Rechtsradikale im Internet – Ein Überblick

Rassistische, antisemitische und chauvinistische Inhalte im Internet beschränken sich nicht nur auf Websites der rechten Szene. Beispiele dafür findet man in sämtlichen Medien. Die Spannweite reicht von der Tagespresse über Fernsehen und Hörfunk bis hin zu religiösen und privaten Homepages, Newsgroups und Foren. Die rechte Szene nutzt alle Dienste, die das Internet zur Verfügung stellt. Dazu zählen nicht nur die Seiten des World Wide Web, sondern auch FTP-Server, eMail-Dienste und das Usenet. Ihre Präsenz ist, gemessen an der Zahl aller User und Angebote im Internet verschwindend gering.

Der Begriff “Rechtsextremist” umfasst Anhänger rassistischer, antisemitischer und revisionistischer Ideologien. Einzelne Äußerungen dieser Art beschränken sich jedoch nicht nur auf die rechten Szene. Das Auftreten von Neonazis im deutschsprachigen Internet steht im Mittelpunkt dieses Überblicks. Das
Thule-Netz, ein hierarchisch gegliedertes Mailbox-System außerhalb des Internets, hat in den letzten Jahren an Bedeutung verloren. Nicht nur für rechtspopulistische Parteien, auch für rechte Verlage, Vertriebe und Gruppierungen bietet das Internet eine geeignete Plattform. Deren Gefährlichkeit, Reichweite und Menge wird jedoch oft überschätzt. Fachliteratur zum Thema Rechtsextremismus im Netz gibt es fast gar nicht.
Filtersysteme von Suchmaschinen haben sich bisher als wenig sinnvoll und
uneffektiv erwiesen. Jede Suchanfrage mit rechten Schlüsselwörtern wird immer auch Ergebnisse der weltanschaulichen Konkurrenz liefern.

Tendenzen und Strömungen

Innerhalb der Rechten haben sich verschiedene subkulturelle Tendenzen entwickelt. Rechtsextremisten treten als Globalisierungsgegner,
nationale Demokraten,
Revisionisten oder
neuheidnische Gruppen in Erscheinung. Gelegentlich stößt man auf sie im Gewand von Burschenschaften,
Nationalanarchisten,
Querfrontlern und Kämpfern für Meinungsfreiheit und Bürgerrechte. Sie versuchen Foren und
Online-Initiativen zu stören oder zu vereinnahmen und treffen sich in Newsgroups. Einheitliche Strategien für das Auftreten von Rechten im Internet gibt es nicht. Nur die offensichtliche oder unterschwellige Präsentation menschenverachtendender Inhalte ist allen Seiten gemein. Anonymität im Netz ist in der Rechten von großer Bedeutung. Passwortgeschützte Seiten, Remailer, verschlüsselte Chats- und eMails sind längst zum Standard geworden. Dezentrale Strukturen mit flachen Hierarchien erwiesen sich als effektiver und schwerer anfechtbar als eine starre und einheitliche Organisationsform. Dabei orientierte man sich stark an der radikalen Linken.

Rechte Parteien

Alle zugelassenen rechten Parteien sind mittlerweile im World Wide Web vertreten. Die
Republikaner, die
NPD und die
DVU präsentieren sich im Netz nicht nur auf Bundesebene. Auch die Landesverbände und Jugendorganisationen der rechten Parteien verfügen über eigene Websites.

Koordination und Mobilisierung

Ein wichtiges Mobilisierungswerkzeug zu Aktionen, Demonstrationen, Aufmärschen und Schulungen ist die
Deutsche Stimme aus Riesa. Ein Kalender listet alle bundesweiten Veranstaltungen chronologisch auf. Dort hat man die Möglichkeit, Plakate, Aufkleber und Transparente zu rechtskonservativen Themen zu erwerben. Zur Zeit läuft auf der Seite eine Kampagne gegen den Beitritt der Türkei in die EU.

Aktionsbündnisse

Als Gegenstück zu den Sozialbündnissen der globalisierungskritischen Bewegung entstanden in den letzten Jahren dezentral organisierte, rechte Aktionsbündnisse. Neben Terminankündigungen, Demo-Berichten und Linklisten, werden auf deren Seiten Kampagnen zu populistischen Themen geschaltet. Aktuelle Beispiele sind Hartz IV, Globalisierung, die Bombardierung Dresdens, der NPD-Wahlkampf in Schleswig-Holstein und sogenannte „Gedenkmärsche“ in Wundsiedel und Halbe. In Archiven kann man nach älteren Beiträgen suchen. Auch alle Pressemitteilungen der Aktionsbündnisse werden dort veröffentlicht. Zudem stehen auf den untereinander verlinkten Seiten der regionalen Bündnisse Flugblätter zum Download bereit.

