Die Welle des Voyeurismus im Netz

In der Berichterstattung über die Naturkatastrophe in Südasien eifert das Internet den klassischen Medien nach, statt nach eigenen Wegen in der Berichterstattung zu suchen. Videoclips im Internet befriedigen den Katastrophen-Voyeurismus des Betrachters, sind aber nur eine Verlängerung der TV-Berichterstattung. Andere Katastrophengebiete geraten aus dem Blickfeld, und dafür ist auch das Internet verantwortlich.

Die Tsunami-Katastrophe in Südasien kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Internet weitgehend ähnlich fahrlässig mit der Katastrophe umgeht, wie die klassischen Medien. Innerhalb von Tagen sind andere Krisenregionen komplett von der medialen Bühne verdrängt worden. Zur Erinnerung: Rund 24.000 Menschen verhungern täglich auf der Erde, allein 6.000 sterben täglich weil sie keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Doch die Bilder von verhungernden Menschen besitzen nicht im entferntesten den spektakulären Nachrichtenwert wie Amateurvideos von der Riesenflutwelle. Auch das Internet fällt auf diese Mechanismen der Mediengesellschaft gnadenlos herein, etwa, wenn erste Websites kommentarfrei und massenhaft Amateurvideos zum Download
anbieten oder wenn Weblogs mit packenden Augenzeugen-Berichten aufgelistet
werden.

Eine Aufrechnung von Todeszahlen mit anderen Katastrophen mutet schnell makaber an. Dennoch ist zu fragen, warum sich heute kaum noch jemand an den Hurricane Mitch 1998 (10.000 Tote), die Schlammlawine in Venezuela 1999 (30.000 Tote), das Erdbeben in Bam 2003 (40.000 Tote) oder andere
Katastrophen erinnert. Immerhin: Das Internet macht die Erinnerung leichter – wenn man danach sucht.

Die aktuelle Naturkatastrophe unterscheidet sich vor allem durch zwei Dinge von anderen Katastrophen, die das Geschehnis erst zum „Event“ für die Medien werden lassen: Zum einen sind in den betroffenen Gebieten überdurchschnittlich viele Ausländer betroffen, so dass diese Katastrophe auch für viele Menschen in der westlichen Hemisphäre näher als sonst erscheint. Zum anderen sind massenhaft Bilder von der Katastrophe vorhanden, weil Amateurfilmer ihre hochgerüsteten Digi-Cams oder Handys gnadenlos auf das Meer richteten, während ihre Angehörigen bereits um ihr Leben liefen. Und diese Bilder verbreiten sich dank des Internet rasant über den Globus und finden schnell ihren Weg in die Sender. Die Katastrophe fast als Live-Event. Erst durch die Sendung dieser unterschiedlichen Bild-Bits wird die Betroffenheit erzeugt, die jetzt zum beispiellosen Spendenaufkommen führt. Allein deshalb focussiert sich die Berichterstattung derzeit immer noch stark auf Thailand – dort waren die meisten Ausländer, dort wurde die Katastrophe am besten dokumentiert.

Auch die unzähligen Weblogs, in denen Augenzeugen ihre Berichte veröffentlichen, sind ähnlich unreflektiert, wenn nicht im größeren Zusammenhang gesehen. Das voyeuristische Auge des Mediennutzers erfreut sich an den Geschichten der nochmal Davongekommenen, erzeugt Betroffenheit und eine bislang nicht dagewesene potenzielle Nähe mit Opfern über Kommentarfunktionen und e-Mail-Austausch. Doch die Menschen in anderen Hungerzonen verfügen nicht über die Technik, noch über die Kraft, ihre Geschichten personalisiert im Weblog erfahrbar zu machen. Und: der Sekundenschrecken einer Riesenwelle ist leichter darzustellen, als das stille und lange Leiden eines Hungernden. Einziges Argument für Weblogs: In einigen Ländern korrigieren die Weblogger die beschönigenden Regierungsdarstellungen vor Ort und schaffen damit dann eben vielleicht doch so etwas wie eine
Gegenöffentlichkeit.

Die Presse sieht nun bereits das Jahr der Vlogger (Video-Blogger)
heraufziehen, da tausende von Videos im Netz kursieren. (
www.thelastminute.typepad.com;
www.boingboing.net;
www.waveofdestruction.org). Der Weg der Videos in die Redaktionsstuben wird wie eine Heldentat gefeiert, (jlgolson.blogspot.com), gelobt wird zudem, dass die Internet-Bilder ungeschnitten im Netz einsehbar sind. Stolz wird von 640.000 Downloads eines bestimmten Videos auf der Seite
jlgolson.blogspot.com berichtet. Warum ein Dreiminutenvideo der Katastrope medientheoretisch interessanter sein soll, als ein fünf Sekunden langer Ausschnitt, bleibt im Dunkeln. Die Netz-Öffentlichkeit will die klassischen Medien wie in einem Wettbewerb schlagen, ohne einen eigenen Zugang, eine eigene Form der Aufbereitung zu suchen.

Gleichzeitig erscheint es fast unmöglich, diesen neuen Zugang zu finden.Die Medien, auch Online-Medien wie politik-digital.de, können sich derzeit dem Sog der Bilder und Augenzeugen-Berichte kaum entziehen. Und die Sender und Websites werden weiter Bilder und Texte veröffentlichen, solange exklusives Material auf den Markt geworfen wird. Es gibt auch den richtigen Text zur falschen Zeit – derzeit würde man mit einem Dossier über die Sahel-Zone kaum auf Aufmerksamkeit stoßen. Und von Aufmerksamkeit lebt die Medienökonomie. „Only bad news are good news“ – so funktioniert eben der Medienreflex.

Was bleibt, ist die Erwartung, dass nach der ersten Schockwelle nun doch ein genaueres Auge auf andere Regionen geworfen wird, die vergessenere und weniger sichtbare Katastrophen erleben. Wenn etwa Deutschland sich mit seinem Vorschlag eines Schuldenmoratoriums für diese Länder durchsetzt, stehen die Chancen nicht schlecht, dass weitere Länder das gleiche für sich fordern – und Argumente auf ihrer Seite haben werden, denen sich die Gläubigerländer dann nicht mehr entziehen können. Auch die Hilfsorganisationen haben derzeit die Möglichkeit, ihre Notwendigkeit und die Kraft der Zivilgesellschaft vor Augen zu führen. Das mag motivieren, sich zu engagieren und für andere Schicksale zu interessieren.

Das Internet muss auch bei der Berichterstattung über Naturkatastrophen die Rolle einer Gegenöffentlichkeit gezielt anstreben – und einen Kontrapunkt zu Spendengalas auf SAT1 und CNN-Live-Berichterstattung im Stil der MTV-Rotation setzen wollen. Das mag weniger quotenträchtig sein; aber es verhindert, dass sich immer größere Teile des Internet schlicht in den Dienst einer bestehenden Medienökonomie stellen und dieser unkritisch nacheifern.

Christoph Dowe ist Geschäftsführer von pol-di.net e.V. / politik-digital.de

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