Der Tsunami in Südostasien und das Internet

Die Möglichkeiten des Internet wurden nach dem Eintritt der Flutkatastrophe schnell erkannt und genutzt. Die Einsatzmöglich-keiten von Weblogs und eMail kamen durch die Eigenschaften des Internet schneller zum Einsatz als die klassischen Medien. Phil Noble berichtet, wie das Internet in der unmittelbaren Zeit nach der Flutwelle genutzt wurde


Was im Netz bisher geschah



Mit jedem neuen Beitrag im Netz wird die Gnadenlosigkeit des südostasiatischen Tsunami noch deutlicher. Das am schlimmsten betroffene Indonesien musste seine Todeszahlen drastisch nach oben korrigieren, was nach den Angaben von Reuters zu einem Anstieg der Todesfälle in den zwölf Nationen im gesamten pazifischen Raum auf mehr als 150 000 führte. Obwohl die Sturmflut sich gelegt hat, wird vor einem deutlichen Anstieg der Todesfälle durch eine
mangelhafte Hilfe für die Überlebenden gewarnt.

„Bis zu 5 Millionen Menschen sind gegenwärtig nicht in der Lage ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen“, gibt David Nabarro, der Leiter eines Krisenteams der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu bedenken. Erst langsam rollt die weltweite Hilfe als Antwort auf die Katastrophe an. Von Beginn an haben sich viele Freiwillige aus der Online-Welt dazu verpflichtet, Informationen für diejenigen bereitzustellen, die auf der Suche nach Antworten und Hilfe sind.

Blogs und eMails waren die erste Antwort und zeigten die Schutzlosigkeit der Menschen und die Auswirkungen des Tsunami

Die ersten Augenzeugenberichte aus Gebieten, in denen das Wasser über die Ufer trat kamen von einzelnen Usern per eMails und Weblogs; und für eine kurze Zeit waren sie die einzig vorhandene Informationsquelle, weil die Mainstream-Medien die verwüsteten Gebiete erst nach dem Abzug des Wassers erreichen konnten.

Ein solches Beispiel sind die eMail-Auszüge von Robert Stenehiem (gefunden auf der Webseite der
Seattle Times), ein in Seattle ansässiger und handelnder Seemann. Als der Tsunami auf die Küste traf war er im Urlaub in Phuket.

„Etwas sehr seltsames ist gerade passiert. Ich habe gerade in einem Restaurant nur einen Block vom Strand gefrühstückt. Halb fertig, bemerkte ich einen riesigen Exodus vom Strand, einen starken Verkehr von Fahrrädern und Autos in Höchst geschwindigkeit“, schrieb Stenehiem in seiner ersten eMail.

Die
größte Rolle für die betroffenen Länder spielt das Internet jedoch als Möglichkeit, Hilfsaktionen und Informationen über Vermisste bereitzustellen.

Der Einzelne wendet sich ans Netz und sucht neue und innovative Antworten

Schon kurz nach dem das Wasser zurückwich wurden die ersten Online-Aktionen sichtbar. In den meisten Fällen wurden sie von gewöhnlichen Menschen getragen, die durch die Nutzung des Internets Außergewöhnliches leisteten.

Eine der bedeutendsten Online-Hilfsaktionen wurde durch eine Gruppe von Online-Freunden ins Leben gerufen, die den „South-East Asia Earthquake and Tsunami blog“ (SEA-EAT) gründeten, ein Sammelsurium an Links über die verschiedensten Wege mit dem Ziel zu zeigen, wie den betroffenen Ländern finanziell und durch Kleiderspenden an Hilfsorganisationen geholfen werden kann.

Die zusammengewürfelte Internetseite und andere alternative Quellen wie beispielsweise
Lonely Planet wurden dafür genutzt, spezielle
Dienste anzubieten, die größere Mainstream-Seiten nicht bieten konnten, wie beispielsweise die Suche nach Vermissten Personen und kleinere Spendenaktionen.

Unzählige Beispiele zeigen, dass Einzelne sich über Online-Communities zusammenschlossen um irgendwie zu helfen. So auch Pim, ein Blogger aus San Franzisco, der sich als Übersetzer für thailändische Webseiten anbot und sogar zusagte, im Auftrag von Freunden und Verwandten in thailändischen Krankenhäusern anzurufen.

In Italien, so berichtet
Reuters, hilft ein italienischer Schuljunge auf seiner Webseite, die zuvor den Simpsons gewidmet war, die durch die Tsumami Katastrophe im Indischen Ozean Vermissten aufzuspüren. Valerio Natale, ein vierzehnjähriger Schuljunge berichtet von zwei Vermissten italienischen Urlaubern – Dario Collodi und Liliana Giordanino – die dank seiner Einträge auf der Webseite bereits gefunden wurden.

Für einige Familien ist das Internet sogar zur Erlösung geworden, berichtet
Times-Picayune. Chat Groups und Foren sind virtuelle Markplätze für diejenigen geworden, die sprichwörtlich auf der anderen Seite der Welt sind und mit anderen in Kontakt treten möchten.

