fraktion" hinter sich, die vornehmlich durch
geopolitische Interessen zusammengehalten wird. Dies fügt sich zwar gut in das Szenario des
Handelskrieges ein, erscheint aber im Zeitalter der Hyperraumfahrt auch ein wenig
anachronistisch.

Diese dramatische Szene im galaktischen Parlament wird auch von alten Bekannten beobachtet:
Nicht nur haben die "Wookies", das Volk von Han Solos Gefährten Chewbacca eine eigene
Box, sondern auch die bereits auf der Erde gesichtete Spezies mit dem Leuchtfinger ist dort
anwesend. In einer kurzen Schnittfolge direkt nach dem Mißtrauensantrag ist im linken
Bildvordergrund eine Gruppe von drei E.T.´s zu sehen.

Da der galaktische Gerichtshof nicht schnell genug auf den Plan treten kann, bleibt Königin
Amidala nichts anderes übrig, als in der Phase des Übergangs nach Naboo zurückzukehren und
eine kriegerische Konfliktlösung anzustreben. Damit handelt sie frei nach der Clausewitzschen
Devise: "Krieg ist die Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln." Und sie folgt damit dem
genuinen Politikbegriff der "Star Wars"-Saga, der auf einem politischen System aufbaut, das
extrem auf das Element der Legislative verkürzt erscheint. Trotz einiger staatskundlicher
Schwächen verdient das Werk von George Lucas aber noch immer das Prädikat "pädagogisch
wertvoll".

Schon jetzt!: Episode 3 – Phantom
Politics

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