Anti-Antifa Network

Das
Anti-Antifa Network versteht sich als rechter Geheimdienst mit Zweigstellen in fünf Bundesländern. Sie erstellen einen Suchindex für Adressen, Fotos und „Daten jeglicher Art“ von Personen und Projekten, die sich mit der Naziszene kritisch auseinandergesetzen, darunter auch einige Journalisten.

Rechte Gruppen, Kameradschaften und Organisationen

So verschieden die Ansätze rechter Gruppen in Deutschland sind, so unterschiedlich ist auch ihr Auftreten im Internet. Einige Seiten sind extrem dilettantisch, andere sehr professionell gestaltet. Nicht immer findet man gleich einen direkten Bezug auf rechte Themen oder Symbole. Mal orientieren sie sich am Layout einschlägiger Antifa-Seiten, mal an der Ästhetik der Heavy-Metal-Szene oder der New Economy. Viele rechte Websites werden nur selten aktualisiert. Die Jugendorganisation „HDJ“ offeriert für Kinder und Jugendliche im Internet Kanufahrten, „Feier- und Gedenkstunden“ und sogenannte „Leistungsmärsche“. Die Seite „Freier Widerstand“ ermöglicht den Download von Videos, rechter Musik, Newsticker-Programmen und Werbebannern für die eigene Homepage. Die „jungen Landsmannschaften“ werben im Web mit Reisen ins „besetzte Ostpreussen“ und laden zu regionalen Stammtischtreffen ein. Der „Kampfbund deutscher Sozialisten“ vertreibt im Netz T-Shirts und die Zeitschrift „Wetterleuchten“. Diese enthält rechte Aufsätze, die den Kapitalismus als Gesellschaftsform in Frage stellen. Ebenfalls regional unterteilt sind die Websites des „Nationalen Widerstands“. Sie unterscheiden sich im Erscheinungsbild, jedoch nicht in der Themenauswahl. Immer wieder inszenieren sich Rechtsradikale im Netz als Opfer von Zensur, Ausgrenzung und Verleumdung. Etablierte Politiker, Medien, Antifaschisten und Verfassungsschützer bezeichnen sie als ihre Hauptfeinde. Auf der Homepage des „Nationalen Bündnisses Dresden“ wird dies besonders deutlich.

Rechte Webradios und Musik

Auf der Seite von „Radio Freiheit“ aus Langenhagen kann man alle zwei bis drei Wochen aufstachelnde Kommentare zu aktuellen politischen Themen als mp3-File herunterladen. Die meist sehr langen Redebeiträge bedienen sich sich einer Rhetorik, die der Sprache der Boulevardpresse und der Propaganda des Dritten Reichs ähnelt. Das Logo des rechten Webradios ist ein Volksempfänger. In der Selbstdarstellung ist jedoch zu lesen, dass die Seite „nicht als Propaganda genutzt“ werden soll. In den Sendungen bekommt man gestellte Interviews, Kommentare, Terminankündigungen und Musik von rechten Bands zu hören. Stilistisch knüpft die Musik an die Agitprop- und Liedermacher-Bewegung, Punk und mittelalterliches Liedgut an. Die Texte nehmen fast immer Bezug auf nationalistische und militärische Themen. Das Berliner
Radio Germania und „Radio National“ sind zur Zeit offline. Das „Preussenradio“ gehört zum rechten PHI-Verlag. Seit 2001 ist es kostenpflichtig und nur nach Eingabe eines Passworts als real-Audiostresam zu hören. Musik rechtsradikaler Bands erhält man in etwa 50-Online-Shops und auf den Privat- und Fanseiten der einzelnen Gruppen.