Obwohl Blogger und einzelne Individuen in vielen Fällen die Hauptakteure bei
Hilfsaktionen sind, haben auch NGO’s und organisierte Akteure ihre Vorteile aus der Nutzung des Internets gezogen.

Online Organisationen stellen ihre Webseiten dem Krisenmanagement und der Soforthilfe zur Verfügung

In einer ausgesprochen kurzen Zeit ist das Netz zu einem überdimensionalen ‘Krisenmanagement-Netz’ geworden. Online Händler, Diskussionsforen, Suchmaschinen, politische Parteien, Nachrichtenanstalten – nahezu alle Organisationen machen ‘etwas’’.

Ein großangelegter Aufruf zur Online-Spende wurde am Montag in die Netzwelt gesandt, als Amazon.com begann seine Webseite für eine Hilfsaktion des amerikanischen Roten Kreuzes für Tsumani-Flutopfer zu benutzen. Der Houston Chronicle berichtet, dass während der ersten vier Stunden mehr als 315 000 US-Dollar gesammelt wurden. Bis Mittwoch Abend hatten über 53 000 Menschen mehr als 3 Millionen US-Dollar gespendet. Bis Freitag stieg die Zahl noch mal auf 9 Millionen US-Dollar an.

Der in Seattle beheimatete Versandhändler benutzte seine Webseite bereits nach den Terroranschlägen von New York am 11 September 2001 dafür, Spenden für das amerikanische Rote Kreuz zu bewerben. Es kamen dadurch 6,8 Millionen US-Dollar zusammen. Das Rote Kreuz veröffentlichte Donnerstag, dass Online-Spenden die normalerweise durch Telefonsammlungen eingegangenen Mittel um
das Doppelte überstiegen. Google setzte ebenfalls einen Link auf seine Startseite der ‘Wege zur Hilfe der Tsunami-Opfer’ zusammenfasst. Ein weiterer Klick bringt die Nutzer auf eine Seite mit Hilfsorganisationen, die von Unicef über Oxfam bis hin zu Amazon.com reichen, so die Washington Post.

Auf der Startseite von America Online (AOL) konnten Spender gestern Links zur Katastrophenhilfe durch ‘Network for Good’ finden. Diese internetbasierte gemeinnützige Organisation wurde 2001 zusammen von AOL, Cisco Systems und Yahoo gegründet. Auch die Startseite von
Apple ist den Spendenaufrufen der Hilfsaktion gewidmet.

Der
Wunsch, online zu spenden ist beeindruckend. „Wir konnten dieses Mal die größte jemals erhaltene Zahl von Online-Spenden verbuchen“, sagt Kris Torgeson, Sprecherin der Ärzte ohne Grenzen. Ausläufer der Spenden erreichten sogar Webseiten außerhalb des gewöhnlichen Fokus. ‘Catholic Relief Services’ wurde von Internet Traffic so überrannt, dass die Webseite zusammenbrach.

Eine neue Art der eBay Nutzung ist ein weiteres Beispiel dafür, dass Menschen alles erdenkliche Geben.
AuctionDrop.com, in Kooperation mit UPS, erlaubt es Nutzern Gegenstände mit einem Mindestverkaufswert von 75 US-Dollar und mehr abzugeben. Diese werden anschließend auf eBay versteigert, und alle Gewinne fließen an die Südostasien-Katastrophenhilfe von CARE.

Das Netz stellt eine unmittelbare Verbindung für Regierungen mit ihren überall auf der Welt verstreuten Bürgern dar

Auch Urlauber waren unter jenen, die überrascht wurden. Fast 5000 Ausländer – die Hälfte aus Schweden und Deutschland – werden noch immer vermisst, viele davon in Thailand, wo bereits 710 Tote registriert wurden. Viele Regierungen wendeten sich rasch dem Internet zu, um neue Wege zu finden, wie sie mit ihren Bürgern auf den abgelegenen Inseln kommunizieren können. Auch Verwandte und Bekannte von jenen, die nach dem katastrophalsten jemals dokumentierten Tsunami vermisst werden, nutzen das Internet auf der Suche nach Angehörigen. In Hong Kong, Singapur, Australien, Großbritannien, den Vereinigten Staaten und Schweden – überall kämpfen sich Menschen durch Namenslisten von Opfern und durch virtuelle Schwarze Bretter um nach ihren Geliebten Ausschau zu halten. Und für eine handvoll Glücklicher führt das Internet tatsächlich zur Wiedervereinigung der Familien.

Ein zweijähriger schwedischer Junge, der benommen und alleine am Straßenrand in einem vom Tsunami verwüsteten Thai-Resort saß, wurde am Dienstag mit seinem Onkel zusammengebracht, der das Bild des Kindes im Internet entdeckte.

