Im Netz der Söldner

(Artikel, 21 September 2006) Im Internet gibt’s neben Autos, Büchern und CDs auch Militär- und Sicherheitsdienstleistungen von privaten Militärdienstleistern, so genannten Private Military Companies (PMC). Dort, wo örtliche Militärs am Ende sind versprechen sie, das Unmögliche
zu erreichen.

 

Ein sonnenbebrillter, glatzköpfiger Barbie-Ken in Schusspose und rotierende Pistolen, unterlegt mit einem treibenden Techno-Rhythmus. So empfängt die Internetseite des Dienstleisters
Beni Tal den Besucher. Die Ästhetik der Startseite erinnert an ein Internetangebot für Anhänger von
Ego-Shootern.

Tatsächlich ist die angedeutete Gewalt aber alles andere als virtuell, denn bei Beni Tal gibt es Sicherheit gegen Geld. Die Firma ist ein privater, kommerzieller Anbieter von Militär- und Sicherheitsleistungen, eine so genannte Private Military Company, kurz PMC. Sie verspricht, auch unter schwierigsten Bedingungen den gewünschten Erfolg erbringen zu können: "In any place, no matter how far, where local professionals have failed, Beni Tal manages to do the impossible."

Die in Tel Aviv ansässige Firma bietet neben Ausbildung und Sicherheitstraining auch Schusswaffen, Panzer, Helikopter und sogar Kampfflugzeuge. Sie berät in Sicherheitsfragen und Geheimdienstaktivitäten und hat Leibwächter sowie die Durchführung unterschiedlichster Kampfeinsätze im Angebot. Auf der Website dienen Fotos von Staatsmännern mit Leibwächtern aus dem eigenen Hause und Fernsehbeiträge über Beni Tal als Referenz. Die Videosequenzen zeigen allerdings meist nur Sicherheitspersonal bei Übungen am Schießstand.

Beim Klicken durch die Internetpräsenzen von PMCs fragt man sich, an wen sich diese Seite wendet und welche Rolle das Internet dabei spielt. Ist das frei zugängliche Internet der geeignete Kanal um Militär- und Sicherheitsleistungen anzubieten, also eine Art von Angebot, welches doch eher für einen überschaubaren Käuferkreis bestimmt ist?

Potenzielle Kunden von PMCs sind beispielsweise Regierungen. Das Hauptmotiv von Regierungen, die Dienste von PMCs in Anspruch zu nehmen, sind die geringeren politischen Kosten von militärischen Aktionen. So gerät eine Regierung durch den Tod eigener Soldaten mehr unter Druck als durch die Verluste an privatem Vertragspersonal. Es ist jedoch eher unwahrscheinlich, dass sich eine Regierungsbehörde via Internet über PMCs informiert – vor allem wenn man bedenkt, dass zwischen Politik, Armee und PMCs enge personelle Verflechtungen bestehen. PMCs werden in der Regel von ehemaligen Offizieren gegründet. Auf der Leitungsebene finden sich oft Politiker aus den entsprechenden Ressorts. Man(n) kennt sich, der Kontakt ist gut. Das Internet wäre in diesem Fall nur ein Umweg.

Bleiben internationale Firmen und Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Während die Zusammenarbeit von PMCs und Firmen schon seit einigen Jahren etabliert ist (zum Beispiel der Schutz von Ölpipelines gegen Anschläge), stellen NGOs und hierbei vor allem Hilfsorganisationen die jüngste Kundengruppe. Seit auch Hilfsorganisationen als Teil einer Interventionsarmee oder Angehörige einer Konfliktpartei wahrgenommen werden, garantieren die von ihnen vertretenen humanitären Werte keinen ausreichenden Schutz mehr gegen Angriffe. Der Verlust an schützender Neutralität soll durch private Sicherheitsmaßnahmen kompensiert werden. Es wird geschätzt, dass ein Drittel der Umsätze von PMCs auf Verträge mit NGOs entfallen. Mangels enger Kontakte zwischen den Verantwortlichen dürfte bei dieser Kundengruppe das Internet als Informationsquelle von größerer Bedeutung sein.

