Netzpolitique für Netizen


Seit dem amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf im Jahr 2004 sind die politischen Weblogs in Frankreich wie aus dem Nichts aufgetaucht und wurden innerhalb weniger Monate in der politischen Debatte omnipresent.

Angesichts der anstehenden elf Monate Präsidentschaftswahlkampf und den sich anschließenden Wahlgängen bemühen sich die Politiker mit Millionen von Bloggern Schritt zu halten, die die französische Blogosphäre mittlerweile umfasst. Das politische Bloggen ist bei den Kommunalwahlen 2004 zum ersten Mal auf und hat sich daraufhin wie ein Lauffeuer ausgebreitet. Dominique Strauss-Kahn, Andre Santini, Alain Rousset, Jean-Francois Cope und Julien Dray waren die ersten, die sich seit Frühjahr 2004 ins Abenteuer Weblog gestürzt haben. Die wahren Pioniere sind aber diejenigen, die die Entscheidung getroffen haben, auch nach diesem Wahlkampf weiter zu bloggen.

Wahlkampfpolitischer Gag oder ein neuer Kanal der politische Kommunikation

Nach Meinung dieser Pioniere bringt das Bloggen etwas Neues und Frisches in die traditionelle politische Kommunikation und kann damit weit mehr sein als eine Spielerei, die bestenfalls als eine Hompage „light“, schlimmstenfalls als der letzte Schrei im Wahlkampfmarketing betrachtet wird. Alain Rousset, der zu den Bloggern der ersten Stunde in Frankreich zählt, spricht daher von einem „Abenteuer, dass weder künstlich noch unnütz ist: ich versuche in meinem Blog zwei oder drei kleinere Themen anzuschneiden, die mir aber wichtig erscheinen und schreibe darüber, nachdem ich genug Zeit hatte, darüber zu reflektieren.“

Eine ganze Heerschar von Politikerinnen und Politikern hat sich den Pionieren in kürzester Zeit angeschlossen, bekannte ebenso wie unkannte, vom Stadtrat bis zum ehemaligen Ministerpräsidenten. Alles in allem haben sich bis zum heutigen Tag mehr als 120 der französischen Abgeordneten dafür entschieden, in die Blogosphäre einzutauchen. Sie wollen ihre Gedanken zur Zukunft der Gemeinschaft – im lokalen wie im nationalen Maßstab – mitteilen oder einen Einblick in den Alltag eines Abgeordneten geben, auch auf die Gefahr hin manchmal etwas über das eigene Seelenleben preiszugeben.

Allerdings erfordern die so sehr an die Zeit gebundenen Blogs eine Disziplin und eine Hartnäckigkeit, die allein die besessensten und verbissensten Blogger aufzubringen vermögen. Welcher geradezu masochistischer Impuls treibt sie – und sie werden immer mehr – zum Bloggen an? Es ist der gleiche, der sie dazu gebracht hat, in den politischen Ring zu steigen: sich für etwas zu engagieren, Ideen zu verteidgen und Tag für Tag für deren Umsetzung zu kämpfen.

Nun muss man einräumen, dass das Werkzeug „Weblog“ richtig Spaß machen kann. Die einfache Bedienung erlaubt es, die technischen Grenzen und damit zugleich die herkömmlichen editorialen Vorgaben zu überwinden, die den traditionellen Webseiten zu eigen sind. Mehr noch, das Webblog bietet eine eine persönliche politische Tribüne, eine Möglichkeit zur direkten Kommunikation und last but not least ein maßgeschneidertes Mini-Medium.

Eine persönliche politische Tribüne

Für den ehemaligen Minister und Neublogger Jack Lang, der sich zur Wahl stellen wird, besteht die „Freiheit des Bloggens“ darin, sich ohne Umschweife auf seiner eigenen Plattform äußern zu können und seine Ideen vorzustellen, ohne dass sie irgendwie deformiert werden. „Frei. Hier bin ich frei. Mein Bildschirm verändert meine Worte nicht. (…) Ich bin wie andere auch so häufig den Gelegenheiten hinterhergelaufen, Stellung zu beziehen und meine Meinung kundzutun, bis schließlich, ich weiß es genau, eine Art exquisiter Kadaver aus meinen eigentlichen Anliegen wurde (…); kurzum, die Interpretation anderer war schließlich stärker als mein ursprüngliches Anliegen.“ Das technische Spielzeug Blog bietet demgegenüber eine politische Plattform, die speziell auf ihren Autor zugeschnitten ist, und ihm die Möglichkeit bietet, sich ohne technische Barrieren an sein Publikum zu wenden, und vor allem ohne das Prisma Medien.

