Mehr Ironie, bitte!

Interview mit dem Berater und Coach Ulrich Sollmann über sein Internetprojekt www.charismakurve.de und die Interpretationsmöglichkeiten der Körpersprache von Angela Merkel und Gerhard Schröder.

politik-digital.de: Herr Sollmann, die “Charismakurve” untersucht die öffentliche Wirksamkeit von Angela Merkel und Gerhard Schröder anhand ausgewählter Bilder. Was haben Sie bislang rausfinden können?

Ulrich Sollmann: Das Projekt
www.charismakurve.de zeigt, dass das Internet schnell, direkt und weltweit reagiert und sich dabei eigenständig entwickelt. Es passieren unvorhergesehene Dinge. Absichten, wie bspw. bestimmte Zielgruppen wie Parteien und andere Institutionen zu erreichen, gingen nicht oder selten auf. Unsere Website bildet Trends der Online-Bewertung des Charismas von Schröder und Merkel ab, setzt aber auch eigene Zeichen. Inzwischen gibt es mehr als 47.000 Zugriffe. 85 % kommen aus Deutschland und Europa, 15 % aus dem außereuropäischen Bereich. Hinsichtlich der Bewertung der Bilder durch die User lässt sich festhalten, dass Schröder positiver und charismatischer eingeschätzt wird als Merkel und politische Ereignisse, wie bspw. die Vorstellung des Kompetenzteams, sich auf das Ergebnis auswirken.

politik-digital.de: Wie unterscheiden sich die Ergebnisse im Internet von den Umfragewerten der Spitzenkandidaten aus den anderen Medien?

Ulrich Sollmann: Der Zeitfaktor, nämlich die Unmittelbarkeit von Einschätzung und Ergebnis, macht das Internet spannend. Umfragen in den anderen Medien brauchen viel länger, bis sie ihre Ergebnisse veröffentlichen können. Ein weiterer Unterschied ist das Feedback und die hierdurch angeregte Interaktion. Auch wenn dieser Aspekt noch einiger Reflexion bedarf. Zum Inhalt folgendes: die Umfragen zum Thema in den Medien unterscheiden in der Regel nicht zwischen der persönlichen Ausstrahlung und der Verkörperung von Macht bei den Kontrahenten. In so weit sind die Ergebnisse dieser Umfragen unspezifisch und im Grunde genommen nicht aussagekräftig, um handlungsanleitende Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen zu ziehen.

Die Ergebnisse der Online-Befragung dürfen aber nicht nur für sich gesehen werden. Sie müssen immer auf den politischen Kontext sowie die anderen Medien bezogen gesehen werden. Letztendlich, und das werden wir hoffentlich in unserer Auswertung zeigen können, gewinnt das Internetprojekt durch die spezifizierte Unterscheidung zu den anderen Medien eine eigene, interessante Aussagekraft, da sich die User interaktiv beteiligen und an konkreten Bildern Bewertungen abgeben können.

politik-digital.de: Aus den Ergebnissen der Charismakurve können konkrete Verbesserungsvorschläge an die Kandidaten abgeleitet werden. Glauben Sie Frau Merkel oder Herr Schröder lassen sich diesbezüglich coachen?

Ulrich Sollmann: Die User differenzieren deutlich ihre Empfehlungen zur Verbesserung der Performance. Ebenso beziehen sie sich auf die jeweils neue Entwicklung der aktuellen Bilder von Schröder und Merkel im Netz. Ich glaube nicht, dass die Politik schon so weit ist, solche Empfehlungen aufzugreifen. Sie täte aber m.E. gut daran, dies zu tun.

Herkömmliche Verbesserungsvorschläge für ein TV-Duell bleiben eher auf der Ebene von Kamera- und Sprechtraining. Dies sind zwei Arbeits-Konzepte. Sie reichen aber nicht aus, will man das Zusammenspiel von Körpersprache, nonverbaler Wirkung, Persönlichkeit und Handlungsmustern gerecht werden. Und um die geht’s. Will man die ganze Person und den besonderen Streß beim TV-Duell gerecht werden. Nehmen Sie Stoiber 2002. Alle Welt wollte sehen, wie oft er wohl „äh“ sagen würde. Im 1. TV-Duell glänzte er ohne ein einziges „äh“ , kam aber nicht glaubhaft als Person rüber. Offensichtlich hatte er sich “gutes Benehmen vor der Kamera“ antrainieren lassen, was man natürlich sofort bemerkt.

politik-digital.de: Wie wichtig ist die Körpersprache der Kandidaten für die Wahlentscheidung des Wählers?

Ulrich Sollmann: Die Körpersprache bzw. nonverbale Wirkung der Kandidaten ist für die Wahlentscheidung von großer Bedeutung. Entscheidet man doch gerade beim TV-Duell zu einem großen Prozentsatz aufgrund der nonverbalen Botschaften wie Mimik, Gestik, Stimme usw.

