Information rich & information poor

Die politische Dimension der digitalen Spalte.

Der Wandel zur oft zitierten Informationsgesellschaft birgt sowohl Chancen als auch Risiken. Eines dieser Risiken zieht schon seit Jahren einige Aufmerksamkeit auf sich: Die digitale Spaltung der Gesellschaft.

Mit dem Begriff der digitalen Spaltung ist die Teilung in Nutzer und Nichtnutzer des Internet gemeint. Für die Nichtnutzer des Internet ist die Chancengleichheit in der Informationsgesellschaft bedroht, da die Fähigkeit zur Nutzung von Computer und Internet zunehmend an Bedeutung gewinnt, um am wirtschaftlichen, politischen und sozialen Leben Deutschlands in vollem Umfang partizipieren zu können.

Die digitale Spaltung hat also eine große politische Dimension. Nutzer und Nichtnutzer des Internet unterscheidet auch die Zugangsmöglichkeit zu politischen Informationen. Hier gibt es eine Teilung, und zwar die Teilung in “information rich” und “information poor”. Es stellt sich nun die Frage, ob das Internet die in der Gesellschaft schon bestehende Wissenskluft weiter vergrößert. Zusätzlich stellt sich auch die Frage, ob das Internet die politische Partizipation durch Mobilisierung “neuer” Personen eher verbreitert oder durch umfassendere Informationen vertieft.

Die Hypothese der zunehmenden Wissenskluft durch das Internet

Thomas Meyer ist der Meinung, dass diejenigen, die ohnedies über politische Angelegenheiten besonders gut informiert und an ihnen intensiv beteiligt sind, durch geschickte Netznutzung beides noch steigern werden und damit den Abstand zum Rest der Gesellschaft immer weiter vergrößern. Er fordert daher ”
politische Bildung für das Netz, damit sich möglichst alle an Kommunikation und Aktion im Netz und mit dem Netz kompetent beteiligen können.”

Pippa Norris sieht das Internet in erster Linie als Medium der wohlhabenden, gebildeten und interessierten Personen an (vgl.
Norris 2000). Außerdem meint sie, dass die politisch nicht interessierten Personen auch im Internet keine politischen Informationen abrufen werden (vgl.
Norris 2001).

Das Internet weist einige Merkmale auf, die die Hypothese der zunehmenden Wissenskluft untermauern:

- Medienkompetenz: Für die Nutzung des Internet ist eine ungleich höhere Medienkompetenz als bei den klassischen Massenmedien Fernsehen, Hörfunk und Zeitung nötig, um die gesuchten Informationen zu finden. So geben laut
ARD/ZDF-Offline-Studie 2001 27 Prozent der “Offliner” an, dass sie sich die Benutzung des Internet nicht zutrauen. Medienkompetenz ist also eine Zugangsbarriere der Internetnutzung.

- Selektivität: Es gibt keine Titelseite mit Inhaltsverzeichnis (Zeitung) und keinen feststehenden Ablaufplan (Fernsehen, Hörfunk) im Internet. Im Internet findet prinzipiell eine gezielte Nutzung der Angebote statt, es ist ein Pull-Medium.

- Informationsmasse und -vielfalt: Durch das Internet ist eine weitaus tiefergehende und umfassendere Rezeption von Informationen als durch die klassischen Massenmedien möglich. So können beispielsweise Gesetzesvorlagen oder Positionen von Parteien zu diversen Themen problemlos im Internet zur Verfügung gestellt werden, die in dieser Ausführlichkeit zum Beispiel in einer Zeitung gar nicht abgedruckt werden können. Beispielsweise auch der
Antrag im Bundestag von Rot-Grün zur Digitalen Spaltung: “Digitale Spaltung der Gesellschaft überwinden – Eine Informationsgesellschaft für alle schaffen”

- Kosten: Abgesehen von öffentlichen oder beruflichen Zugangsmöglichkeiten zum Internet, setzt dessen Nutzung die Anschaffung eines internettauglichen Computers voraus. 64 Prozent der “Offliner” sind der Meinung, dass PC und Zubehör billiger sein müssten, um das Internet interessant zu machen (
Media Perspektiven).

- Internet als Ergänzung: In vielen Fällen wird das Internet als Ergänzung der klassischen Massenmedien angesehen. Als wichtigsten Grund, sich keinen Internetzugang anzuschaffen, nennen 92 Prozent der “Offliner”, dass ihnen die klassischen Massenmedien als Informationsquelle reichen (vgl. van Eimeren, Birgit/Gerhard, Heinz/Frees, Beate 2001:
ARD/ZDF-Online-Studie 2001: Gebrauchswert entscheidet über Internetnutzung. S. 388).

Es wird auch deutlich, welche demographischen Faktoren analysiert werden müssen, um die Hypothese der zunehmenden Wissenskluft durch das Internet bewerten zu können: Geschlecht, Alter, formale Bildung, Einkommen und politisches Interesse.

Eine Auswertung von Daten der ”
Typologie der Wünsche 2001/02“, herausgegeben vom
Burda Advertising Center, zeigt, dass die Personen, die ein starkes politisches Interesse haben und sich dementsprechend auch in mehreren Medien informieren, das Internet auch als Quelle politischer Informationen nutzen, sei es zur Ergänzung oder zur Vertiefung ihres Wissens.

Die zentralen Zugangsbarrieren des Internet, Kosten und Medienkompetenz, sorgen dafür, dass die ohnehin schon sozial Privilegierten auch im Internet überrepräsentiert sind, nämlich Personen mit höherem Einkommen und formal höher gebildete Personen.

