Kollektives Gruseln

Mit der Kampagne „Citizen Preparedness“ bereitet die US-Regierung ihre Bürger auf den Krieg vor. Im Internet finden sich Anweisungen, die an die „Operation Alert“ aus den fünfziger Jahren erinnern.

Dass Kanarienvögel angenehme Haustiere sind, wussten wir bereits. Sie sind hübsch, müssen nicht ausgeführt werden und machen kaum Dreck. Dass Kanarienvögel aber auch Lebensretter im Falle eines Terrorangriffs sein können, erfuhren wir erst kürzlich – durch die großangelegte Aufklärungskampagne, mit der die US-Regierung ihr Volk auf einen Terrorangriff mit B- und C-Waffen vorbereitet.

Alarmstufe “Orange“ in allen Medien

Seit vor einigen Wochen die Alarmstufe „Orange“ ausgerufen wurde, ist man in Amerika auf alles gefasst. Unter
www.ready.gov informiert das Ministerium für Heimatsicherheit über Überlebensstrategien im Falle einer Attacke mit biologischen oder chemischen Waffen. Ergänzend dazu wendet sich seit neuestem die US-Regierung auch in Fernsehspots an ihr Volk und empfiehlt eine Reihe von Vorsichtsmaßnahmen. Böse Zungen behaupten, die „Citizen Preparedness“-Kampagne der Regierung sei nur ein Mittel, um Massenhysterie zu schüren und die Bevölkerung von der Notwendigkeit eines Irak-Feldzuges zu überzeugen. Gänzlich erfolglos ist die Regierung nicht: Landesweit springen Freiwilligenorganisationen auf den Zug und rufen auf ihren Homepages zu Vorbereitungsmaßnahmen für den Katastrophenfall auf. Vorzugsweise in den amerikanischen Nationalfarben gehalten, gespickt mit Bildern des entschlossenen Präsidenten Bush und triefend vor patriotisch-kämpferischer Rhetorik.

Divisionen für „Heimatsicherheit“ im Netz

Unter
www.usaonwatch.org ist das „Neighbourhood Watch Program“ der nationalen Sheriffsorganisation zu finden. Ursprünglich wurde die Organisation als nachbarschaftlicher Zusammenschluss zur Kriminalitätsprävention gegründet, doch die Initiatoren beschäftigen sich seit den Anschlägen vom 11. September hauptsächlich mit Katastrophenschutz. Sie rufen Gemeinden dazu auf, Übungen für den Ernstfall abzuhalten und dafür zu sorgen, dass der Geist der „Citizen Preparedness“ Kampagne auch in den entlegensten Regionen der USA noch weht. Im dünnbesiedelten Alaska werden die Nachbarschaftsaktivisten beispielsweise von der dortigen Landesregierung unterstützt, die, wie alle 49 anderen Bundesstaaten auch, nach dem 11. September eine eigene
Division für Heimatsicherheit errichtet hat. Auf der Seite kann der interessierte Bürger sich über den „Upcoming Exercise Schedule“ informieren, und wer mag, der kann sich dann auch gleich zum Heimatsicherheit-Workshop, zur Katastrophenübung und zum Lebensmittelsicherheits-Lehrgang anmelden. Doch damit nicht genug: Auf der Seite werden alle Bürger aufgefordert, sich aktiv an der neugegründeten „Homeland Security Task Force“ zu beteiligen. Und für wen das immer noch nicht genug, der kann sich beim täglich aktualisierten Situationsbericht zur Heimatsicherheit gruseln. Dort informiert die Division für Heimatsicherheit über nationale und internationale Vorkommnisse. So ist beispielsweise für den 5. März 2003 vermerkt, dass aus einem Lagerraum in Fort Sam Houston, Texas, 1500 Karteikarten gestohlen wurden! Wenn einem dabei nicht Angst und Bange wird.

Klebeband und Lippenbalsam – „Operation Alert“ der Regierung Bush

So manch einer mag sich in der gegenwärtigen Situation an die „Operation Alert“ der fünfziger Jahre erinnert fühlen, als die Angst vor einem nuklearen Angriff durch die Sowjetunion die amerikanische Bevölkerung in Alarmbereitschaft versetzte. Damals empfahl die amerikanische Regierung ihren Bürgern, sich im Falle eines nuklearen Angriffs durch die Sowjetunion mit einer Zeitung über dem Kopf unter einer Parkbank zu verstecken.

Im Vergleich dazu sind die Sicherheitstipps, die die Bush Administration unter www.ready.gov anbietet, ausgefeilter: Unverzichtbar im Überlebenspaket ist demnach Klebeband, mit dem die Bürger ihre Fenster und Türen versiegeln sollen, um giftige Gase fernzuhalten. Neben dem Erwerb von Klebeband werden die Amerikaner von ihrer Regierung aufgefordert, sich einen Vorrat an Wasser und unverderblichen Lebensmitteln zuzulegen (Dosenöffner nicht vergessen!), der für mindestens drei Tage reichen sollte; des weiteren sei ein batteriebetriebenes Radio unerlässlich, um Kontakt zur Außenwelt zu halten; ein Erste-Hilfe-Koffer; ein versiegeltes, wasserdichtes Behältnis zur Aufbewahrung wichtiger Dokumente (Testamente, zum Beispiel); und schließlich und endlich ein Vorrat an Toilettenartikeln, wie Lippenbalsam und Deodorant – man ist ja hygienebewusst.


Und die Kanarienvögel? Wozu sollen die gut sein? Laut dem Ministerium für Heimatsicherheit eignen sich Kanarienvögel und andere Kleintiere gut als Frühwarnsysteme im Falle eines Terrorangriffs. Fällt Ihr Bubi im Käfig auf einmal von der Stange und bleibt reglos liegen, deutet das auf einen Angriff mit B- oder C-Waffen hin. Vielleicht. Vielleicht war Bubi aber auch nur altersschwach.

Erschienen am 13.3.2003

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