Football’s coming home: Die Pro 15.30 Initiative

Fußballfans
protestieren gegen die Macht des Geldes und werden gehört.
Im Mai versammeln sich Vertreter der Bundesliga und der
Fan-Initiative um einen Runden Tisch. Auf dem Spiel steht
der Sonntags-Fußball.

"DFB, Du Hure Kirchs – Gib uns unser Spiel zurück" oder "Schalke und
Bayer 04 wollen wir samstags um halb vier" schallt es neuerdings aus
den Fußball-Stadien. Landesweit haben sich Fußball-Fans aller Vereine
organisiert und der Kommerzialisierung ihres Lieblingssportes den Kampf
angesagt. Im Mittelpunkt ihrer Kritik stehen der Deutsche Fußball-Bund
(DFB) sowie der Fernsehsender Premiere, Inhaber der Übertagungsrechte,
die für die Zerstückelung der Spieltage verantwortlich gemacht werden.

Dass es plötzlich überall gut
organisierte Protestaktionen gegen die Handhabung von
Bundesliga-Spielen und ihre Übertragung gibt, kommt nicht von ungefähr.
Auch wenn es um Volkssport Nr. eins geht, wissen die Betroffenen sich
übers Internet zu organisieren. Aus vereinzelten Aufrufen in den
Diskussionsforen von www.stadionwelt.de entstand im Januar 2001 die Website www.pro1530.de,
mit deren Hilfe seit dem 20. Spieltag bundesweit Protestaktionen
organisiert werden. Seit einigen Wochen geistert die Pro-15.30 Bewegung
auch durch die traditionellen Medien. Die Süddeutsche Zeitung etwa
widmete den Aktionen bereits mehrere Artikel. Macht sich eine weitere
Form von Protestkultur im Netz bemerkbar?

Die Forderungen der Fans finden
sich auf der Homepage: Abschaffung des Sonntags als regulären Spieltag,
Festsetzung des Anpfiffs auf 15.30 Uhr, frühzeitige Bekanntgabe der
Spieltermine und Einbezug der Fanbeauftragten der bei der Ansetzung der
Spieltage. Grundsätzlich wollen die Fans erreichen, dass Abend- und
Sonntagstermine nicht mit Spielen belegt werden, die eine Anreise von
mehr als 200 bis 300 km erfordern.

Bei vielen Begegnungen auf dem
Rasen sind neuerdings Plakate der Pro1530-Bewegung zu sehen. Die
Initiative hat eigentlich keine führenden Köpfe, die die Aktionen
zentral planen. Sämtliche Aktivitäten werden über das Internet
organisiert und dann lokal durchgeführt. So gibt es etwa Logos der
"Bewegung" zum Herunterladen. Was die Anhänger konkret mit ihnen
anfangen, bleibt ihren selbst überlassen. Ob sie sich T-Shirts drucken
lassen oder Flugblätter verteilen, primäres Ziel ist es, die Blicke der
Öffentlichkeit auf sich zu lenken.

Bisheriger Höhepunkt waren die
Proteste zum 27. Spieltag, an dem in vielen Stadien auf den Unmut der
Fans aufmerksam gemacht wurde. Beim Spiel des FC Bayern gegen Bremen
waren 20 000 Papptafeln im Münchner Stadion ausgelegt worden. Sie
wurden während des Spiels hochgehalten und ergeben so den Schriftzug
"15:30". Häufig sind auch Kooperationen verschiedener Fanklubs durchs
Netz zustande gekommen. Bielefelder Arminia-Fans wurden etwa mit
Flugblättern aus Hamburg unterstützt.

Und das Konzept scheint
aufzugehen. Mittlerweile haben sich führende Köpfe aus Politik und auch
die Fußballgötter mit den Pro1530ern beschäftigt: Selbst
Bundespräsident Johannes Rau äußerte sich in einem Interview mit dem
Fußball-Magazin im Kicker: "Die Bundesliga ist für mich das Herz des
Fußballs! Sie lebt von den Besuchern im Stadion. Sie lebt von den
Ereignissen, nicht von der Wiedergabe der Ereignisse. Die Stimmung im
Stadion ist durch nichts zu ersetzen. Wenn man aber glaubt, nur das
Fernsehen mache den Fußball zum Ereignis und bringe ihm seine
gesellschaftliche Rolle, dann irrt man."

In einem Interview mit der
Zeitschrift Hörzu meinte Karl-Heinz Rummenigge: "Wir alle […] haben
in den letzten Jahren zu sehr ans Geld gedacht". Uli Hoeneß betonte im
Münchner Merkur:"Der Fan im Stadion ist für mich das Wichtigste. Wenn
sich herausstellt, dass durch die Samstagabend- und Sonntagsspiele
weniger Zuschauer ins Stadion kommen, muss das zurückgeschraubt werden,
auch wenn der Sender den Vereinen wichtiges Geld gibt." Noch dratischer
formulierte es Rudi Völler, Teamchef der Fußball-Nationalmannschaft:
"Wir müssen diesen Protest sehr ernst nehmen. Die Fans sind die Kunden.
Ohne sie geht nichts!". Und in der Tat haben einige ganz konsequente
Fans auch bereits ihre Premiere-Decoder aus Protest an der Kirch-Gruppe
zurückgegeben.

In der zweiten Maiwoche sollen Vertreter des Initiative, des Deutschen Fußball-Bundes und der Kirch-Gruppe an
einem Runden Tisch zusammentreffen und einen für alle Beteiligten akzeptabeln Kompromiss erzielen. Um den Ausgang
der Gespräche nicht zu beeinflussen, wird der genaue Termin und Ort der Gespräche nicht bekanntgegeben.
Dass hinter Pro1530 wirklich eine Massenbewegung steckt, bezweifeln jedoch noch einige wichtige
"Fußball-Köpfe".

Borussia Dortmunds Manager
Michael Meier beurteilte die Initiative Anfang April im Spiegel wie
folgt: "Hier haben ein paar Leute auf eine sehr intelligente Weise im
Internet Forderungen aufgestellt, hinter denen wahrscheinlich die
wenigsten Fußballfans wirklich stehen. Da ist eine Lawine losgetreten
worden, die Fans wurden instrumentalisiert. Und jetzt machen viele nur
mit, weil alle das tun, und denken nicht mehr nach, was sie eigentlich
erreichen wollen." Ob sich diese Einschätzung nicht als nicht eine
Abseitsfalle entpuppt, wird sich nach dem Runden Tisch zeigen.

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