Web Mobs: Internetnutzer machen sich bemerkbar

Millionen Internetnutzer sind täglich im Netz unterwegs. Oft zur selben Zeit und auf denselben Webseiten. Dennoch trifft man meist niemanden auf einem Streifzug durchs Netz. Mit der Software LLuna ändert sich das.

Dank Lluna werden Internetnutzer zu sichtbaren Besuchern auf Webseiten, zu so genannten Web Mobs. Sie können die Nutzer, die ihnen auf ihrem Surftrip begegnen, sehen und ansprechen. Auch auf Seiten ohne Chatraum oder Forum.

Web Mobs sind virtuelle Präsenzen von Menschen. Sie sind auf der Webseite, die sie gerade besuchen, als Avatare (Figuren) für alle anderen anwesenden Web Mobs sichtbar. Die Avatare werden dabei im unteren Teil des Webbrowsers angezeigt. Sie können aufeinander zugehen und sich mittels Sprechblasen oder Chatfenster miteinander unterhalten.

Jede Webseite wird dadurch zu einem virtuellen Ort an dem sich Leute treffen, die alle am Inhalt der Seite interessiert sind. Eben dies war auch die Vision des LLuna-Entwicklers Dr. Heiner Wolf. Er geht davon aus, „dass Menschen, die ein gemeinsames Interesse haben, auch manchmal miteinander sprechen wollen“. Und im Internet zeigt sich dieses Interesse eben am Inhalt der Webseite, die der Nutzer gerade betrachtet.

Der erste Aufenthalt als Web Mob im Netz ist allerdings doch etwas ungewohnt. Plötzlich stolpert jemand auf die gleiche Webseite, auf der man sich eben befindet, und schon können wir uns sehen. Die Entwickler versprechen aber, dass kein anderer Web Mob verfolgen kann, von welcher Seite man kommt oder wohin man geht. Die Privatsphäre soll zudem durch Ausschlusslisten gewahrt werden, in die man Nutzer, URLs oder Chaträume eintragen kann.

Eigentlich soll das System der virtuellen Präsenz lediglich das Verhalten der Menschen in der realen Welt auf den virtuellen Raum des Internets übertragen: Täglich treffen wir eine Vielzahl an Menschen. Die meisten beachten wir gar nicht, doch manchmal kommen wir ins Gespräch, weil wir zur selben Zeit am selben Ort sind und ein gemeinsames Interesse verfolgen. Also warum nicht auch mal jemanden online nach dem Weg fragen? Oder seine Freunde beim morgendlichen Lesen der Online-Zeitung treffen?

Auch die politische Kommunikation im Netz könnte sich durch Web Mobs verändern. Als „nächste Generation“ der sozialen Software unterstützt LLuna die Interaktion und Zusammenarbeit von Webnutzern. Die Web Mobs können zusammen selbst organisiert soziale Netzwerke aufbauen. Online-Demonstrationen – bisher durch die Lahmlegung von Seiten durch übermäßig viele Aufrufe gekennzeichnet – könnten so künftig den Demonstrationen in der realen Welt immer ähnlicher werden. Dr. Heiner Wolf stellt sich unter einer „Web Mobs-Demo viele Leute auf einer Seite (vor), die ein gemeinsames Anliegen haben und ihren politischen Willen visuell ausdrücken“. Dazu könnten sie Transparente benutzen und Reden halten wie im wirklichen Leben. Trotzdem wird das Hausrecht der Webseitenbetreiber gewahrt. Sie behalten ein Mitspracherecht, so dass Hetzkampagnen auf der eigenen Seite unterbunden werden können.

Denkbar wäre auch, dass Parteien zukünftig ihre potentiellen Wähler mit Hilfe eines „Partei-Web-Mobs“ begrüßen, der ihnen das Programm für die nächste Wahl näher bringt. Da die Web Mobs Technik auf dem offenen Instant Messaging Protokoll Jabber basiert und unter der Open Source Lizenz angeboten wird, kann sie nämlich auch als Programmierplattform verwendet werden. Online-Shops könnten beispielsweise davon profitieren und Berater als Web Mobs ins Netz schicken, die ihre Besucher empfangen und während dem Einkauf begleiten.

Web Mobs bringen sowohl als soziale Software als auch als neue Web-Technologie die Transformation des Internets mit dem Ziel Web 2.0 voran. Das Web 2.0-Modell beschreibt das Internet als eine Plattform, die durch Interaktivität und soziale Netzwerke gekennzeichnet und nicht mehr nur eine Ansammlung von Webseiten ist. Web Mobs interagieren dabei über die Grenzen von Webseiten hinaus, ohne dass der Nutzer – wie es bei den bisherigen Communities nötig ist – ein Profil oder persönliches Netzwerk vorstrecken muss.

Um ein Web Mob zu werden muss der Internetnutzer lediglich die freie Software LLuna (
www.webmobs.de) besitzen und sich mit Hilfe des leider noch nicht sehr benutzerfreundlichen Einstellungsdialogs bei einem von tausenden öffentlichen Servern anmelden. Die Web Mobs werden nicht zentral verwaltet. Deshalb ist es auch schwer, einen Überblick darüber zu haben, wie viele Web Mobs zurzeit schon im Netz unterwegs sind. Dr. Wolf schätzt, dass es einige hundert permanente User gibt.

Diese verteilen sich allerdings über Millionen Webseiten, so dass man bisher eher selten auf Special Interest Seiten einen anderen Web Mob mit dem gleichen Interesse trifft. Trotzdem gab es schon Web Mobs, die bei eBay die ersteigerten Artikel anderer Web Mobs begutachtet oder anderen Nutzern den Weg zum Livestream von GIGA gezeigt haben. Die Web Mobs Technik erlaubt es auch, auf Internetseiten für die anderen sichtbar zu zeichnen (Whiteboard) oder einen anderen Web Mob auf dem eigenen Surftrip mitzunehmen (Cobrowsing). Anstrengend kann es werden, sollten mal zu viele Web Mobs auf einer Seite auftauchen. In dem Fall kann man die anderen Web Mobs auch minimieren. Oder mit Hilfe der Ausschlussliste einzelne nervende oder mobbende Web Mobs „wegfiltern“. Allerdings brauchen sich diese Nutzer lediglich ein neues Konto zuzulegen, um der Verbannung zu entkommen. Wer im Internet dann doch mal wieder ganz alleine sein möchte, der kann LLuna aber auch einfach abschalten.

 

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