Die vergessene Wahl

Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern am 22. September 2002

Die politische Situation

Am 22. September können die Wähler in Mecklenburg-Vorpommern nicht nur über die Zusammensetzung des neuen Bundestages entscheiden. Sie wählen auch ein neues Landesparlament. Im deutschlandweiten Wahlkampfgetöse der Kompetenz- und Fernsehduelle findet die Landtagswahl kaum Beachtung. Dies wird der interessanten Konstellation allerdings nicht gerecht – immerhin steht hier die erste und dienstälteste rot-rote Koalition zur Disposition. Demoskopen sehen einen Sieg für die bestehende Regierung voraus, wenn auch mit einer deutlichen Machtverschiebung zugunsten des stärkeren Partners, der SPD.

 

Endspurt in Gummistiefeln

Lange Zeit sah es für den SPD-Ministerpräsidenten Harald Ringstorff in den Umfragen gar nicht gut aus. Sein Herausforderer von der Union Eckhardt Rehberg hatte Anfang 2002 einen satten theoretischen Vorsprung von sieben Prozentpunkten und lag auch noch im Juli knapp vorne.

Bei einer
Infratest-Umfrage zwei Wochen vor der Wahl liegt die SPD jedoch mit 37 Prozent knapp vor der CDU, die 35 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen kann. Der CDU-Kandidat Rehberg sieht vor allem die Flutkatastrophe hierfür als Ursache und bezweifelt eine substantiell gewachsene Begeisterung für die Koalition.

Die PDS wird nach den Aussagen der Wahlforscher große Schwierigkeiten habe, ihr mit über 24 Prozent außerordentlich gutes Ergebnis von 1998 zu halten. Die Partei steht zur Zeit bei knapp unter 20 Prozent der Wählerstimmen. Sowohl für FDP als auch Grüne erscheint ein Einzug in den Landtag fraglich. Während die Grünen bei nur 2 Prozentpunkten stagnieren geben nur 4,5 Prozent der Bürger an, die FDP zu wählen.

Wahlkampf im Netz

Während die Parteien im Bundestagswahlkampf das Medium Internet so intensiv wie noch nie nutzen, ist die Nutzung des Internets als Wahlkampfmedium auf Landesebene in Mecklenburg-Vorpommern (MV) noch gering. Das ist nicht weiter verwunderlich, gilt Mecklenburg-Vorpommern doch als das Land der Internet-Muffel: laut einer
Studie von
eMind@emnid im Auftrag der
Initiative D21 mit Unterstützung von politik-digital.de hat MV bundesweit die niedrigste Internetdurchdringung. Die Netz-Aktivitäten der Parteien hätten unterschiedlicher kaum ausfallen können.

Bis auf wenige Ausnahmen schöpfen die Parteien in Mecklenburg-Vorpommern die Möglichkeiten des Mediums Internet im Wahlkampf noch nicht voll aus.


SPD

Von der Startseite der
Bundes-SPD zur Homepage des
Landesverbandes zu kommen, erweist sich als umständlich: Kein direkter Link weist auf die anstehende
Landtagswahl hin. Um sich also über Mecklenburg-Vorpommern zu informieren braucht man mindestens 2 Klicks. Der entsprechende Verweis ist dabei nicht prominent platziert: lediglich ganz unten rechts findet sich ein kleiner Hinweis auf die SPD-Landesverbände.

Die SPD schickt zwei Websites ins Rennen, die stark ineinander verwoben sind. Auf der offiziellen
Seite des Landesverbands zur Landtagswahl 2002 präsentiert sich die SPD ganz im Zeichen ihres Zugpferdes und Ministerpräsidenten Harald Ringstorff.
Dessen Homepage ringstorff.de bietet weiterführende Informationen zu seiner Person. Die Websites verweisen häufig aufeinander, eine klare Trennlinie zwischen beiden zu ziehen, fällt schwer.