In der Absetzung zu den Medien erlaubt die „Sprachblase der freien Meinungsäußerung“ den politischen Bloggern außerdem, ihre Reflexionen im Austausch mit den Lesern zu verfeinern. Dabei herrscht in den Kommentaren schon mal ein rauher Umgangston. Dominique Strauss-Kahn, der vor einigen Monaten mit dem Bloggen begonnen hat, freut sich über die Möglichkeit, „Ideen zu testen, um sie zu verfeinern und daraus dann Vorschläge für die Politik zu machen. (…) die politischen Kommentare in meinem Blog sind oft von sehr guter Qualität. Ich profitiere sehr davon.“

Ein Kanal der direkten Kommunikation

Die große Mehrheit der politischen Blogger, die allerdings im Schatten der Star-Blogger stehen, schätzt vor allem die besondere Art der Beziehung, die sie via Internet mit ihren Mitbürgern pflegen. Ein Blog wirkt oft wie ein Fenster zum Elfenbeinturm, in dem die politische Klasse residiert. So scheint es den Menschen jedenfalls oft, zu Recht oder auch zu Unrecht. Die Blogger hingegen teilen mit ihren Lesern die alltägliche politische Realität, indem sie Tag für Tag neue Beiträge ins Netz stellen, Kommentare ihrer Leser beantworten und die sich langsam entwickelnde Leserschaft animieren. Mit ihren Blogs knüpfen sie neue und erneuern alte Beziehungen zu ihren Wählern, die immer sehr fragil und manchmal auch abgerissen sind. Der virtuelle Austausch ist nicht weniger wert als der persönliche.

Für viele Blogger begrenzt sich das Abenteuer Blog nicht darauf, einen Blick auf das alltägliche Leben eines Abgeordneten zu gewähren. Es ist das Image der Politik, dass diese Blogger verbessern wollen, wie es kürzlich Partick Allemand, der die
Parti Socialiste im Conséil régional
Provence-Alpes-Côte d’Azur (PACA) vertritt, zusammenfasste. „Vor kurzem schilderte ich in meinem Blog einen Arbeitstag im Stadtrat zum Tourismus in der Region. Die Beschreibung war ein wenig komplex und vielleicht für den ein oder anderen auch ermüdend. Aber paradoxerweise schrieb mir ein Surfer, dass er die Aufgabenbeschreibung sehr erfrischend fand, weil sie gezeigt hat, wie die tägliche Arbeits-Realität eines regionalen Abgeordneten aussehen kann. Das hat mich sehr erfreut, weil genau dies das Gesicht der Politik ist, das ich hoffe zeigen zu können.“

Neben der noblen Gesinnung sollte nicht unerwähnt bleiben, dass ein Gutteil der Leser dieser Blogs außerdem die Wähler sein werden, die in Zukunft für einen Kandidaten stimmen, weil sie seinen Blog gelesen haben. Ein Kommentar im Blog von Alain Lambert bringt auf den Punkt, welche Chancen sich für bloggende Politiker ergeben und war für eine Herausforderung es für jene sein wird, die sich dem entziehen:„Wir schätzen Ihre Aufopferung und Ihre Tansparenz und sind Ihnen sehr dankbar. Die Blogs werden das Kräfteverhältnis zwischen Wählern und Gewählten verschieben. Ich wünsche Ihnen, dass Sie hiervon profitieren werden.“

Momentan stammt diese sehr symbolische Honorierung aus den Urteilen, die sich den Kommtaren zu den Blogs entnehmen lassen. Demnächst könnte die Honorierung bereits durch das Urteil an der Urne erfolgen.

Die Skeptiker argumentieren, dass diese Sichtweise auf Politik sehr naiv ist. Sie erinnern daran, dass die Politiker nicht auf das Internet gewartet haben, um auf ihre Mitbürger zuzugehen. Weblogs stellen an sich keine demokratische Revolution dar – womit sie auch recht haben werden -, sondern nur eine technische Evolution. Heutzutage erlauben es jedoch heutezutage jedem, die Hindernisse zu überwinden, die einer Einlösung der Versprechen von E-Demokratie im Wege gestanden haben. Die Idee ist nicht neu, aber das Werkzeug ist es und der Blog gibt ihr endlich Gestalt.

Heißt das, die Wahlen werden sich bald im Internet abspielen? Davon scheint man noch weit entfernt zu sein. Aber sie werden sich bald nicht mehr nur außerhalb des Netzes abspielen. Da die Mehrheit der Franzosen einen Internetzugang besitzt und sich die Blogger in die traditionelle Politik einmischen, verliert die klassische Aufteilung online/offline ihren Sinn. Meinungen werden ausgetauscht, formen und ändern sich im ständigen Austausch, für den die Blogosphäre sorgt. Dies haben die Internetkampagne zum europäischen Referendum wie auch die Gegenkampagne gezeigt: Das Internet ist nicht länger ohne Stimme. Und die Politiker müssen sich bereits heute darum kümmern, dass auch ihre Stimme in Netz gehört wird.



Die Autoren, Stanislas Magniant und Jean-Phillippe Clement, sind seit dem Jahr 2000 Co-Desginer der Website der Netpolitique.net, die sich der politischen und gesellschaftliche Kommunikation widmet. Der Artikel erschien ürsprünglich am 4. Januar 06 unter
Netpolitique.net und wurde von Tim Geelhaar und Julia Bergmeister für politik-digital.de übersetzt.

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