Kalter Krieg mit Teenagern

Interview mit Dorothy Denning



Dorothy E. Denning hat eine Professur für Computer Science an der Georgetown University und ist Leiterin des Georgetown Institute for Information Assurance. Ihre derzeitigen Arbeitsfelder umfassen die Bereiche Cyber-Crime und Cyber-Waffen-

Kontrolle, Informationskrieg und -sicherheit und Einfluss von Technologie auf die Gesellschaft. Mit politik-digital sprach sie über über die Gefahren der Cyber-Waffen.

politik-digital: Hallo, Dorothy Denning. Wir werden uns heute über die legalen und technischen Möglichkeiten unterhalten, mit denen man das “Cyber-Rüsten” kontrollieren kann. Erst vor ein paar Tagen ist in Deutschland eine Pressemitteilung veröffentlicht worden, die davor warnte, dass die USA sehr aktiv im Entwickeln von “Cyber-Waffen” sind und dass wir vielleicht auf ein neues Wettrüsten zusteuern. Wie nah sind wir aus Ihrer Sicht einem “Kalten Cyber-Krieg”?

Dorothy Denning: Meinen Sie einen Kalten Krieg mit Teenagern? Die haben mehr Cyber-Waffen als sonstwer.

politik-digital: Nein, nicht unbedingt Teenager. Eher erwachsene Militärs…

Dorothy Denning: Na ja, es wird viel geredet. Ich weiß nicht genau, welche Fähigkeiten bis jetzt entwickelt wurden.

politik-digital: Denken Sie, dass die Gefahr von Konflikten auf zwischenstaatlicher Ebene droht oder ist das eher informell?

Dorothy Denning: Ich glaube nicht, dass zur Zeit ernsthaft die Gefahr eines zerstörerischen Cyber-Krieges droht.

politik-digital: Welche Waffen könnten denn in einem eventuellen Cyber-Angriff eingesetzt werden?

Dorothy Denning: Es fallen verschiedene Hacker-Tools darunter, z.B. Computer-Viren, Würmer, Trojanische Pferde, Sniffer und Spionage-Tools. Ebenso zählen verschiedene Methoden dazu, mit denen man diese Werkzeuge in eine bestimmte Umgebung bringen kann.

politik-digital: Was meinen Sie mit “bestimmter Umgebung”?

Dorothy Denning: Gegen ein bestimmtes Ziel gerichtet.

politik-digital: Worin liegt ihre spezifische Gefahr? Worin unterscheiden sie sich von traditionellen Waffen?

Dorothy Denning: In der Regel verursachen sie keine körperlichen Schäden, Verwundung und Tod eingeschlossen.

politik-digital: Aber sie fügen auf indirektem Weg Schaden zu?

Dorothy Denning: Sie können sehr hohe Kosten verursachen, z.B. wenn jemand Kreditkartennummern stielt oder sich mit betrügerischen Bank-Transaktionen beschäftigt. Sehr oft ist der Schaden zerstörender Natur, wie bei vielen Computer-Viren und Würmern. Aber auch diese verursachen Kosten. Schätzungen haben für den ILOVEYOU-Virus Schäden in Höhe von mehr als 10 Milliarden $ ergeben.

politik-digital: Aber inwiefern stellen sie denn eine neue “Klasse” von Waffen dar, die wir vorher nicht hatten?

Dorothy Denning: Indem sie Bits und Bytes statt physikalischer Materie beinhalten.

politik-digital: Kann sich “gute” Software in schlechte verwandeln?

Dorothy Denning: Gute Software kann benutzt werden für schlechte Taten. Sie kann auch ersetzt werden durch trojanisierte Versionen, die benutzt werden, um Schaden zuzufügen.

politik-digital: Wo ziehen Sie die Grenze zwischen gefährlicher Software und solcher, die für sich genommen harmlos ist und nur das Potenzial hat? Wie kann man gefährliche Software verbieten, ohne die gute zu beeinträchtigen?

Dorothy Denning: Es ist sehr schwierig, eine Grenze zu ziehen. Viele Software-Tools, die von Systemadministratoren dazu benutzt werden, Sicherheitslücken in ihren Systemen aufzudecken (und zu beheben), werden auch von Hackern verwendet, um Systeme zu finden, die für Angriffe offen sind. Es ist auch schwierig, gefährliche Software daran zu hindern, die gute zu schädigen. Viele Viren und Spionage-Tools verändern die Software auf dem Computer, den sie angreifen.

politik-digital: Gibt es denn eher auf technischem oder eher auf gesetzlichem Wege Chancen, eine Kontrolle der Cyber-Waffen einzurichten?

Dorothy Denning: Ich denke, es gibt eher die Möglichkeit, kriminelles Verhalten zu kontrollieren als das Verhalten von Nationen. Darum geht es im wesentlichen in dem Cyber-Crime-Vertrag des Europarates.

politik-digital: Warum ist es so schwierig, Gesetze für das Verhalten von Staaten zu machen?

