Bastard-Pop, Bootlegging und Sampling

Wenn man Musik von den Beatles und den Beastie Boys zusammenrührt, erhält man Songs der Beastles. Das ist zumindest die Logik von Bastard-Pop. Die Idee ist nicht ganz neu, aber der Siegeszug digitaler Musik hat dennoch ein ganz neues Musikgenre hervorgebracht.

 

Früher war Musikproduktion Personen überlassen, die ihre
Berufung darin sahen, Musiker zu sein. Sie steckten ihre gesamte
Arbeits- und Freizeit in ihr Hobby, um nach langen, aufwändigen
Phasen des Konzipierens, Produzierens und Masterns einen Track zu
veröffentlichen. Dieser Track suchte seinen Weg von der Plattenfirma
über den Plattenladen via DJ zum Publikum. Die Leute tanzten
dann – oder auch nicht. Charakteristisch für das, was unter
Begriffen wie Bootlegging, Mashup-Musik oder Bastard-Pop
firmiert: Es ist wesentlich schneller. Die MP3s werden nach kurze
Bearbeitungszeit wiederum zurück in den Informationsverteiler
Internet geladen, dort stehen sie – noch – kostenlos erneut zum
Download, sie lassen sich auf CD brennen, auf den iPod laden oder
mit anderen Musikstücken mixen.

Anders als früher kann heutzutage praktisch jeder, der Lust
und Laune hat, mit Programmen wie "Cool Edit Pro", "Soundforge"
und "P2P" von seinem Wohnzimmer aus die neue Unterhaltungs-
und Produzentensoftware voll ausnützen: einfach kurz aus dem
Netz herunterladen und via Hackerseiten illegal gecrackt. So werden
auch alle, die nicht Noten lesen können, zu Musikern, indem
sie mit der Maus über den Bildschirm fahren und sich damit
zufrieden geben, nicht zu verstehen was sich da in ihren Computern
abspielt. Hauptsache es groovt, rockt oder klingt irgendwie.

Kurz: Wir bewegen uns in einer Welt, die geprägt ist von Drag-and-Drop-Design,
in der computergestützte – oder allgemeiner: elektronisch unterstützte
– Arbeiten sowie Urformen des Remixes wie Collagen oder Montagen
längst zum Alltag gehören. Das Herunterladen von Image-
und Sounddateien, das Kopieren von Script und Code wie auch Loopgrabbing-Aktionen
sind moderne Arbeitsweisen geworden. In diesem Zusammenhang ist
es wenig verwunderlich, dass nicht nur "nerds", "bedroom-hackers"
und radikale Open-Source-Vertreter sich des fertigen Materials anderer
bedienen, um es in ihren Gedanken- und Produktionsprozess einfließen
zu lassen.

Dass Bootlegging eher latent mit der Open-Source-Lobby verwandt
ist als mit adoriertem DJ-Mainstream, zeigt sich etwa auch an den
Arbeitsutensilien und deren Interface-Wert. Bootlegger pflegen keinen
Gerätefetischismus wie Rock- oder Popbands. Sie basteln mit
beschleunigten Medienschnittprogrammen (Acid, Soundforce oder Cool
Edit Pro anstatt Fender, Yamaha oder Boss) an einer Komposition,
oder besser gesagt: an einer Sound-Bricolage. Die konservierten
Instrumentengeräusche und ihr früherer Kontext, wie sie
mit Stimme und Text verbunden waren, scheint bei der zweiten "geBastard-Pop-ten"
Version völlig überflüssig zu sein.

Entzauberte Ohrwürmer

Die Form eines traditionellen Popsongs bezieht sich auf den Standard
von 3:30 Minuten. Wird diese Form verändert, etwa radikal verkürzt,
und mit anderen Formen akkumuliert, sprich:abgemixt, so hören
wir extrahierte,meist komprimierte, essentielle Bausteine des Pops.
Das ist Bastard-Pop , eine Bootleg-Version bereits bestehender Songs.
Allerdings haben sie in ihren neu arrangierten Formen eigentlich
so gut wie nichts mehr mit dem Klangbild des Pops zu tun. Im Gegenteil:
Sie wurden dadurch entzauberte Ohrwürmer. Ihre plötzlich
mehrspurige Gesamtheit ist nicht wirklich leicht zu merken und animiert
kaum zum Mitsingen. Was sie jedoch beim Zuhörer oder auch Produzenten
hinterlassen, ist ein super-illusionistischer Raum, ein im Kopf
erdachtes und mit neuen, beschleunigten Medien ausgeführtes,
phantasmatisches Kunstwerk der heutigen Remix-crossover-Culture.

Das Stück "Intro
– Introduction
" des britischen Künstlers Osymyso etwa
vereint 101 Popintros auf einem zwölfminütigen Musikstück.
Durch das kurze Anschneiden charakteristischer Pop-Passagen entstand
ein eher kurzes Gedankenstakkato,
das keinen Anfang und keine Ende hat. Obwohl "Intro – Introduction"
ausschließlich aus Veratzstücken von Pop-Songs besteht,
kann man es selber nicht mehr dem Pop-Genre zuordnen: Dieses fremdartig
klingende Soundexperiment.ist schlicht und ergreifend zu schwer
tanzbar und hat zu wenig Ohrwurmpotenzial.

Bootlegging gilt als komplett neue Musikform , die ihre Wurzeln
in Bereichen wie der Medleys, schnellen DJ-Mixes (Funkmaster Flex,
DJ Spookey, DJ Godfather, etc.) oder auch des Jingles hat: eine
kurze einprägsame Melodie, und im Falle von Jingles meist akustischer
Bestandteil eines Werbespots. Ein gut gelungener Versuch unsere
Gehöhrgänge neu zu parametrisieren, aber auch gleichzeitig
mit dem Kitsch alter Zeiten mittels neuer hochmedialer Technologien
aufzuräumen.

Abtanzen auf Sound-Bricolages

Anstatt also kommerziell erworbene Schallplatten mit Hilfe eines
Hightech-Hardware-Equipments als zentrales Subjekt der Begierde
aufzulegen, meist erhöht auf der Bühne einer Diskothek,
geben sich clubfähig gewordene Nebenjob-DJs inzwischen mit
Freeware, vielen MP3s und einer ISDN-Leitung zufrieden.

Bastard-Pop treibt die traditionellen Pop-Attitüden konsequent
weiter: Die Autonomie des Künstlers ist noch stärker auf
das Musikstück bezogen. Und die künstlerisch-kreative
Koalition zwischen Interpret und seinem Song wird unwichtiger, ob
die Texte wirklich vom Sänger sind, ob es Live oder Playback
ist, spielt keine Rolle.

Bootlegging nimmt der individuellen und eigentlich bereits abgeschlossenen
Musikproduktion den Mythos des Unberührbaren. Durch das Extrahieren
von Stimmen (Acapella) und anschließende Verschmelzen in ein
nicht minder bekanntes instrumentelles Begleitkonstrukt (Instrumentalversion),
erhalten Stimme und Sound einen neuen, fast intimeren Bezug.

Bootlegger bräuchten eigentlich weder Label noch Promoter,
geschweige denn eine eigene Bühne oder einen Club. Trotzdem
erfahren Bootlegger, allen voran in Großbritannien, einen
enormen Hype, auch kommerzieller Natur. Und dass manche von ihnen
bereits einen Plattenvertrag bei einem Major in der Tasche haben,
zeigt, wie weit Creative Commons-Überzeugungen und Marktwirtschaft
nach wie vor auseinander liegen.

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