Viele Webseiten von Regierungen haben indes Namenslisten von Opfern der Katastrophe veröffentlicht. Die thailändischen Behörden alleine haben drei Webseiten eingerichtet:
phuketitcity.com,
disaster.go.th,
narenthorn.or.th. Von den hunderten von Suchanzeigen, die hier veröffentlicht wurden, enthielten nur
wenige gute Neuigkeiten. Auf der Webseite der BBC hinterließen Dutzende eine Suchanzeige. Wieder andere sandten Kurznachrichten per SMS über den gesamten Kontinent, in der Hoffnung, die Vermissten zu finden, schreibt
MSNBC. In Schweden und Dänemark stellten Mobilfunkunternehmen für 48 Stunden Mobiltelefonate nach Südostasien gratis zur Verfügung, um es den Überlebenden zu vereinfachen, mit ihren Familien Kontakt aufzunehmen. Die schwedischen Unternehmen versandten darüber hinaus SMS an alle in Schweden registrierten Handys in Thailand und riefen die Besitzer dazu auf, sich bei ihren Familien oder der schwedischen Botschaft zu melden.

NGO’s werden in der Nutzung des Internets bei Krisen professioneller

Die Katastrophe mit globalen Auswirkungen könnte ein ‘neues Zeitalter’ bei der Nutzung des Internets durch NGO’s und andere gemeinnützige Organisationen im Katastrophenfall einläuten. Über Jahre hinweg hat das Internet bereits als Ausgangspunkt für Hilfsaktionen von internationalen Organisationen gedient. Die Organisationen haben sich in zunehmendem Maße den guten Willen jener zu Nutze gemacht haben, die über einen Anschluß an die neue Technologie haben. Das weltweite Wachstum des Internets könnte aber mit dieser Katastrophe einen wirklichen Beginn einer weltumspannenden Antwort auf Katastrophen durch NGO’s und gemeinnützige Organisationen sein.

Tech News World bereichtet von den jüngsten Ereignissen: „Nach den Anschlägen vom 11. September nutzen unzählige Gruppen und Firmen das Internet um Spendenaktionen zu koordinieren und Spenden für die Opfer zu sammeln.“ In jüngster Vergangenheit konnte das Rote Kreuz nach der Hurricane-Serie des Sommers wieder einen Anstieg der Online-Spenden für die Opfer feststellen. Dabei häuften sich Traffic und Spenden jeweils nach den jeweiligen Verwüstungen der einzelnen Stürme. Martin sieht die Spendenbereitschaft für den Verwüstung bringenden Tsunami als dem Ausmaß der Katastrophe angemessen an. Während die tropischen Stürme des Sommers innerhalb von zehn Tagen 19 Millionen US-Dollar einbrachten, konnte die Tragödie in Sudostasien in nur drei Tagen bereits 18 Millionen US-Dollar sammeln, berichtet Martin.

Unglücklicherweise handelt es sich nicht um die erste Katastrophe, von der die Menschen vor den Bildschirmen ihres Computers erfahren und auf die sie durch Spenden reagieren. Bereits nach den Terrorangriffen vom 11. September wuchs die Bereitschaft, online zu spenden. Verantwortliche von Hilfsorganisationen sagen allerdings, dass die Höhe der Online-Spenden stark angestiegen ist.

Das malaysische Nachrichtenportal
Star-Tech Central schreibt, dass das „Erdbeben und die Tsunami-Katastrophe das erste Ereignis seiner Art ist, das Blogger, Amateurfilmer und Hobby-Journalisten umfassend und direkt aus dem Katastrophengebiet einfangen, meist aus ihrem eigenen Hinterhof.“

Madan Rao, ein Medienberater aus Banaglore in Indien, berichtet darüber hinaus, dass „fast genau vor einem Jahr ein tödliches Erdbeben den Iran erschütterte und auch damals das Internet von einer großen Anzahl von internationalen Nachrichtensender und Hilfsorganisationen dazu benutzt wurde, um Neuigkeiten zu verbreiten, den Informationsaustausch über Vermisste zu erleichtern und die Hilfsaktionen zu koordinieren.“

Die Dunkle Seite – Online spenden, mit der Vorsicht vor Betrügern

Die US-Bundesbehörden haben bereits seit dem 11. September Versuche unternommen, um gegen Betrugsversuche bei Spendenaktionen vorzugehen. Der ‘Patriotic Act’ erhöhte die Gefängnisstrafe für jene, die sich als Mitarbeiter des Roten Kreuzes ausgeben von einem auf fünf Jahre. Auch Internet-Nutzer sind sicherheitsbewusster geworden, obwohl falsche Hilfsorganisationen mehr denn je versuchen, über das Internet Spenden zu erschwindeln, so die
New York Sun.

Wenn sie daran zweifeln, ob eine Organisation vertrauenswürdig ist, kontaktieren sie das nationale Verbraucherministerium, denn hier müssen sich alle eingetragen haben. Spender können ebenfalls durch einen Besuch bei
charitywatch.org, der Webseite des ‘American Institute for Philanthropy’, eine Liste von empfohlenen Wohltätigkeitsorganisationen für die Tsunami Hilfsaktion einsehen. Behörden raten Online-Spender dringend dazu, gegenüber Email-Spendenaufrufen misstrauisch zu sein und sich in jedem Falle eine anerkannte Hilfsorganisation herauszusuchen.

Dieser Artikel ist eine gekürzte Übersetzung des “Special Report: Tsunami And The Web” von
PoliticsOnline.com.

Der Text wurde von Richard Fuchs (politik-digital.de) übersetzt.

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