Ein ausführliches Profil Ringstorffs fehlt auf seiner Seite ebenso wenig wie das Parteiprogramm, das unter wahlkampf02 schnell zu finden ist – auf der Seite Ringstorffs versteckt es sich inmitten einer Liste von Dokumenten , die als Download bereitgestellt werden. Die aktuellen Themenschwerpunkte der Partei sind nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Dementsprechend gibt es auch keine Linkliste, die Hintergrundinformationen zu aktuellen Fragen bietet. Vorbildlich ist dagegen die Kontaktmöglichkeit: alle Bundestags- und Landtagskandidaten werden mit Telefonnummer und e-Mail-Adresse aufgelistet. Die Möglichkeit zum direkten Feedback ist nicht gegeben. Die Navigation ist bei beiden Seiten übersichtlich. Ein Terminplan listet alle Termine des Monats auf. Die Pressemitteilungen werden scheinbar eher selten aktualisiert: Der letzte Eintrag ist eine Woche alt. Leider wird Herrn Ringstorff auf seiner eigenen Homepage bei älteren Bildschirmen mit einer Auflösung von 800×600 am rechten Rand Herrn ein Ohr abgeschnitten.


CDU

Einzig bei der
Bundes-CDU stößt man schon beim Betrachter der Startseite auf einen direkten Verweis zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. Der Link führt zur Wahlkampfseite der CDU MV unter der plakativen Adresse
neuer-wille.de. Der Landesverband ist beim Internetwahlkampf autonom von der Bundes-CDU, was man am Design der Wahlkampfseite der Landes-CDU deutlich sieht: Gelb ist dort dominierende Farbe.

Auch bei der CDU steht Spitzenmann Eckhardt Rehberg im Vordergrund. Die Homepage ist komplett auf die Person Rehberg zugeschnitten, ein Bild des Kandidaten dominiert die Seite, die ansonsten auf der Startseite kaum weiteren Text enthält. So werden dem Spitzenkandidaten an prominenter Stelle gleich zwei Rubriken gewidmet, die ihn unter verschiedenen Aspekten präsentieren sollen: als Politiker und Mensch. Neben einer ausführlichen Biographie werden auch seine Motivation und Wünsche erläutert. Einen kurzen Überblick zu den Zielen der CDU in Mecklenburg bietet eine Liste mit 10 Thesen bzw. Themenschwerpunkten. Um sich genauer zu informieren, wird man auf das Wahlkampfprogramm der Landespartei verwiesen, das als Download bereitsteht. Eine Linkliste verweist hauptsächlich auf weitere CDU-Seiten sowie einige regionale Tageszeitungen. Alle Kandidaten der Landtagswahl werden mit einer kurzen Vita vorgestellt. Leider fehlt die Möglichkeit, direkt mit den Kandidaten in Kontakt zu treten. Weder Telefonnummern noch e-Mail-Adressen der Politiker sind hier veröffentlicht. Statt dessen beschränkt sich die Feedbackmöglichkeit auf zwei schlichte Mailformulare, wo man allgemeine Bemerkungen einsenden oder aber der CDU mitteilen kann, wo man Missstande im Land sieht. Natürlich fehlen auch die aktuellen Wahlkampftermine nicht.

Gewöhnungsbedürftig ist die Navigation: Wann immer man einen Link in einer der beiden Navigationsleisten anklickt, wird nicht direkt die entsprechende Seite angezeigt. Statt dessen werden alle Inhalte in einem extra Fenster geöffnet, während die Startseite samt der Navigation immer im Hintergrund bleibt. Auch Eckhard Rehberg passt bei einer niedrigen Auflösung von 800×600 nicht komplett ins Bild.

Auf ein Marketing-Gimmick ist Reiner Holznagel, Referent für Presse und Öffentlichkeitsarbeit der CDU MV, besonders stolz: als „kommunikative Brücke“ zur Offline-Welt kann man einen Bastelbogen fürs Wahlkampfmaskottchen, den Storch Willand, herunterladen und ausdrucken. „Wir wollen damit besonders Kinder und Jugendliche ansprechen“.

