Das Netz zwischen Politik und Technik im Irak-Konflikt

Ursprünglich als militärisches Kommunikatiosmedium in Katastrohenfällen eingerichtet, gilt das Internet heute als unabhängige Informationsquelle. Wurde das Netz dieser Rolle auch während des Irak-Kriegs gerecht?

Wir leben in einer Medienwelt. Was wir über Politik wissen, zu wissen glauben oder nicht wissen, ist fast ausschließlich Produkt der massenmedialen Berichterstattung, insbesondere des Fernsehens. Kriege werden militärisch geführt, aber politisch und medial gewonnen bzw. verloren, weil die Mehrheitsmeinung der Öffentlichkeit über Sieg oder Niederlage entscheidet. Medienberichte sind Teil der psychologischen Kriegsführung, um den Gegner zu demoralisieren, und die Kampfmoral in den eigenen Reihen zu heben. Kriege sind zugleich hochprofessionelle Medienkampagnen, um die öffentliche Meinung zu kontrollieren.

Im Irakkrieg soll das
Internet – als für die Öffentlichkeit über Landesgrenzen zugängliches Medium – informationspolitische Aufgaben leisten, welche das Fernsehen durch einseitige Propagandaberichte (in den USA und der arabischen Welt; in abgeschwächter Form auch in Großbritannien) und/oder aufgrund eines aus Ressourcen- und Informationsmangel entstandenen Defizits eigenständiger Berichte (im „Rest der westlichen Welt“) nicht ausreichend erfüllte.

Es ergibt sich die Ironie, dass zum Zeitpunkt der Errichtung des Internets dieses ein System darstellen sollte, das die Kommunikation von Computern in nationalen Katastrophenfällen sichern sollte. Den damaligen Hintergrund bildete die Angst vor Raketenangriffen durch die UdSSR, an ein ziviles und US-kritisches bzw. militärkritisches Internet in Zeiten der Kriegsberichterstattung dachte niemand.

Politisch-technische Funktionalität

Politik und Technik sind eng verknüpft. Für “Schurkenstaaten” bzw. die „Achse des Bösen“ gibt es keine Internet-Domains von den USA. Sowohl der Irak als auch Nordkorea haben keine eigene Top-Level-Domain erhalten. IQ- und KP-Adressen werden nicht vergeben. Die offiziellen irakischen Medien sind daher nur unter verschiedenen .net-Domains zu finden, wobei die Server nicht im eigenen Land stehen. Physisch befindet sich die Website des irakischen Fernsehens iraqtv.ws mit einer Adresse aus Samoa in Beirut, wo geschlossen die offizielle Medienlandschaft des Irak im Internet Gaststatus hat.

Iraq2000.com und uruklink.net teilen sich das „Hosting“ der Webauftritte aller Zeitungen, wobei die Tageszeitung “Babil” als einzige eine englischsprachige Ausgabe hat. Nach wenigen Kriegstagen waren nur noch die Nameserver für alle offiziellen Internetseiten des Irak, nic1.baghdadlink.net bzw. nic2.baghdadlink.net, mit akzeptablen Antwortzeiten erreichbar. Die Netzanbindung war ansonsten so schlecht, dass sämtliche auf uruklink.net geparkten Internetseiten von Regierung und offiziellen Medien durch Ablauf der Zeitlimits für den Seitenaufbau nicht mehr angezeigt wurden.

Die einseitige Informationsvermittlung im Irakkrieg war daher auch zwangsläufige Konsequenz ungleicher technischer Voraussetzungen mit politischen Hintergründen. Hinzu kam, dass der arabische Fernsehsender Al Jazeera allgemein unter aljazeera.net kaum, und auf seiner Ende März neuen englischsprachigen Web Site english.aljazeera.net nahezu gar nicht erreichbar war. Letzteres lag auch daran, dass der ursprüngliche Provider – eine US-Firma – aus offensichtlich auch politischen Gründen den Vertrag kündigte.

Analog zum 11. September gelang demgegenüber in den USA zweifellos der Nachweis der technischen Funktionalität des Internets. Obwohl das Netz zwischenzeitlich vom Ausfall einiger Internetseiten und einer Verlangsamung des Datentransfers betroffen war – die durchschnittliche Antwortzeit von BBC online ist beispielsweise von 0,47 auf 1,88 Sekunden gestiegen – , hat es in der „westlichen Welt“ den zweiten großen Test seiner fast 35-jährigen Geschichte bestanden. Nachrichtenportale wie
cnn.com verkrafteten Zugriffe in zweistelliger Millionenhöhe. Die 15 größten Internetseiten verzeichneten um über 40 Prozent mehr an Zugriffen, die Besucherzahlen lagen im Wochenvergleich über denen während des Anschlags vom 11. September. Am 11./12. September 2001 waren es neun Millionen stündlich im Vergleich zu ansonsten elf Millionen täglich gewesen.

