E-Commerce und Umwelt

Umweltentlastungen, die auf die Nutzung von E-Commerce und E-Business zurückgehen sind derzeit eher zufällige Nebeneffekte als bewusst gestaltete Prozesse. Die gezielte Berücksichtigung von Umweltanforderungen wird aber auch im Bereich E-Commerce immer wichtiger. Wir stellen Ihnen vier Strategiefelder für nachhaltige E-Commercelösungen vor.

Die rasante Entwicklung bei der kommerziellen Nutzung des Internets verändert in fundamentaler Weise Wirtschaftsstrukturen, Handelsaktivitäten, Geschäftsprozesse und das Verhalten wirtschaftlicher Akteure. Die wirtschaftlichen Chancen und Risiken von E-Commerce und E-Business sind schon seit Jahren Gegenstand politischer Debatten und Bestandteil von Unternehmensstrategien und neuer Geschäftsmodelle. Auch die soziale Dimension der Internetrevolution wird an vielen Stellen bereits ausgiebig thematisiert (Digitaler Graben, Schulen an’s Netz etc.). Im Gegensatz dazu findet die Frage, welche ökologischen Chancen und Risiken mit dem zunehmenden Einsatz elektronischer Kommunikationsnetze im Wirtschaftsprozess verbunden sind, bislang wenig Beachtung. Bisherige Untersuchungen (Behrendt u.a., 2002) zeigen:

  1. Die Welt des E-Commerce und E-Business ist keineswegs eine „schwerelose Ökonomie“. Internet und Internetnutzung sind von erheblicher Stoffstrom- und Umweltrelevanz.
  2. E-Commerce-Awendungen sind nicht per se umweltschonender oder umweltbelastender. Die Umwelteffekte hängen von der Gestaltung der IuK-Technologien, den Nutzungsformen und den umweltpolitischen Rahmenbedingungen ab.
  3. Die digtiale Revolution ist nicht deterministisch, sondern zukunftsoffen und damit gestaltbar.


Strategiefelder für nachhaltige E-Commerce-Lösungen

Bislang sind Umweltentlastungen durch die Nutzung von Internet und E-Commerce in der Regel nicht-intendierte zufällige Nebeneffekte. Der wirtschaftliche und ökologische Bedeutungszuwachs von E-Commerce und E-Business machen für die Zukunft aber eine gezielte Berücksichtigung von Umweltanforderungen im Rahmen von Unternehmens- und Innovationsstrategien notwendig. Grundsätzlich können vier Strategiefelder für nachhaltige E-Commerce-Lösungen unterschieden werden:

  1. Greening of ICT: Umweltverträgliche Gestaltung, Produktion, Nutzung und Entsorgung von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT)
  2. E-Substitution: Dematerialisierung durch Substitution physischer Produkte mit Hilfe elektronischer, umweltverträglicherer Produkt-, Versand- und Nutzungsalternativen
  3. E-Support: Nutzung von Internet und E-Commerce für intelligente, öko-effiziente Beschaffungs-, Vertriebs-, Logistik-, Nutzungs- und Recyclingprozesse
  4. E-Services: Entwicklung eigenständiger Online-Dienstleistungen zur Unterstützung nachhaltiger Kauf- und Nutzungsmuster


Abbildung 1: Nachhaltige E-Commerce-Strategien

Greening der Informatiosntechnik

Quelle: vom Verfasser

„Greening“ der Informationstechnik

Die ökologischen Effekte und Problembereiche der Informationsinfrastruktur, insbesondere der Endgeräte, sind seit Jahren Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen und ein Entwicklungsschwerpunkt vieler Hersteller von Informationstechnik (Reidchl, 2000). Die Hauptaufgaben liegen hier in der Entwicklung von energiesparenden Geräten, der Vermeidung von Problemstoffen wie PCB, Quecksilber oder Cadmium, der Verringerung des Abfallaufkommens durch verbessertes Recycling und der Optimierung der Gerätelebensdauer und -nutzung, z.B. durch Leasing- und Sharing-Modelle (Behrendt, 1998, S. 262ff.).

Für die Hersteller und Anbieter von Informations- und Kommunikationstechnologien besteht die Aufgabe darin, Umweltschutz als feste Anforderung in das Entwicklungs- und Innovationsmanagement sowie das Marketing einzubeziehen und die Potentiale für eine Ökologisierung der Informationstechnologie zu nutzen. Zur Entwicklung einer Roadmap für die IT-Industrie startete im Sommer 2001 das vom Bundesmininsterium für Bildung und Forschung geförderte Projekt „
Nachhaltige Informations- und Kommunikationstechnik” (NIK).

