Man spricht deutsch

Ausländische Studierende haben mit dem Web-Angebot der Universität Potsdam ihre Probleme. Unter dem internationalen Anstrich der Hochschul-Webseiten bröckelt der Putz, wie dieser Erfahrungsbericht zeigt.

Die deutschen Hochschulen geben sich durch die Einführung von Bachelor- und Master-Abschlüssen, englischsprachigen Seminaren und internationale Studiengängen einen internationalen Anstrich. Deutschland möchte wieder ein attraktiver Studienstandort für junge Menschen aus aller Welt werden. Wie informieren sich ausländische Studierende über die Hochschulen in Deutschland? Und welche Rolle spielt dabei der Internetauftritt?

Um diesen Fragen nachzugehen, befragte ich an der Universität Potsdam Studierende der verschiedensten Fächer, aus den verschiedensten Ländern sowohl zu ihren Erfahrungen mit dem Internetangebot deutscher Hochschulen vor ihrem Wechsel nach Deutschland als auch über ihre Eindrücke “vor Ort”.

Etikettenschwindel?

Der Wille zum zumindest zweisprachigen Internetauftritt ist in Potsdam durchaus vorhanden. So findet man auf der Startseite einer jeden Fakultäts-Homepage einen Button mit dem Union Jack. Leider reicht dies nicht aus, denn “was nützt einem die englische Version einer Internetseite, wenn lediglich die Überschriften übersetzt wurden, der informaive Rest hingegen zur deutschen Version verlinkt ist”, regt sich der 25-jährige Italiener Roberto auf. Diese Diskontinuität und der Widerspruch zwischen Anspruch und Realität kritisieren die ausländischen Nutzer. So berichtet die Romanstik-Studentin Suzanna aus Polen von ihrer erfolglosen Internet-Odysee nach einer “wenn schon nicht französischen, dann wenigstens englischen Studienordnung”. Hier hat sich die Verwaltung noch nicht die Mühe gemacht, irgendeine Information in englisch anzubieten. Und das an einem sprachwissenschaftlichen Institut. Da geht es den ausländischen Anglistik-Studierenden schon besser. Hier wird zumindest die Rubrik “Where to find us” in englisch angeboten.

Andere Fachbereiche versuchen zumindest den Anschein zu erwecken, sie seien zweisprachig im Netz. Doch Vorsicht. Hat man endlich einen Union Jack gefunden, kann die Enttäuschung groß sein. Nicht nur bei den unentbehrlichen Prüfungs- und Studienordnungen hat sich ein Etikettenschwindel verbreitet. So ist die englische Überschift mitunter mit der deutschen Ordnung verlinkt, die schon für Muttersprachler schwer verständlichen ist. Diese bittere Erfahrung musste die russiche Valentina schon mehrere Male machen. “Doch ich gebe nicht auf”, fügt sie verschmitzt an. Der 24-jährige Mailänder Christian beschreibt außerdem, wie schwer es sei, geeignete Lehrveranstaltungen zu finden. Denn was nützt ein kommentiertes Vorlesungsungsverzeichnis der Universität Potsdam in elektronischer Form, wenn es nur in deutsch vorliegt? Christian sagt, er habe sich lang genug herumgeärgert und wird im nächsten Semester wieder in “meinem Milano” studieren. Attraktive Bedingungen für künftig in Deutschland Studierende? Anscheinend nicht.

Doch nicht nur die deutschen Hochschulen geben sich nicht sonderlich international. Auch im englischen Internetangebot des
Bundesministeriums für Bildung und Forschung erscheint zu oft der kleine Zusatz „Available only in german language“. Sogar unter dem viel versprechenden Titel „Sixth amendment to the Framework Act for Higher Education“ verbirgt sich doch nur ein “deutsches” pdf-Dokument. Doch wahrscheinlich fällt dieser Missstand weniger ins Gewicht, denn wie Wojtek, 22-jähriger Student der Politikwissenschaft bemängelt, wie sollten Studierende aus dem Ausland von dieser Seite erfahren haben?. Auch Cosimo aus Florenz war der Gedanke, außerhalb der Universität eine Seite zu (be-) suchen, zu abwegig.

Alternativen?

