Nie mehr leben ohne Internet

Dem Internet kann man nicht entkommen – eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben scheint ohne digitale Netze kaum mehr möglich. Umso wichtiger ist es daher, die bestehenden und aufkommenden Fragen mit soziologischen Methoden zu dechiffrieren. Denn das Netz ist längst keine mehrheitlich technische Angelegenheit mehr, sondern von genereller gesellschaftlicher Bedeutung.

Doch kulturelle Analysen greifen oft zu kurz, da die Technik nicht hinreichend tiefgehend berücksichtigt wird. Dabei ist es hilfreich, sich einige alltägliche Phänomene anzuschauen und aus der passenden Analyse zumindest Ansätze zu generalisieren und über die Zeit zu retten. Gehen sie nicht weit genug ins Detail, leiden sie unter einer vermeidbaren Unschärfe, die ihren Gebrauchswert absenkt. Die 2004 vom Autor verfasste Arbeit „Das Imaginäre im Internet“ ist ein erster Ansatz, dem entgegenzuwirken. Einige Ergebnisse dieser Arbeit sollen hier vorgestellt werden.

Vornehmlich geht es um die Digitalisierung, die die Vernetzung erst möglich gemacht hat. Des Weiteren ist die Imagination wichtig, denn der viel zitierte Begriff der Virtualität trifft das Problem nicht im Kern: unsere eigene Imaginationsleistung ist es, die uns Bilder auf dem Monitor sehen lässt. Ebenso bedeutend ist der Raumbegriff: durch den Verlust der Materialität wurde der bisher bekannte soziologische Raumbegriff schnell substanzlos, durch die Relevanz der neuen Räume aber nicht zwangsläufig bedeutungslos. Wichtig ist ein prozessualer Raumbegriff, der das „Wie“ des Entstehens von Räumen betont.

Verbindet man die Möglichkeiten der Digitalität mit den Prozessen der Imagination, so erweitert man das Gegenwärtige um einen Denk-Raum, eine Horizonterweiterung, die erst durch die digitalen Netze erwuchs. Dabei darf man nicht im Abstrakten verharren, sondern muss die Chance nutzen, um Lösungen für gegenwärtige Probleme zu formulieren. Es geht um generelle Fragen, die nicht zufällig wieder den Bogen schlagen zu den technischen Bedingtheiten, die nicht kurzsichtig abgehalftert werden dürfen. Es geht um Grundsatzfragen: Wer hat eigentlich die Kontrolle im Netz? Wer beschränkt oder erweitert die theoretischen wie praktischen Möglichkeiten? Wie groß ist der Einfluss auf die Individuen? Wie wird ihre Identität beeinflusst? Verbirgt sich eine soziale oder anderweitig relevante Kontrolle in den Tiefen der Digitalität? Es geht um die Möglichkeit der Verbindung von Soziologie und Digitalisierung, es geht um die Analyse gesellschaftlicher Prozesse, die niemanden mehr verschonen.

Dabei sollte man tunlichst darauf verzichten, Ergebnisse analoger Zeiten der Gegenwart überzustülpen oder die Entwicklungen gar zu ignorieren. Aus technischer Sicht sind Analyseformen, die für andere Medien entworfen wurden, ziemlich fehl am Platz, doch diese Erkenntnis verliert in anderen Disziplinen schnell an Schärfe. Es muss klar sein, dass das Internet allein schon aufgrund der Digitalität ein gänzlich anderes Medium mit gänzlich anderen Möglichkeiten ist. Besonders bedeutend ist in diesem Falle die Potenzierung der Individualisierung, die dem Internetnutzer beispielsweise die Macht gibt, nicht nur Rezipient, sondern auch Produzent zu sein. Das Netz bietet ein kollektives Imaginäres an, im Gegensatz zu den alten Massenmedien.

Ebenso darf man nicht vergessen, dass fern von der hier geforderten Ausweitung einer soziologisch-digitalen Analyse bereits vor allem Prozesse, die wir politisch nennen, im Netz ihre Wirkung entfalten. Der Bezug zur Praxis ist ganz allgemein von immanenter Bedeutung, da Horizonte und Grenzen meist rasant durch die Technik ausgestaltet werden. Wenn man mehr und mehr mit der Praxis konfrontiert wird, mehr und mehr die Ebene der Theorie verlässt, um trotz alledem Theorie zu bilden, desto eher wird man Lösungen finden, die allen dienen und kein Selbstzweck sind. Und das bedeutet nicht, dass man sich beim Praxisbezug auf Anwendung, Statistik oder quantitative Forschung beschränkt. Die ständige Auseinandersetzung mit und die Teilnahme an Möglichkeiten und Milieus, letztlich also die Aushandlung der digitalen Machtfrage, muss eine Aufgabe der technikwissenschaftlichen Forschung sein.

Gerüstet mit zahlreichen Fragen und Ideen, versehen mit dem Werkzeug der theoretischen Analyse, sekundiert durch Empirie, gemessen in einem gerechten Tempo und mit der notwendigen Tiefenschärfe geht es schliesslich auf die Reise ins Netz. Die Analyse erfolgt stets in einer mehrfachen Form: sie nimmt sich den Weg der Kommunikation vor, die jeweiligen Inhalte, das Netz als Produkt sowie als soziale Institution. Es geht vor allem um das Symbolsystem, auf dem das Netz basiert. Sprachliche Kommunikation ist die mächtigste Form der Kommunikation im Internet. Und die maschinelle Sprachbesetzung ist oft mächtiger als der Mensch: wenn Kinder Kühe fortan nur noch als „lila“ erkennen, wird deutlich, wie machtvoll die Maschine ist – denn die Symbole wirken. Doch anstatt zusammen zu zucken, gibt es nur eine Lösung: die Auseinandersetzung mit dem Medium und die Ausgestaltung des Umgangs mit Symbolen und das Verbessern der Fähigkeit zur Kommunikation. Lässt man sich in das weiche Bett der blanken Rezeption fallen, degradiert man das Netz – und auch sich selbst. Die Passung der Cultural Studies hing nicht zuletzt davon ab, dass Kulturpessimismus wie in der Frankfurter Schule keinesfalls unterstützt wird. Auch deswegen wurden und werden in der eigenen Arbeit stets Bezüge zu Theoretikern hergestellt, deren Werke und Fundstücke sich deutlich von Kritischer Medientheorie und Systemtheorie abgrenzen. Erwähnt seien hier vor allem
Neil Postman,
Marshall McLuhan,
Vilém Flusser,
Paul Virilio und
Walter Benjamin. Die Orientierung bleibt somit qualitativ und interpretativ. Auch der Zugang über die strukturalistische Forschung bietet interessante Ansätze, ebenso wie die kritische Analyse in Hinblick auf digitale Machtverhältnisse. Mythen und Rituale verdienen ebenso eine kritische Betrachtung, denn schliesslich ist der vermeintlich stärkste Wunsch des Netzzeitalters, das Paradigma von der Gleichheit aller im Netz, parallel dazu wohl auch der grösste und langlebigste Mythos von allen.

Gewählt wurden für die Analyse schliesslich Beispiele, die jedermann aus dem Netzalltag vertraut sind: die Relevanz der Schrift wurde hier bereits kurz erwähnt, doch auch die Rolle des Mediums Internet im Medium Film wurde beleuchtet, ebenso wie Datenschutz und Datensicherheit, P2P, die Umkehrung der Erreichbarkeit am Beispiel der Handys und die Rolle der Identität. Letztere soll nun etwas genauer betrachtet werden.

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