Rechte Verlage, Netzwerke, Infotelefone und Onlineshops

Seit Anfang 2003 existiert das rechte Nachrichtennetzwerk
Altermedia. Es wurde von
David Duke, einem Antisemiten aus den USA, initiiert. Inzwischen gibt es in 17 Ländern Ableger von Altermedia. Das Layout der Seite ähnelt in groben Zügen den Seiten des globalisierungskritischen Netzwerks
Indymedia, verzichtet aber auf die Möglichkeit des Open Publishing. Altermedia dient vorrangig zur Zweitveröffentlichung und Verlinkung von Texten, die bereits auf anderen rechten Sites zu finden sind. Auf der Webpage des
Rostocker Freien Widerstand Nord werden Busreisen zu Aufmärschen und Demoanstrationen koordiniert.
Nationale Infotelefone geben Termine nicht nur über ortsunabhängige 0700-Nummern, sondern auch über das Internet bekannt. Das Internet-Magazin Sleipnir bezeichnet sich selbst als Zeitschrift für Kultur, Geschichte und Politik, beschränkt sich aber auf Berichte von Gerichtsverfahren gegen den eigenen Herausgeber. Fünf Online-Buchläden und Verlage haben sich auf den Vertrieb revisionistischer, kriegsverherrlichender und nationalistischer Bücher, Broschüren und Zeitschriften spezialisiert.

Online-Magazine und Zeitschriften

Die Netzzeitung
Die Aula aus Österreich ist das Sprachrohr rechter Burschenschaften. Die Redaktion der Zeitung „Deutschland-Woche“ und der Seite „Gladiator Germania“ ist identisch. Eines der Hauptthemen auf den Seiten ist der Krieg im Irak. Seit Anfang 2004 wurden die Seiten nicht mehr aktualisiert. Die Zeitschrift „UN“ (Unabhängige Nachrichten) bezeichnet sich als Kämpferin für Pressevielfalt, Grund-, Bürger- und Heimatrechte der Völker im eigenen Land. Zur UN gehört auch die Seite „Auf den Stundenplan“. Dort wird propagiert, dass Schulbücher gefälscht wären. Sogenannte „Ersatzblätter für fehlende oder verfälschte Schulbücher“ würden das fehlende Wissen ausgeglichen. Weitere rechte Zeitschriften mit Internet-Präsenz sind das
Deutsche Kolleg von
Horst Mahler, der Nationale Beobachter und das Bonner Magazin Criticón. Dieses richtet sich an konservative Unternehmer aus dem Mittelstand. Die Monatszeitungen „Deutsche Stimme“ und „Nationalzeitung“ sind Sprachrohre der rechten Parteien. In der Autorenliste der
Jungen Freiheit aus Potsdam findet man viele Mitglieder von CDU, SPD und FDP. Die Internet-Zeitschrift „Triskelle“ richtet sich mit Kochrezepten, Basteltipps und Geschenkideen an Frauen aus dem rechten Spektrum. Der „Arbeitskreis Mädelschar“ und die „Gemeinschaft Deutscher Frauen“ vereinen politisch aktive Frauen aus der Rechten.

Neuheidnische Gruppen

Die Grenze zwischen esoterisch-okkultistischen und nationalistischen Seiten ist oftmals fließend. Arier- und Germanentum, Sonnenkult und Verschwörungstheorien vermischen sich auf etwa einem Dutzend Seiten unterschwellig mit menschenverachtenden Inhalten. Die „Allgermanische Heidnische Front“ und die germanischen Freunde verstehen sich als „Begründer aller menschlichen Kulturen und europäische Ureinwohner“. Die Macher der Seite „Lichtwärts“ bezeichnen sich als Förderer von Bündnissen gleichgesonnener Heiden. Immer wieder stößt man auf Runen und Bilder von Sonnenrädern, kämpfenden Rittern und mystischen Landschaften.

Fazit

Innerhalb der Rechten haben sich verschiedene subkulturelle Tendenzen entwickelt. Das Auftreten von Rechtsradikalen im Internet ist subtiler geworden. Ihre Sprache und Symbolik bewegt sich bewusst an der Grenze der Legalität. Querfrontstrategien erreichen meist nur User, die schon Anänger der Ideologie sind. Beim genaueren Hinsehen enttarnen sich alle Seiten von selbst. Die Gefahr liegt weniger in Verbreitung rechtsextremer Propaganda und Symbole als in der Integration menschenverachtendender Inhalte in gesellschaftliche Diskurse. Filtersysteme von Suchmaschinen und Abschaltungen von Websites erwiesen sich bisher als wenig effizient. Der Förderung von Medienkompetenz muss in Zukunft eine größere Bedeutung begemessen werden, um rechter Hetze im Internet effektiv entgegenzutreten.

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