Kriegsschauplatz Internet

Der Irakkrieg ist zugleich durch E-Mail-Kampagnen der USA gekennzeichnet. Irakische Regierungs- und Militärvertreter wurden von den USA in Verbindung mit Schutzangeboten aufgefordert, den Krieg aufzugeben und überzulaufen, Saddam Hussein die Gefolgschaft zu verweigern, Befehle zum Einsatz chemischer, biologischer oder nuklearer Waffen nicht zu befolgen usw.. In den USA sperrten zeitgleich manche Provider aufgrund einer “unpatriotischen” oder “anstößigen” Kriegsberichterstattung, beispielsweise durch Bilder von toten Soldaten, Internetseiten. Betroffen war u.a.
yellowtimes.org, welche auch die speziell zum Irakkrieg gestaltete Seite
newsfromthefront.org betrieb.

Unabhängig davon ergab sich eine Neudefinition und Politisierung der Sicherheitsdebatte. Noch am Tag des Beginns der Angriffe auf den Irak wurde die Internetseite von
Iraqi TV von pro-amerikanischen Angreifern
„entführt“. Eine pro-islamische Hackergruppe schlug zurück, und überschrieb im Zuge eines
„Massenhacks“ hunderte US-amerikanische Seiten. Der Nachweis eines kriegsmotivierten „Hackens“ ist einfach, denn im März 2003 konzentrieren sich die Attacken auf Ziele in den USA und Kanada. Fast zwei Drittel der weltweit gezählten digitalen Angriffe ereigneten sich auf Ziele in Nordamerika, lediglich 21 Prozent der Attacken galten dagegen Zielen in Europa. 2002 war das Verhältnis mit einem Anteil von jeweils etwa 30 Prozent ausgeglichen. Interessanterweise wurden weniger militärische als wirtschaftliche Einrichtungen angegriffen, doch Geheimdienste bewerten weitreichendere cyber attacks (d.h. Angriffe auf militärische Computernetzwerke, um deren Funktion zu manipulieren bzw. auszuschalten) als sehr ernstzunehmendes Bedrohungsszenario.

Die Diskussion über Regulierungsmaßnahmen und Überwachungsprogramme hat dadurch bzw. auch schon durch den 11. September einen Meinungswechsel erfahren, Kontrollrechte werden zunehmend wichtiger gesehen als absolute Meinungsfreiheit. Ein ursprüngliches Ideal des Internet war, dass es kaum von einer Regierung in traditioneller Form als “Staatsmedium” missbraucht werden kann. Sein anarchischer Charakter schützt politische Inhalte vor staatlichen Informations- und Nachrichtenmonopolen sowie Zensur o.ä.. Es ist nach den Terroranschlägen 2001 und der Kriegspropaganda 2003 schwieriger zu argumentieren, den virtuellen Raum möglichst radikal frei von staatlicher Einflussnahme und Regulierungen zu halten.

Recherchemöglichkeiten für die (Fach-)Öffentlichkeit?

„Die Öffentlichkeit weiß, wo sie danach [nach Bildern von Kriegsgefangenen und toten Soldaten bzw. Schreckensszenen des Kriegs] suchen muss: im Internet. Das mediale Monopol der Fernsehbilder ist durch die vernetzte Kommunikation via Web gebrochen: die US-Medientaktik wird ausgerechnet von einer einst vom Militär entwickelten Technologie durchbrochen“, war auf der Internetseite des österreichischen Fernsehens orf.at am 1. April 2003 zu lesen. Tatsächlich haben sowohl Zugriffe aus den USA auf europäische Internetseiten als auch „(We)blogs“, d.h. tagebuchartige Kommentare mit Verknüpfungen zu anderen Seiten an Bedeutung gewonnen.

Für die Mehrheit der US-Bevölkerung ergibt sich ein anderes und weniger idealistisches Bild. Zwar haben 77 Prozent der Internetnutzer das Netz auch für Kriegsinformationen genutzt, doch stellte auch für sie das Fernsehen die primäre Informationsquelle dar. Drei Viertel der Internetnutzer, d.h. ein größerer Anteil als unter den Nicht-Nutzern (!), sind klare Kriegsbefürworter. Nur vier Prozent suchen nach Informationen und Meinungen auf „blogs“. Naheliegend ist die Vermutung, dass das Internet lediglich für eine vorinformierte Fachöffentlichkeit zusätzliche Recherchemöglichkeiten für ein objektiveres Politik- bzw. Kriegsbild bietet. Die Bevölkerungsmehrheit wird durch das Internet auf
cnn.com genauso manipuliert wie durch das CNN-Fernsehen.

Peter Filzmaier ist Ao. Professor für Politikwissenschaft und Abteilungsleiter für Politische Bildung am Institut für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung
(IFF) der Universität Innsbruck


Erschienen am 24.4.2003

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