Dorothy Denning: Es gibt bereits allgemeine Gesetze, die auf Staaten anwendbar sind. Nicht klar ist, dass zusätzliche Gesetze von den Staaten gebraucht oder gewünscht werden. Wichtige Themen wären auch die Umsetzung und die Frage, wo die Grenzen zu ziehen sind.

politik-digital: Aber brauchen wir nicht zusätzlich zu staatlichen Gesetzen internationale Standards?

Dorothy Denning: Das ist eine gute Frage. Es würde schon helfen, wenn die Staaten eine generelle Übereinkunft über die Bedingungen schließen würden, unter denen ein Cyber-Angriff einen Akt der Agression oder Bedrohung gegen den Frieden nach der UN-Charta darstellt.

politik-digital: Gibt es Chancen, dass wir zu einer solchen Übereinkunft kommen?

Dorothy Denning: Ich weiß nicht. Die Staaten müssten zunächst einmal ein Interesse daran zeigen, an den Tisch zu kommen und darüber zu diskutieren.

politik-digital: Ist der Cyber-Crime-Vertrag des Europarates eine solche Gelegenheit?

Dorothy Denning: Nein, denn dieser befasst sich nur mit kriminellen Aktionen.

politik-digital: Welche Faktoren machen es denn so schwierig, vor Cyber-Angriffen zu schützen oder sie zu verhindern?

Dorothy Denning: Systeme und Menschen weisen Verwundbarkeiten auf, die ausgenutzt werden können. Es ist das gleiche in der physikalischen Welt. Menschen können ausgeraubt oder ermordet werden. Diebe können in Häuser einbrechen. Es ist unmöglich, alle Verbrechen zu verhindern.

politik-digital: Aber wenn man eine Waffe hat, ist diese auch sichtbar, und man kann (nicht in allen Ländern, aber in einigen) Leute davon abhalten, sie zu kaufen. Man kann sie auch zerstören, und dann ist sie weg. Aber Cyber-Bewaffnung ist anders, oder?

Dorothy Denning: Ganz anders. Man kann u.a. die Cyber-Waffe hunderte und tausende Male kopieren und sie mit geringem Aufwand an Menschen in der ganzen Welt verteilen. Außerdem geht es auch um die Meinungsfreiheit, denn Software ist eine Form der Meinungsäußerung.

politik-digital: Welchen Stellenwert nimmt der Bereich Cyber-Waffen in der Forschung ein? Können Forscher daraus lernen?

Dorothy Denning: Indem wir die Cyber-Waffen studieren, lernen wir bessere Cyber-Verteidigungssysteme zu entwickeln. Es ist unmöglich, eine starke Verteidigung aufzubauen, ohne die Angriffsmethoden und die eigenen Verwundbarkeiten zu kennen.

politik-digital: Kümmern sich Staaten mehr um die geeignete Cyber-Bewaffnung und die technischen Möglichkeiten der Verteigung als um internationale Gesetzesstandards?

Dorothy Denning: Ja, ich glaube, den Staaten ist der Schutz ihrer kritischen Infrastrukturen und der Wirtschaft vor Hackern und potenziellen Cyber-Terroristen wichtiger.

politik-digital: Aber in gewisser Weise ist doch die Bedrohung von Cyber-Attacken, z.B. auf kritische Infrastruktur da. Was können wir als Bürger oder Forscher tun, um diese Gefahr in die Köpfe der Politiker zu bringen?

Dorothy Denning: Zumindest in den USA wird die Aufmerksamkeit des Kongresses und der Öffentlichkeit von den verschiedenen Vertretungen der Exekutive, das Verteigungs-, Justiz- und Wirtschaftsministerium eingeschlossen, auf dieses Thema gelenkt. Auch die Presse spielt eine wesentliche Rolle mit ihren Berichten.

politik-digital: Aber gleichzeitig sollen doch die USA die neue Cyber-Supermacht sein, die auch international eine Rolle spielen sollte im Werben um Transparenz und den gesetzlichen Status. Und sie werden kritisiert, weil sie diese Rolle nicht einnehmen.

Dorothy Denning: Ich denke, den USA ist es wichtiger, international für gute Cyber-Verteidigung gegen kriminelle und terroristische Bedrohung zu werben. Sie haben sich an den Verhandlungen zum DoE-Vertrag beteiligt und auch mit den G8 gearbeitet, um die Harmonisierung der internationalen Cyber-Crime-Gesetze und die internationale Kooperation bei Ermittlungen und Verurteilungen voranzutreiben.

politik-digital: Wie schützen Sie selbst ihre “kritische Infrastruktur”? Halten Sie Teenager von Ihren Büroräumen fern?;-)

Dorothy Denning: Ich überlasse das den Sicherheitsleuten auf unserem Campus. Bis jetzt haben sie ganz gute Arbeit geleistet.

politik-digital: Ich danke Ihnen, dass Sie sich die Zeit genommen haben.

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