Das Holocaust-Mahnmal: eine Geschichte voller Verzögerungen

Am 27. Januar 2000 sollte sie stattfinden: die Grundsteinlegung des Berliner
Holocaust-Mahnmals, des "Denkmals für die ermordeten Juden Europas".

Ein symbolträchtiges Datum, der
Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers
Auschwitz. Doch der Termin konnte nicht eingehalten werden. Also wurde stattdessen eine offizielle
Feier anberaumt; ein "symbolischer Akt", um den Willen zu bekräftigen, die vom Bundestag beschlossene
Errichtung des Mahnmals voranzutreiben. Die geplante Fertigstellung am 27. Januar 2002 wird damit hinfällig.
Dabei ist der verspätete Baubeginn nur der Schlusspunkt einer ganzen Reihe von Verzögerungen.

Die Idee für das Mahnmal entstand vor zwölf Jahren. Die Publizistin Lea Rosh und der Historiker Eberhard Jäckel
initiierten das Projekt in Anlehnung an die zentrale israelische Gedenkstätte
Yad Vashem in Jerusalem. Dafür fanden sie prominente Unterstützer,
unter anderem Willy Brandt und Günter Grass. Im Herbst 1989 wurde der "Förderkreis zur Errichtung eines Denkmals für die ermordeten Juden Europas"
ins Leben gerufen. In den folgenden Jahren begann der Streit um die
Opfergruppen. Sollte mit dem Mahnmal ausschließlich der ermordeten
Juden oder aller Naziopfer gedacht werden?

1993 nahm sich der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl der Sache an. Er bekannte sich zu dem Projekt,
sprach sich für eine rein jüdische Gedenkstätte aus. Die Bundesregierung stellte denn auch ein Gelände im
Zentrum Berlins zur Verfügung: ein unbebautes Grundstück zwischen der Ebertstraße und der Wilhelmstraße
nahe dem Brandenburger Tor.

Der erste Wettbewerb zur Gestaltung des Mahnmals im Jahre 1995 brachte aber einen Entwurf hervor, der wegen
seiner Geschmacklosigkeit allgemein abgelehnt wurde: die sogenannte Grabplatte, eine 20 000 Quadratmeter
große schiefe Ebene aus Beton mit den eingravierten Namen aller ermordeten Juden. Kohl legte sein Veto gegen
den Entwurf ein. Der Bund, das Land Berlin und der Förderkreis – die Auslober des Wettbewerbs – bekräftigten
zwar ihren Entschluss, nahe dem Brandenburger Tor das Mahnmal zu errichten; die Realisierung des Projekts
kam trotzdem nicht voran. Stattdessen entwickelte sich eine öffentliche Diskussion über die grundsätzliche
Möglichkeit und die konkrete Gestaltung eines solchen Mahnmals. Neben der Einbeziehung anderer Opfergruppen
wurde vor allem die Frage diskutiert, ob der Judenmord überhaupt mit künstlerischen Mitteln fassbar und das
geplante Areal der richtige Ort dafür sei.

Im Frühjahr 1997 wurde der zweite Wettbewerb ausgeschrieben, allerdings endete er im November desselben
Jahres ohne eindeutiges Ergebnis. Wieder nahm sich Kohl der Sache an. Der Pfälzer erkor den Entwurf des
amerikanischen Architekten Peter Eisenman – ein begehbares Feld aus 4000 unterschiedlich großen Betonpfeilern
– und bat gleichzeitig um dessen Überarbeitung. Der nächste Entwurf vom Juni 1998, Eisenman II genannt,
umfasste 2700 Pfeiler, wellenförmig angeordnet, mit den Namen der Hinrichtungsstätten versehen.
Nach dem Regierungswechsel meldete Schröders Kulturbeauftragter Michael Naumann Änderungsbedarf an.
Im Januar 1999 einigte er sich mit dem amerikanischen Architekten auf Eisenman III: Das Gedenkfeld mit den
Betonstelen soll ergänzt werden durch ein "Haus des Erinnerns" und eine Holocaust-Bibliothek.

Im Juni 1999 beschloss der Bundestag aber den Bau des Mahnmals in einer anderen Variante: Eisenman II
mit einem "Ort des Information". Um ihn zu verwirklichen, wurde eine vorerst unselbständige Mahnmal-Stiftung
gegründet – im Geschäftsbereich Naumanns, der sich explizit für eine andere Mahnmal-Variante ausgesprochen
hatte. An der Spitze dieser Stiftung stehen der Kuratoriumsvorsitzende Wolfgang Thierse und als Stellvertreterin
Lea Rosh. Über diesen Kompetenzwirrwarr hat sich Eisenman mehrfach beschwert mit der Forderung nach klaren
Vorgaben.

Es warten noch andere ungelöste Probleme auf die unterfinanzierte Stiftung: Das vorgesehene Grundstück ist
nicht vollständig in Bundesbesitz, denn ein kleiner Teil gehört der Wohnungsbaugesellschaft Mitte, die angeblich
sechs Millionen Mark verlangt. Die Baukosten von bisher 20 Millionen Mark werden sich also noch erhöhen. Der
Förderkreis hingegen hat zu Spenden aufgerufen und sich vorgenommen, mehrere Millionen Mark zu den Kosten
beizutragen. Wie der Restbetrag zwischen Bund und Berlin aufgeteilt werden soll, ist noch unklar. Fest steht, die
Mittel können erst im Haushalt 2001 verbucht werden, weil im Haushalt 2000 kein entsprechender Posten für
Baumaßnahmen vorgesehen ist. Es ist also fraglich, ob die Errichtung des Mahnmals "schon" im Sommer 2001
beginnen kann. Vor dem Jahr 2003 ist mit der Fertigstellung nicht zu rechnen.

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