PDS

Von der Website der
Bundes-PDS führt kein Link hierher. Die Wahlkampfseite der Landespartei erreicht man unter der irritierend offiziell klingenden Adresse
www.landtagswahlen-2002.de. Auf den ersten Blick fällt ein Foto von Gregor Gysi ins Auge. Der ehemalige Parteivorsitzende und Berliner Ex-Innensenator ist zweifellos noch immer das prominenteste Gesicht der PDS. Obwohl er keine politischen Ämter mehr bekleidet, wird hier in erster Linie auf seine Wahlkampftermine verweist. Ansonsten hält sich die Personalisierung der Seite in Grenzen, zur Spitzenkandidaten Angelika Gramkow beispielsweise findet sich nur eine Biographie, die auf der Startseite nicht einmal direkt verlinkt ist. Statt dessen werden aktuelle Themen der PDS auf der Startseite präsentiert. Die Homepage dient hauptsächlich der Information: Kontaktmöglichkeiten sind kaum gegeben. Lediglich eine allgemeine e-Mailadresse wird angezeigt, die Kandidaten sind nicht zu erreichen. Die Navigation ist übersichtlich, lediglich interaktive Elemente wie Chats oder Kommunikationsangebote fehlen größtenteils.


B90/Grüne

Auch die
Grünen verweisen beim Bundestagswahlkampf nicht auf die Landtagswahl. Unter der programmatischen Adresse
Grün-muss-rein.de findet sich die Wahlkampfsite der Grünen in Mecklenburg-Vorpommern. Grafisch an die Bundestagswahlkampagne der Bundes-Grünen angepasst, erfüllt sie die Pflicht spielend und kann auch mit einigen Besonderheiten aufwarten. Neben einer übersichtlichen Vorstellung der Spitzenkandidaten sowie aktueller Themenschwerpunkte ist besonders die Kontaktfreudigkeit der mecklenburger Grünen vorbildlich: Direkt von den Biographien der Kandidaten aus können e-Mails versendet werden, ergänzend gibt es aber auch ein allgemeines Kontaktformular, wo einfach direkt der Empfänger per Menü ausgesucht werden kann. Auf eben diesem Weg kann auch Feedback an die Landesgeschäftsstelle gegeben werden. Die übersichtliche Navigation führt schnell und mit wenigen Klicks zum Ziel: Wahlkampftermine fehlen ebenso wenig wie aktuelle Meldungen, die fast täglich aktualisiert werden. Ein Archiv mit Pressemitteilungen rundet das Angebot ab. Auch die Darstellung bei 800×600 Pixeln ist kein Problem: die grüne Seite ist rundherum webgerecht aufgearbeitet!

FDP

Auch die Adresse der
FDP-Seite aus Mecklenburg-Vorpommern muß direkt in den Browser eingegeben werden – einen Link auf die Landtagswahl sucht man auf der Homepage der
Bundes-FDP vergebens. Die FDP Mecklenburg-Vorpommern hat keine Plattform extra für den Wahlkampf eingerichtet. Unter der Adresse
liberale-mv.de findet man die Webpräsenz des Landesverbands. Weder Parteien- noch Kandidatenschwerpunkte sind auf Anhieb zu finden. Das Grundsatzprogramm der Landes-Liberalen kann man direkt einsehen, weitere Informationen zu Themenkomplexen sucht man vergebens. Hinter der umständlichen Navigation, die sich auf zu viele Unterpunkte und Navigationsleisten verteilt, sind die Biographien der Kandidaten sehr gut versteckt. Ausreichende Kontaktmöglichkeiten fehlen gänzlich: eine allgemeine Info-Mailadresse ist alles, was geboten wird. Auch in punkto Aktualität glänzen die Liberalen nicht: außer den Pressemitteilungen scheint das Angebot nicht gepflegt zu werden. Die Vorstellung des Kompetenzteams beispielsweise, angekündigt für die zweite Augustwoche, fehlt auch zwei Wochen vor der Wahl. Bei niedriger Auflösung passt die Website auch hier nicht ganz auf einen Bildschirm.

Erschienen am 12.09.2002

 

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