Parteien sind doch käuflich

In der realen Welt würde obige Aussage sofort – und zu Recht – einen gewaltigen Sturm der Entrüstung auslösen, nicht jedoch in den scheinbar unergründlichen Weiten des WorldWideWeb: Dort sind Parteien – ganz legal und völlig legitimiert – käuflich. Kein empörter Aufschrei der sonst oft so sensiblen Internetgemeinde ist zu vernehmen, im Gegenteil: Es wird gezockt, was das eigene virtuelle oder auch reale Kapital hergibt.

„Wahlbörsen“ heißen diese interaktiven Plattformen, die regelmäßig vor allen wichtigen realen Urnengängen angeboten werden und inzwischen eine eingefleischte, doch immer noch stetig wachsende Community um sich scharen. Bis zu 24 Stunden täglich – also de facto rund um die Uhr – werden (dunkel- oder hell-) rote, schwarze, grüne oder gelbe Aktien an den Mann oder die Frau gebracht – gehandelt wird die gesammelte politische Farbenlehre.

Im Unterschied zu klassischen Umfragen lautet die Frage, die sich der erfolgsorientierte Online-Händler stellt, nicht “Was würden Sie wählen?” sondern: “Was glauben Sie, werden die Anderen wählen?“ Und so kaufen und verkaufen selbst überzeugte Gysi-Anhänger die Merkel- und Stoiber-Aktien, wenn sie davon überzeugt sind, dass diese Partei unter- bzw. überbewertet ist. Auch Fischers Friends und Westerwelles Jecken gehen beinahe friedlich Hand in Hand, wenn es gilt, mit Schröders Aktien womöglich ein Schnäppchen zu jagen. (Der Ahnungslose mag ja fragen: Geht es auf diesen Handelsplätzen wirklich so friedlich zu? – Ja! Meistens jedenfalls, doch Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel – Und, wissen Sie, selbst die beste politische Freundschaft endet spätestens dann, wenn der andere mir andauernd die günstigsten Aktienpakete direkt vor der Nase wegschnappt…)

Dieses beinahe schon banal anmutende Verhalten mag den Erfolg der Wahlbörsen erklären, deren Prognosen häufig zuverlässiger sind als die Umfrageergebnisse der traditionellen Forschungsinstitute. Denn was für die Institute beinahe ein Umfrage-GAU darstellen würde, entpuppt sich bei den Wahlbörsen als Vorteil: Diese benötigen keine Repräsentativität, sondern nur die Entschlossenheit ihrer – freiwillig – teilnehmenden Händler. Unentschlossenheit und Antwortverweigerung gibt es zudem genauso wenig wie eine von der Größe einer Stichprobe abhängige Schwankungsbreite. Auch liegt hier die sogenannte kritische Masse viel niedriger, denn schon mit 50 Händlern lassen sich gute Prognosen „erspielen“.

Apropos „erspielen“: Ist dies wirklich nur ein Spiel? Nein! Die Donauuniversität Krems wertete diverse österreichische Wahlbörsen wissenschaftlich aus, verglich diese mit den Umfragen der Forschungsinstitute und kam zu folgendem Ergebnis: Bei den in der Alpenrepublik seit 1994 stattgefundenen Wahlbörsen betrug die Abweichung der virtuell „erspielten“ Prognose vom realen Wahlergebnis nur zwischen 0,9 und 3,1 Prozent. Vorhersagen, von denen viele Forsa- oder Emnid-Mitarbeiter oft nur träumen – sofern sie denn dieses zu träumen wagen. Selbiges gilt natürlich auch für die Kollegen von Infratest Dimap und der Forschungsgruppe Wahlen.

Auch zur bevorstehenden Bundestagswahl 2005 werden, wie üblich, diverse Wahlbörsen angeboten. Zumeist in Kooperation mit Zeitungen oder Zeitschriften, so auf
www.ftd.de oder
www.zeit.de. Selbst der Rosa-Riese mischt dieses Mal mit und präsentiert (nicht nur) seinen Kunden unter
www.t-online.de eine solche Handelsplattform. Alle eben genannten Börsen arbeiten allerdings mit dem Einsatz von realem Geld. Erst nach der Überweisung eines Betrages zwischen 10 – und 50 – Euro öffnet sich für den Händler das virtuelle Börsenfenster.

Seit Beginn dieser Woche steht der deutschsprachigen Trading-Community ein weiterer Börsenmarkt zur Verfügung. Auf
www.wahlfieber.de findet der Handel ausschließlich mit virtuellem Geld statt. Und noch eines unterscheidet diesen Markt von seiner Konkurrenz: Als einzige Börse bietet er seinen Händlern eine Plattform zum direkten Austausch untereinander. Im „Wahlfieber-Forum“ können die Trader nach Lust und Laune über den tagesaktuellen Wahlkampf, sofern gewünscht auch über die Höhe der Fehlerquote in den neuesten Wahlumfragen oder über den sicherlich nicht mehr lange auf sich warten lassenden nächsten (ungewollten?) Versprecher eines Bundespolitikers und dessen mögliche negative wie positive Auswirkungen auf das zu erwartende Wahlergebnis diskutieren – und natürlich streiten.

Der Anbieter, die Wiener Agentur für neue Medien BDF-net, verspricht sich von diesem Diskussionsforum eine längerfristige Community-Bindung, da ihr „Wahlfieber“ als kontinuierliche Börse angelegt ist, die auch über die Bundestagswahl hinaus mit Erfolg bestehen soll.


Thomas Peick ist freier Journalist, Mitglied des Medienrates der schleswig-holsteinischen Landesmedienanstalt ULR und Freier Mitarbeiter der Agentur
www.BDF-net.com.

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