Frank Bsirske – ver.di-Vorsitzender

Bereits im November 2000
sorgte er erstmals als unbekannter Überraschungskandidat für
Schlagzeilen. Aus dem personalpolitischen Nichts kommend, wurde Frank
Bsirske auf dem ÖTV-Gewerkschaftstag in Leipzig nach einer mitreißenden Rede
mit über 94 Prozent der Stimmen zum Nachfolger von ÖTV-Chef Herbert
Mai, dieser war nach einem mageren Abstimmungsergebnis zur Neugründung
der Vereinigten Dienstleistungsgesellschaft (ver.di) zurückgetreten,
gewählt.

Die Wahl zum ÖTV-Vorsitzenden war
für den damaligen Personaldezernent der Landeshauptstadt Hannover eine
große Herausforderung, schließlich sollte er das erste Grünen-Mitglied
an der Spitze einer Gewerkschaft sein. Um sich mit diesem Amt vertraut
zu machen, hatte aber er nur wenige Monate Zeit. Bereits im März 2001
wurde er von der ver.di-Gründungsversammlung mit ausgezeichneten 95,9
Prozent zum ersten Vorsitzenden der größten Gewerkschaft der Welt
gewählt. Dies war für den Politikwissenschaftler der bisherige
Höhepunkt einer relativ kurzen, aber steilen, Karriere.

Frank Bsirske
Frank Bsirske

Geboren wurde Bsirske am 10.
Februar 1952 im niedersächsischen Helmstedt. Nach Abschluss der
Realschule (1967) bestand er vier Jahre später auch das Abitur und
konnte 1978 sein Diplom-Studium der Politikwissenschaft erfolgreich
beenden. Bereits früh engagierte sich Bsirske in der Parteipolitik;
1966 trat er der SPD bei, 1969 aber bereits wieder aus. Vor allem die
sozialdemokratische Zustimmung zu den Notstandsgesetzen und zur Großen
Koalition ließen ihn diese Entscheidung fällen. Von 1978 bis 1987 war
er Bildungssekretär der SPD-nahen "Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken"
im Bezirk Hannover. 1987 verabschiedete er sich dann endgültig von der
Sozialdemokratie und trat – angeblich weil sich der ehemalige
Bundeskanzler Helmut Schmidt abfällig über sie geäußert hatte – den
Grünen bei. Direkt nach seinem Beitritt arbeitete er in den Jahren
1988/89 für die Fraktion der Grünen Alternativen Bürgerliste im Rat der
Stadt Hannover. Nach diesem kurzen Intermezzo in der Politik begann er
1989, obwohl er nicht den klassischen Weg durch die gewerkschaftlichen
Funktionen vorweisen konnte, seine hauptamtliche Laufbahn bei der ÖTV.

Das langjährige und vorher
bereits ehrenamtlich tätige Gewerkschaftsmitglied (seit 1978) wurde
zunächst Sekretär der ÖTV-Kreisverwaltung Hannover (1989/1990), weitere
Aufgaben als Stellvertretender Geschäftsführer der Kreisverwaltung
Hannover (1990/1991) und Stellvertretender Bezirksvorsitzender des
ÖTV-Bezirks Niedersachsen (1991-1997) folgten. Nach dieser
gewerkschaftlichen Phase zog es Bsirske zunächst auf die Gegenseite.

1997 übernahm er die Position des
Personal- und Organisationsdezernenten der Stadt Hannover. In seiner
dortigen Funktion als Arbeitgeber erwarb sich Bsirske den Ruf eines
fähigen Managers und modernen Reformers, eine für seine ver.di-Arbeit
durchaus sinnvolle Qualifikation. Er forcierte vor allem die
Dezentralisierung der Verwaltung und erntete für sein Vorhaben,
Amtsleiterstellen vorerst nur noch befristet zu vergeben, bundesweit
Anerkennung. Sein Ziel, die öffentliche Verwaltung leistungsfähiger und
kundenfreundlicher zu gestalten, hat er in Hannover erreichen können.
Die Öffnungszeiten der Bürgerbüros konnten durch flexible Gestaltung
der Arbeitszeit von knapp 28 auf 42 Stunden in der Woche ausgedehnt
werden.

Am Samstag (19.05.) skizzierte
Bsirske anlässlich der Gründung des letzten ver.di-Landesverbandes in
Hessen den langen und noch vor der neuen Gewerkschaft liegenden Weg.
"Neue Aktionsformen" sollen erschlossen, eine "neue Form der
Solidarität" entwickelt und neue Berufsgruppen für ver.di gewonnen
werden, so Bsirske in seiner Rede. Für den 49jährigen dürfte dabei
seine Lieblingssportart "Kommunikation" von besonderem Nutzen sein.
Während er bereits der Verwaltung mehr Bürgernähe verordnen konnte,
machte er nun auch kurz nach seiner Wahl zum ÖTV-Vorsitzenden deutlich,
dass in einer Gewerkschaft "der Funktionär für die Mitglieder da zu
sein habe und nicht umgekehrt". Frank Bsirske will vermitteln und die
Kluft zwischen denen, die eine Gewerkschaft als "Kampforganisation"
verstehen und anderen, die den Dienstleistungsaspekt stärker in den
Vordergrund rücken möchten, schließen.

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