Die
PMC-Linkliste des Bonn International Center for Conversion (BICC) umfasst derzeit 137 Firmen, hauptsächlich mit Sitz in den USA und Großbritannien. Das ist kein Zufall, sind doch diese beiden Staaten an den meisten Interventionen weltweit beteiligt. Bei Durchsicht der Internetseiten fällt auf, dass nur die wenigsten Firmen Kampfeinsätze anbieten. Der Großteil bietet Dienstleistungen, welche zwar abseits vom direkten Kampfgeschehen liegen, jedoch für die Durchführung einer Militäraktion notwendig sind. Dazu zählen die Bereitstellung von Logistik und Infrastruktur – der Aufbau und der Betrieb der großen Camps der US-Armee im Irak lag zum größten Teil in privater Hand – und die technische Expertise. Unter der Vielfalt der Firmen finden sich auch einige, die sowohl für Soldaten als auch Polizeikräfte Ausbildung und Training anbieten.

Die wenigsten PMC-Seiten muten jedoch eindeutig militärisch oder gar martialisch an. Durch Hochglanzbilder und eine gewählte Sprache vermitteln sie vielmehr einen diplomatischen Eindruck. Dies liegt auch daran, dass PMCs in große, finanzstarke Konzerne integriert werden und dort als Sicherheitssparte eine unter vielen sind. Die flexiblen Strukturen des PMC-Marktes lassen sich anhand des wechselnden Internet-Auftritts von DynCorp beobachten, einer PMC, die unter anderem in Kolumbien im Einsatz gegen Drogenanbau beschäftigt war.

Seit die Aktivitäten von PMCs stärker öffentlich beachtet werden, scheinen diese ihre Internetseiten auch vermehrt zur Öffentlichkeitsarbeit zu nutzen. Die Mitgliedsfirmen der
International Peace Operations Association (IPOA), einem Unternehmerverband mit Lobbyfunktion der PMCs, präsentieren auf ihren Internetseiten einen Verhaltenskodex, in dem sie sich zu ethischem Verhalten und zur Beachtung von Menschenrechten verpflichten. Damit werben sie um politische Anerkennung und verfügen damit gleichzeitig über ein Instrument, um sich im Konkurrenzkampf von Wettbewerbern abzuheben. Die Vermutung liegt nahe, das durch das offensive Herausstellen von ethischen Maßstäben vor allem auch Hilfsorganisationen angesprochen werden sollen. Durch die Vernetzung in der International Peace Operations Association stellen die PMCs Ressourcen bereit, um am Sicherheitsdiskurs mitzuwirken, Einfluss auf die öffentliche Meinung zu üben und die Medienagenda mitzugestalten.

Umgekehrt wirkt sich die öffentliche Meinung auch auf PMCs aus. Zum Beispiel auf die PMC „
Blackwater“: Diese Firma wurde durch einen medienwirksamen Verlust an Mitarbeitern im Irak Ende März 2004 schlagartig in der Weltöffentlichkeit bekannt. Die Bilder der verkohlten Leichen von vier Amerikanern gingen um die Welt. Bis vor einigen Monaten noch war der Internetauftritt von Blackwater sehr selbstbewusst. Auf der
Startseite wurde optisch wie verbal ein eindeutiges Statement abgegeben. Wenn man die Seite
heute besucht wirkt sie zurückhaltender.

Die Dynamik und Intransparenz des PMC-Marktes lassen nur Schätzungen zu. Der Markt wächst, Firmen kommen und gehen, fusionieren, werden aufgekauft und weiterverkauft. Verträge werden grundsätzlich diskret behandelt. Bislang konnte deshalb die Anzahl und Größe der Firmen sowie das jährliche Umsatzvolumen nicht ermittelt werden. Experten gehen derzeit von mehreren Hundert Firmen aus, die aktuell ein Umsatzvolumen von etwa 100 Mrd. US-Dollar erwirtschaften.

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