Die Aktivisten aktivieren (Teil 2)

Wahlkampf@Internet.de – Zeitverschwendung oder Zukunftsmusik?

 

Wie stellen sich die Parteien angesichts dieser Ausgangslage im Internet da? Ein Streifzug durch die Netzlandschaften der Parteien suggeriert vor allem eines: Wir gewinnen! Das Prinzip ist stets das gleiche: Eine Betrachtung der Seiten der Landesverbände, Kampagnenseiten und – soweit vorhanden – der Portale der Spitzenkandidaten von SPD, CDU, Grünen, FDP, PDS und WASG in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin zeigt, dass sich in den Internetredaktionen der Parteien ein gewisser Status Quo verfestigt hat.

Die Seiten der Parteien unterscheiden sich dabei deutlich hinsichtlich der Farben und wenig hinsichtlich des strukturellen Aufbaus. Alle Portale orientieren sich an der jeweiligen Kampagnenlinie, die Claims der Kampagne sind häufig auch Adresse der Kampagnenportale. Alle Seiten enthalten ähnliche Funktionalitäten, wie Hinweise zum Wahlprogramm, Kandidaten, Presseinformationen, Spendenaufrufe, Mitgliedsanträge und Kontaktformulare. Die Kampagnenseiten sind im Design der Kampagnenlinie gestaltet, die Kandidatenseiten weisen häufig große Fotos des Kandidaten nach amerikanischem Vorbild auf, was, so wissen wir es aus der Wahrnehmungspsychologie, emotionalisierend wirkt.

In Berlin wird neben der eigenen Parteimarke vor allem auf die Marke „Berlin“ gesetzt. Die Seite ist hier, dem Flair der Hauptstadt entsprechend, schillernd und farbenfroh. Die kleinen Parteien gehen vermutlich mit weniger Geld, dafür aber mehr Kreativität ans Werk. Die Seiten der kleinen Parteien sind unkonventioneller: die der kleinen Parteien des linken Spektrums dabei eher sophisticated, die der liberalen hingegen auch schon mal polarisierend bis reißerisch.

Interessant ist bei der Betrachtung aller Seiten allerdings gar nicht so sehr, was gezeigt wird, zumal sich die Seiten darin nicht wesentlich unterscheiden – sondern vor allem, was nicht gezeigt wird, denn mit den diesbezüglichen Erkenntnissen kann gleich einmal mit einigen Vorurteilen aufgeräumt werden, denn:

  • Die offiziellen Parteiseiten, die hier betrachtet worden sind, sind nicht lustig. Von Spaßwahlkampf keine Spur bei den Netzauftritten der hier betrachteten Parteien: Zwar findet sich hier und da der eine oder andere Verweis auf lustig anmutende E-Cards, insgesamt ist jedoch durchgehend ein seriöser, professioneller bis nüchterner Stil gewählt worden.
  • Die offiziellen Parteiseiten die hier betrachtet worden sind, enthalten keine offensiven Negative-Campaigning-Attacken (außer gegen rechte Parteien). Negative-Campaigning, so die Forschung, finden die Deutschen tatsächlich „negativ“. Negative-Campaigning-Seiten werden in deutschen Wahlkämpfen daher höchstens unter eigenen Domainnamen veröffentlicht, die auch eher nicht den offiziellen Kampagnenlinien entsprechen. Auf den offiziellen Seiten sucht man stigmatisierende Schlammschlachten jedenfalls vergebens.
  • Die offiziellen Parteiseiten, sind in diesem Wahlkampf erstaunlich wenig interaktiv. Vom guten alten Kontaktformular abgesehen wird von den interaktiven Möglichkeiten des Netzes insgesamt wenig Gebrauch gemacht. Chats – so darf angenommen werden – haben sich im Wahlkampf nicht etablieren können, weil damit letztlich eher Insider angesprochen werden als unentschlossene Wechselwähler. Zwar gibt es mittlerweile über hundert Parteiblogs, allerdings finden sich auf den Startseiten der offiziellen Portale eher keine oder nur dezente Hinweise dazu.

Wahlkampf@Internet.de – Zeitverschwendung oder Zukunftsmusik?

Informationen über das Internet zu verbreiten hat für Politiker und Parteien einen nicht zu unterschätzenden Selbstdarstellungseffekt. Die Kehrseite ist allerdings: Schon ein unglücklich formulierter Halbsatz kann mit etwas Pech zum Skandal führen. Jede Form der Präsentation von Inhalten bietet diese potentielle Gefahr, aber das Netz lädt zum einfach Publizieren geradezu ein. Parteien und Politiker sehen sich also bei der Gestaltung von Webseiten stets mit einem Zielkonflikt konfrontiert: Einerseits soll keine Steilvorlage für einen Angriff gegeben werden, andererseits soll dennoch eine gewisse Transparenz gechaffen werden.

Allem Pessimismus zum Trotz, was die Überzeugungsmöglichkeiten politischer Kampagnenwebsites angeht,Wahlkampf ohne Internet wäre Parteisicht nicht nur unprofessionell, sondern ein Fehler,: Das Internet bietet eine kostengünstige Möglichkeit, große Informationsmengen selektierbar und zitierbar für Multiplikatoren bereitzuhalten. Bietet eine Partei solche Informationen nicht an, würde sie einen strategischen Nachteil gegenüber Mitbewerbern erfahren. In der politischen Berichterstattung ist für Journalisten Recherche ohne das Internet nicht mehr denkbar. Auch Parteimitglieder, Interessenten und Aktivisten, deren Stimme ziemlich sicher ist, wollen aktiviert werden und können ebenfalls als Multiplikator dienen. Die Bedeutung der persönlichen Kommunikation ist bei der Wahlentscheidung ebenfalls von großer Bedeutung. Hinzu kommen Imageeffekte, so dass man Parteien unter dem Strich heute auf keinen Fall raten sollte, auf durchdachte Netzauftritte zu verzichten.

Mit Blick auf die Partei-Websites in den hier betrachteten Wahlkämpfen sollte jede Partei sich die Frage stellen: Wen will ich, wen kann ich und – vor allem – wer will mich im Netz eigentlich erreichen?

In der Beantwortung dieser Frage könnte der Schlüssel zu mehr Effizienz in der Online-Kommunikation zwischen Parteien und Wählern liegen:Denn wie hat schon der niederländische Philosoph Baruch de Spinoza schon um 1650 festgestellt: Je mehr der Geist weiß, desto eher kann er sich selber leiten, sich Regeln setzen und vor allem sich unnützer Dinge enthalten.

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