Von den Hochschulen enttäuscht, müssen sich alle, die bis dato noch nicht von der deutschen Hochschullandschaft abgeschreckt wurden, auf zentrale Informationsstellen zurückgreifen. So bietet der
Deutsche Akademische Austauschdienst zahlreiche Informationen rund ums Studium in drei Sprachen (deutsch, englisch, spanisch) an. Zwar seien die von mir Befragten vom DAAD umfassend beraten worden, doch habe man die Informationen ganz klassisch per Post zugestellt bekommen. Im Internetangebot des Austauschdienstes haben die wenigsten gesurft. Noemi, Germanistikstudentin aus Ungarn, fühlte sich vom postalen Angebot des DAAD von vornherein sehr gut informiert, so dass sie den Netzauftritt nicht näher betrachtet habe. Nur ein gravierender Mangel sei ihr aufgefallen: “Französisch wurde vollkommen außen vorgelassen. Und das, wo doch ein großer Teil der Ausländer francophon ist.”

Kleinstaaterei?

Die 329 Hochschulen Deutschlands gestalten ihre Internetauftritte völlig individuell und ohne einheitliche Kriterien, zu denen ein zumindest englischsprachiges Angebot gehören sollte. Hinzu kommt die weitgehende Gestaltungsfreiheit der jeweiligen Fakultäten. So können sich Fachbereiche einer Hochschule in Sachen “internationales Angebot” grundlegend voneinander unterscheiden. Das fällt vor allem denjenigen auf, die als Magisterstundent zwei oder drei Fächer studieren. Georgi aus Rumänien, kommt sich wie ein Wanderer zwischen den Welten vor: “Vom englischen Internetangebot für mein Nebenfach Psycholgie bin ich ziemlich verwöhnt. Dagegen kommt die Umstellung auf das Angebot der Soziologie einem Kulturschock gleich.” Dieser Misstand ist auch den Verantwortlichen im DAAD bekannt. “Um ein größeres Maß an Nutzerfreundlichkeit zu erzielen, sollten Universitäten stärker auf die Einheitlichkeit ihres Webangebots achten” und “die Informationen gebündelt darstellen”, sagt Dr Rolf Hoffmann, Leiter des
Sekretariats der Konzertierten Aktion (SKA) und von
Gate-Germany (zun Hoffmann-Interview
hier). Der Zusammenschluß von 35 staatlichen und nichtstaatlichen Institutionen zur Konzertierten Aktion „Internationales Marketing für den Bildungs- und Forschungsstandort Deutschland“ ist zuständig für die Planung und Koordination der operativen Maßnahmen. In Ergänzung zur Konzertierten Aktion hat das von DAAD und der
Hochschulrektorenkonferenz (HRK) gebildete Hochschulkonsortium GATE-Germany seine Arbeit aufgenommen.

Service?

Bekanntlich gibt es noch ein Leben neben Seminaren und der Mensa. Gerade soziale und gesellschaftliche Fragen stellen sich bei einem Auslandsaufenthalt. Aber auch hier werden Interessierte vom Internetangebot der deutschen Hochschulen in der Regel im Dunkeln gelassen. Hier würde schon ein Blick auf das Internetportal.campus-germany www.campus-germany.de genügen. Auf diesem von der SKA-initiierten und vom BMBF finanzierten Portal wird in fünf Sprachen all das erklärt, was Studentinnen und Studenten über das Studieren und Leben in Deutschland wissen müssen – begonnen bei Bewerbungshinweisen bis hin zu Flirttipps. Doch diese Seite war allen in Potsdam Befragten leider völlig unbekannt.

Und nun?

“Ich bin gar nicht auf den Gedanken gekommen, mich im Internet über das Angebot der Hochschule zu informieren”, so Madelena aus Italien. Doch das haben alle der Befragten empfunden, da dass Internetangebot schwer verständlich sei. Auch wenn sie ihre Hochschulwahl nicht vom Internetangebot abhängig machten, wird Deutschland nicht umhin kommen, neben den Hörsäalen auch ihr Internetangebot für ein Mehr an Internationalität zu öffnen, um weiterhin in der internationalen Bildungs- und Forschungslandschaft attraktiv zu bleiben.

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