Der eingeschränkte Blick auf die Körpersprache verfälscht jedoch das Wirkungsbild der beiden Kontrahenten. Der Königsweg ist die Analyse des Zusammenspiels von Körpersprache, nonverbaler Wirkung, Persönlichkeit und Handlungsmustern. In der Regel gewinnen die Menschen intuitiv und spontan ihren eigenen Eindruck, der wie eine Überzeugungsebene wirkt. Über diese kann der Politiker sich als Identifikationsangebot darstellen. Er wird dann von den Wählerinnen und Wählern mit seinem typischen Habitus wahrgenommen.

Würde man Körpersprache lediglich auf der deskriptiven Ebene belassen, kämen fotografische Aussagen über die Körpersprache der Kontrahenten einer subjektiven, wenn nicht gar einer moralisierenden Befindlichkeitszuschreibung gleich. Hierauf aufbauende Empfehlungen würden „gutes Benehmen“ als antrainiertes Verhalten entlarven. Ein solches goutieren die Wählerinnen und Wähler nicht.

politik-digital.de: Was erwarten Sie an neuen Erkenntnissen im Hinblick auf das TV-Duell?

Ulrich Sollmann: Das TV-Duell wird eine hohe Aufmerksamkeit bei den Medien und insbesondere bei den Wählerinnen und Wählern haben. Es hat in diesem Jahr zudem eine besondere Bedeutung dadurch bekommen, dass es nur ein TV-Duell gibt. Alles muß punktgenau getroffen werden. Jeder der Kontrahenten hat nur einen Schuß frei. Beide werden die Gelegenheit nutzen, um deutlich, nachdrücklich und persönlich überzeugend „zur Sache zu gehen“. In so weit kann man eine spannende Auseinandersetzung erwarten. Entscheiden wird aber die Kunst der Choreographie von Sachverstand, Souveränität und Verkörperung von Macht in der Gesprächsführung und nonverbalen Präsenz. Hierbei ist von besonderer Bedeutung wie der enorme Stress der Situation gemeistert wird. Eine sichere und souveräne Performance steht und fällt mit der Stresskompetenz in der direkten Konfrontation. Während Merkel wahrscheinlich auf sachliche Korrektheit und Überzeugung bauen wird, bei gleichzeitiger nachdrücklicher Abgrenzung von Schröder, wird Schröder hart an der Sache bleibend Merkel persönlich konfrontieren. Letztendlich wird derjenige der beiden punkten, der klar in der Sache, hart in der Konfrontation und überzeugend in der rhetorischen Wertschätzung ist.

politik-digital.de: Die Charismakurve ist ein reines Internetprojekt, das natürlich keine repräsentative Daten erheben kann. Dennoch, für wie valide halten Sie die Ergebnisse und gab es auch bereits Manipulationsversuche?

Ulrich Sollmann:
www.charismakurve.de zielt nicht auf eine empirisch-statistische Validität ab. Es geht in dem Projekt um die Wirkungsanalyse und die sorgsame und sparsame Steuerung derselben. Interessant ist für uns, wie die Website im Internet als selbstreferenziellem System wahrgenommen wird, Bedeutung bekommt und faktische Wirkung, d.h. Interaktion erzeugt. Das genaue Studium der Zugriffs-Statistik hilft uns dies zu ermitteln, ebenso die Analyse der Art und Weise wie die Website mit ihrem Inhalt thematisch aufgegriffen wird. Der Prozess im Internet läuft aber nicht von alleine, was vielleicht manche glauben mögen. Man muss Trends und Themen, die sich abzeichnen, aufzugreifen und zu kommunizieren. Dies ist wichtig, um Spielräume und Entwicklungsräume der Meinungsbildung auszuloten.

Insoweit ist
www.charismakurve.de auch eine gesellschaftspolitische Kampagne, die das Ziel hat, das Zusammenspiel von Körpersprache, nonverbaler Kommunikation und persönlichen Handlungsmustern in der Politik als Thema zu platzieren, an dem man in Zukunft nicht mehr vorbeikommt. Zum Thema Manipulationsversuch: Es gab einen Manipulationsversuch einer Partei oder Unterstützergruppe, der aber durch die Analyse der Statistik schnell erkannt und abgefedert werden konnte.

politik-digital.de: Was empfehlen Sie oder die User den beiden Kandidaten hinsichtlich der Verbesserung ihrer Körpersprache?

Ulrich Sollmann: Frau Merkel wird empfohlen energischer und kraftvoller aufzutreten, wie sie es z.B. in der Fernsehsendung „Berliner Runde“ getan hat. Sie wirkt dann überzeugender. Außerdem muss sie gerade in Stresssituationen noch selbstsicherer werden. Bundeskanzler Schröders Körpersprache wird oft als zu souverän empfunden. Er sollte sich nicht zu präsidial geben, sondern – wie beim Parteitag in Berlin – auch mal ironisch und mit Humor Sachverhalte interpretieren.

politik-digital.de: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Steffen Wenzel

Kommentar verfassen