Stauende?

ICANN beschließt sieben neue Top Level Domains

Im Internet wälzt sich mittlerweile der Schwerverkehr über Landstraßen und durch die globalen Dörfer. Dreizehn Jahre lang wurden im Netz keine neuen Strassen angelegt, die bisherigen Top Level Domains (.com, .org etc.) stammen aus den Jahren 1985 und 1988. Nun hat das
ICANN Direktorium beschlossen, mit sieben neuen Top Level Domains der Überlastung abzuhelfen und die Infrastruktur des Netzes stärker zu gliedern.

Der einschneidende Beschluss für die Architektur des Netzes wurde auf der ICANN-
Direktorumssitzung in Marina del Rey am 16. November getroffen. Mit von der Partie waren auch die neugewählten
@large-Direktoren, darunter der Deutsche Andy Müller Maguhn. Der Beschluss sieht folgende neue Domains vor:
.aero für die Luftfahrt,
biz. und
.info als Konkurrenz zum bisherigen .com,
.coop für genossenschaftlich organisierte Organisationen,
.museum für Museen,
.name als Kennung für Privatpersonen und
.pro für berufliche Bezeichnungen.

Insgesamt hatten dem Direktorium des Internet- “Strassenverkehrsamtes”
44 Anträge auf neue Domains vorgelegen. Firmen, Institutionen und Registrierungsstellen hatten die Anträge im Vorfeld gestellt und im Netz veröffentlicht. Dem Antrag musste eine
ausführliche Begründung angefügt werden. Die Anträge standen dann zur offenen Diskussion im Netz und im Falle der Ablehnung stellte die Empfehlungskommission von ICANN ebenfalls eine Begründung ins Netz. Top Level Domain-Vorschläge wie .tel, .kids oder auch .sex fielen bei ICANN durch, entgegen der Prognosen und Empfehlungen aber auch die Domain .geo.

Zu Beginn des neuen Jahres soll die Vergabe der neuen Domains durch autorisierte Stellen anlaufen. Natürlich wird es eine Weile dauern, bis die User sich an die neuen Möglichkeiten, Informationen im Netz zu finden, gewöhnt haben. Auf lange Sicht dient diese Unterscheidung allerdings der besseren Orientierung im Netz und macht verschiedene Geschäftsbereiche in ihren Inhalten transparenter.

Die Top-Level Domains sind aber mehr als nur neu angelegte Wege im Netz und in diesem Sinne ist auch ICANN mehr als ein reines Straßenverkehrsamt. Die Natur der Domains trägt wesentlich zur Struktur des Netzes bei: wären beispielsweise die Anträge der Telekommunikationsbranche auf .tel, .mobile und .mobi akzeptiert worden, hätte man dieser Branche einen breiten und relativ exklusiven Raum eingeräumt. Dass das Internet zwar mittlerweile ein wichtiger kommerzieller Repräsentations- und Handelsraum ist, streitet niemand ab, entscheidend ist aber, dass dennoch die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleibt und das Internet weiterhin als öffentlicher Raum nutzbar bleibt. Platz für non-profit Oranisationen, Initiativen und private Vorhaben muss also ebenso vorgesehen werden, wie für die ausgreifenden dotcoms.

Die Ausgestaltung des Netzes ist also eine politische oder genauer gesellschaftspolitische Aufgabe, die von ICANN wahrgenommen wird. Auf Grund der Bedeutung, die den neuen TLDs zukommt, wurde im Vorfeld viel gebangt und gehofft. Speziell in Europa und dort vor allem in Deutschland wurde im Zuge der @Large Wahlen deutlich, dass die Betonung eines nicht-kommerziellen Freiraumes im Netz im Sinne der User ist. Die Entscheidung des Direktoriums lässt jedoch aufatmen, denn sie ist relativ ausgewogen: mit biz und info soll der dichtgedrängte .com Bereich aufgelockert werden, andere Aspekte des Netzes werden unter .coop .museum oder .name ihren Platz finden. Der befürchtete Ausverkauf des oft als Wirtschaftslobby kritisierten Direktoriums ist also ausgeblieben.

So wichtig die Einführung der neuen Domains ist, einige grundlegende Probleme bleiben unangetastet. Das Markenrecht lässt sich nicht auf diese Weise umschiffen. IBM.museum wird auch weiterhin eine Adresse für IBM sein, in diesem Fall dann für museale Computerfriedhöfe. Auch das Problem des “Domaingrabbings” wird auf diese Weise nicht gelöst, der run wird jetzt erst richtig los gehen. Alle, die .sex nicht bekommen haben, werden sich nun um sex.info bemühen. Allerdings will ICANN dem Domainklau mit einer sogenannten “Sunrise Period” vorbeugen. Bei den meisten neuen TLD wird vor der eigentlichen Freigabe ein Zeitraum von 60 Tagen eingeräumt, in dem sich die Bewerber um die neuen Domainnamen registrieren lassen. In der anschließenden Evaluationsphase können dann Inhaber von Warenzeichen prüfen, ob die beantragten Namen ihre Rechte verletzen.

Diese “Sunrise Period” entfällt logischerweise bei .name, denn hier sollen private User sich unter ihrem eigenen Namen registrieren lassen können. Wer also tatsächlich Arthur Anderson heißt, wird diese Domain auch als .name kaufen können, ohne das die gleichnamige Beraterfirma Einspruch erheben kann.

Wenn das alte ökologische Argument gilt, wonach mehr Strassen nicht Entlastung sondern lediglich mehr Verkehr produzieren, dann werden auch die zusätzlichen TLDs keine dauerhafte Entspannung bringen, sondern die Zahl Baustellen im Netz nur erhöhen. Das eigentliche Grundproblem, dass sich dem wachsenden Netzverkehr stellt, wird nämlich durch die Einführung der sieben neuen Domains nicht gelöst. Platzmangel herrscht vor allem auf der mittleren Domainebene, also in dem Bereich der zwischen dem @ und dem .com oder .de steht (redaktion@
politik-digital.de). Und hier werden sich die Möglichkeiten durch neue Top Levels nicht vergrößern sondern eher verwirren.

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