Mit Hilfe des vorliegenden Datenmaterials lässt sich die Hypothese der zunehmenden Wissenskluft durch das Internet tendenziell bestätigen. Es bedarf jedoch besonders hinsichtlich der Onlinenutzung von politischen Informationen und der Onlinenutzung von politisch interessierten und/oder aktiven Personen noch weiteren Datenmaterials, um eindeutigere Aussagen treffen zu können.

Die bisherigen Studien untersuchen vornehmlich die Gefahr einer digitalen Spaltung der Gesellschaft. Die politische Dimension dieser Gefahr, in Form einer zunehmenden Wissenskluft durch das Internet, wird bislang höchstens am Rande thematisiert.

Gegenmaßnahmen zur digitalen Spaltung

Die Bundesregierung hat die Gefahr einer digitalen Spaltung der Gesellschaft erkannt. Sie hat im Herbst 2000 die Initiative ”
Internet für Alle” ins Leben gerufen. Im Rahmen dieser Initiative wurde im Juli 2001 vom Bundeswirtschaftsministerium die Informationskampagne ”
Digitale Integration” gestartet. Auch die EU ist in dieser Hinsicht nicht untätig. Die EU-Kommission hat im Dezember 1999 das Projekt
eEurope initiiert. Die drei Hauptziele von eEurope lauten: Billigeres, schnelleres und sicheres Internet, Investitionen in Menschen und Fertigkeiten und Förderung der Nutzung des Internet.

Die Maßnahmen der Bundesregierung zeigen, dass auch sie die Faktoren Geschlecht, Alter, formale Bildung und Einkommen als relevante Faktoren für digitale Spaltung ansehen, beispielsweise durch die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gestartete Aktion ”
Frauen ans Netz“.

Im Rahmen der Informationskampagne “Digitale Integration” wird versucht, die Bevölkerungsgruppen anzusprechen, die das Internet bislang nur wenig nutzen. Es wird betont, dass insbesondere Frauen, älteren Menschen, Sozial- und Bildungsbenachteiligten, aber auch Menschen mit Behinderungen und ausländischen Mitbürgern der Weg in die digitale Gesellschaft erleichtert werden muss.

Auch die Medienkompetenz und die Kosten werden als relevant angesehen. So beinhalten die 10 Punkte der Initiative “Internet für Alle” u.a. die Förderung des Internet als Allgemeinbildung und einen kostengünstigeren Internetzugang.

Fazit

Die Gefahr einer digitalen Spaltung der Gesellschaft in Deutschland wurde erkannt und erste Gegenmaßnahmen wurden ergriffen. Die politische Dimension dieser Spaltung wurde allerdings kaum thematisiert und deshalb auch bisher nicht gesondert empirisch untersucht.

Von politikwissenschaftlicher Seite wurde das Internet zwar schon untersucht, doch werden die Auswirkungen des Internet für die politische Partizipation nur selten auf das Aufnehmen von politischen Informationen hin thematisiert. Dabei ist das Wissen über politische Vorgänge, also das Aufnehmen von politischen Informationen die Grundlage für jegliche politische Partizipation, denn nur gut informierte Bürger sind in der Lage, sich eine fundierte Meinung zu bilden und sich in den politischen Willensbildungsprozess einzubringen.

Die Anzahl derer, die das Internet tatsächlich als politische Informationsquelle nutzen, ist immer noch vergleichsweise gering. Das Internet ist zwar ein Massenmedium, es wird bislang als politische Informationsquelle jedoch eher zusätzlich und ergänzend zu den klassischen Massenmedien genutzt. Es ist anzunehmen, dass das Internet vielfach zur Vertiefung und Verbreiterung des bestehenden Wissens genutzt wird, da sich die Informationen schnell, kostengünstig, einfach und zu jeder Zeit abrufen lassen.

Politisch stark interessierten Bürgern steht ein weiteres, sehr vielseitiges Medium zur Verfügung, dessen erweiterte Möglichkeiten gegenüber den klassischen Massenmedien leicht zu einer Verbreiterung der Wissenskluft führen können. Es ist von untergeordneter Bedeutung, dass das Internet meist für nicht-politische Zwecke genutzt wird. Entscheidend ist, dass die Gruppe, die das Internet zur Vertiefung und Verbreiterung ihres (politischen) Wissens nutzt, automatisch zur Verbreiterung der (politischen) Wissenskluft beiträgt.

Die Hypothese der zunehmenden Wissenskluft durch das Internet trifft in Bezug auf politische Informationen zu. Diese Verbreiterung der Wissenskluft findet jedoch noch auf niedrigem Niveau statt, das mit der fortschreitenden Zunahme der Internetnutzung steigen wird. Zum einen bleibt abzuwarten, ob dies von der Politik als nennenswertes Problem angesehen wird. Zum anderen wird sich zeigen, ob die Maßnahmen, die eine digitale Spaltung der Gesellschaft verhindern sollen, auch bei deren politischer Dimension Wirkung zeigen und somit die Verbreiterung der Wissenskluft auf einem niedrigen Niveau bleiben wird.

Es bleibt also noch viel zu tun, bis das Internet das Niveau des Massenmediums Fernsehen erreicht hat und über 90% der Bevölkerung einen selbstverständlichen Umgang mit dem Internet pflegen.

Eine Antwort auf Information rich & information poor

  1. Anonymous sagt:

    I think this board is the proper place to ask you about the activation proccess. My link is not working properly, do you know why it is happening? http://politik-digital.de/?7d6ecaa0195ee7665faf3154b0a,

Kommentar verfassen