E-Substitution

Ziel des Strategieansatzes der elektronischen Substitution ist es, durch das Ersetzen physischer Güter und die Nutzung elektronischer Alternativen Umweltentlastungen zu erzielen. Ein Beispiel für eine E-Substitution-Strategie ist die Deutsche Telekom. Diese verwendet die Ökobilanz-Methode, um ihre digitalen Produkte, wie z.B. die T-NetBox, zu bewerten. Der seit 1997 angebotene Dienst T-NetBox ist ein Nachrichten- und Anrufmanager im Festnetz, ähnlich einer Mailbox im Mobilfunkbereich. Der Nutzer kann gegen ein monatliches Entgelt den Dienst in Anspruch nehmen und so auf den Anrufbeantworter in der Wohnung verzichten. In den meisten T-ISDN Vertragspaketen ist der Dienst bereits in der monatlichen Grundgebühr enthalten. Der Betrieb einer T-NetBox benötigt 27 mal weniger Energie als der eines herkömmlichen Anrufbeantworters, bei 66fach geringerem Anfall an Elektronikschrott. Beim kompletten Ersatz aller konventionellen Anrufbeantworter in bundesdeutschen Haushalten (ca. 18 Mio.) durch T-NetBoxen könnte 99% der durch Standby-Betrieb erforderlichen Energieaufwendungen eingespart werden. Dadurch würden 600.000 Tonnen weniger Kohlendioxid ausgestoßen werden. Dies entspricht 0,5% der im Jahr 2000 durch die privaten Haushalte in Deutschland verursachten, energiebedingten Kohlendioxid-Emissionen. Eingespart würde außerdem der Verbrauch von 9.600 Terajoule Primärenergie, was knapp 30% des Jahresbedarfs eines großen Steinkohlekraftwerks entspricht (Quack/ Gensch, 2001, S.36).

E-Support

Die Möglichkeit durch elektronischen Handel die Ressourcenproduktivität zu erhöhen, wird als eine der größten ökologischen Chancen des E-Commerce diskutiert. Potenziale deuten sich besonders im Business-to-Business (B2B) Bereich an, wo durch eine elektronisch unterstützte Absatz- und Fertigungsplanung Beschaffungsmengen, Überschussproduktion, Lagerverschrottung und Distributionsverkehre verringert werden können. Erste Falluntersuchungen in der Computerindustrie zeigen, dass hier kurzfristige Steigerungen der Materialproduktivität von bis zu 5 Prozent möglich sind (Behrendt u.a., 2002).

Tabelle 1: Öko-Effizienz durch E-Support

Öko-Effizienz

durch E-Support
Beispiel
Umwelteffekt
Internetunterstützung einer kundenspezifischen Massenfertigung ChemStation (Hersteller gewerblicher Reinigungsmittel) (
www.chemstation.com)
Reduzierung Zusatzstoffe, kundengerechte Dosierung
Internetgestütztes Stoffstrommangement Henkel: Reststoffbörse im Internet Reduzierung des Ressourcenverbrauchs

Quelle: Zusammenstellung vom Verfasser

E-Services

Ein weiterer bedeutsamer Strategieansatz für nachhaltige E-Commerce-Lösungen liegt in der Entwicklung eigenständiger internetgestützter Dienstleistungen (E-Services). So können beispielsweise im Bereich der Produktnutzungsverlängerung und des Produktrecyclings durch internetgestützte Dienstleistungen neue Umweltentlastungspotentiale erschlossen werden. Ein Beispiel hierfür ist die Auto-Recyclingbörse im Internet der Firma renet (
www.renet.de). Auch elektronische Marktplattformen für gebrauchte oder überschüssige Produkte und Wirtschaftsgüter können die Nutzungsdauer von Produkten verlängern. Beispiele hierfür sind www.GoIndustry.com oder
www.ebay.de. Weitere Ansatzpunkte für elektronische Dienstleistungen stellen Internetportale und Online-Einkaufsführer für umweltschonende Produkte und Dienstleistungen dar. Ein Beispiel hierfür ist der US-amerikanische Internetdienstleister
www.GreenOrder.com, der insbesondere gewerbliche Einkäufer und Behörden dabei unterstützt, auf schnelle und bequeme Weise, geprüfte umweltschonende Produkte zu finden und einzukaufen.

Von Dr. Klaus Fichter, Borderstep – Institut für Innovation und Nachhaltigkeit, Berlin,
fichter@borderstep.de

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