Speed, Sex und Text


Machen wir´s kurz. Es geht nämlich auch mit 250 Wörtern. Das beweist Peter Orvetti auf
www.orvetti.com. Täglich wird hier
das politische Geschehen in 250 Wörtern "or less" zusammengefasst – ein hybrider Online-Gag
oder ein journalistisches Angebot? Im Netz gelten für den Journalismus etwas andere Regeln.

Das Internet eröffnet der politischen Berichterstattung neue Möglichkeiten, gleichzeitig
fordert es aber auch eine andere Umgehensweise mit den Inhalten, die hier content heißen.
Tageszeitungen, die ihre Artikel einfach ins Netz spiegeln, haben schlechte Karten, denn
die User wollen keinen aufgewärmten Print-Kaffee.

"Fernsehen ist für die Doofen, Internet für die Schlauen" – dieser Ausspruch stammt von
Dieter Degler, bis vor kurzem Chefredakteur einer der führenden Politik-Sites im deutschen Netz,
dem Spiegel online. Viel eher gilt aber der
alte Leitsatz "Papier ist geduldig", denn das Netz ist es nicht.

Knapp und knackig sollten die Informationen im Netz sein, und wenn es einmal länger wird,
dann sollte zumindest in übersichtliche Abschnitte gegliedert werden. Der wohl berühmteste
Speed-Journalist dürfte derzeit Matt Drudge sein.
Der "Infoholiker" und Einzelkämpfer hat sich nicht nur mit Geschwindigkeit sondern auch mit
Inhalten den Titel des "gefürchtetsten Journalisten Amerikas" verdient. Den Tod von Lady
Di 1998 hatte er acht Minuten vor CNN Online und auch von der Lewinsky-Affäre wusste seine
Site www.drudge-manifesto vor allen
anderen zu berichten: Sex, Speed und schnelle Schreibe brachten dem voll vernetzten Drudge
1999 mehr als 240 Millionen page views ein. Das Internet kennt eben keine Deadline und
keinen Redaktionsschluss. Wenn nachts um 2 eine Bombe hochgeht, gewinnt das politische
Online-Medium, dass morgens ums 6 schon mit der Story im Netz ist.

Auch stilistisch sind im Netz also andere Techniken gefragt als bei den Print-Pendants.
Nach dem Motto "ein bisschen Boulevard schadet nie" schlagen auch die seriösen Medien in
ihren Onlineversionen oft einen temporeicheren Ton an.

Eine in den USA durchgeführte
Studie
belegt vor dem Hintergrund des Nutzerverhaltens diese Prämissen. Um im Netz zu
ködern, muss die Überschrift krachen und der Teaser knistern, nur dann wird auch der
eigentliche Artikel angeklickt. Entgegen vieler Vermutungen spielen Graphiken und Bilder
aber eine untergeordnete Rolle, das Interesse gilt zuerst immer der Headline. Kann diese
ködern, stellen auch etwas längere Texte kein Hindernis dar.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass sich reine Ticker-Berichterstattung auf Dauer
nicht halten kann. Das Medium Internet hat zwar den Vorteil der Geschwindigkeit, der mit
keinem Druckerzeugnis geteilt wird, das rasche Reagieren auf neue Nachrichten reicht alleine
aber nicht aus, um den klickwilligen Leser zu binden. Das Internet ist nur so schlau, wie seine Inhalte.

Hier kommt der Netzwert ins Spiel. Neben Tempo und ausgefeiltem Content muss ein gutes Internetmagazin
auch zeigen, dass es sein Medium verstanden hat. Wo der Empfänger immer nur einen Mausclick
entfernt ist, muss auf interaktive Nachbarschaft geachtet werden. Und das alte Sender-Empfänger
Modell sollte in Zeiten von Diskussionsforen und eMail ohnehin aufweichen.

Und der Inhalt selbst? "Old School" wäre, wer lockere Schreibe mit Unseriosität und
aufgelockerte Präsentation mit Oberflächlichkeit verwechselt. Langweile ist keine Tugend und
Bleiwüsten sind kein intellektuelles Distinktionsmerkmal. Aus Sorge vor halbseidenen
Informationen halten sich viele Online-Leser jedoch an erprobte Marken. Spiegel-Online wird
mit der bewährten politischen Berichterstattung ebenso assoziiert wie die digitalen Angebote
der Süddeutschen mit der in weiten Kreisen gelesenen Zeitung. In der Etablierung von seriösen
Markenprofilen besteht im politischen Netzjournalismus eine der großen Herausforderungen.

Noch steckt der politische Netzjournalist in den Kinderschuhen und stolpert in der
öffentlichen Meinung hinter seinen Kollegen der alten Medien her. Dass dies sich ändert,
belegen nicht zuletzt neue Studiengänge und Institute. An der Uni Dortmund beispielsweise
wurde innerhalb des Journalismus-Studiengangs eine Online-Lehrredaktion gegründet, die
eine eigene Page betreibt. Noch mehr
überzeugt allerdings die Site www.onlinejournalismus.de,
die ebenfalls von Dortmunder Studenten gegründet wurde und sich an alle wendet, die im Netz
Journalismus machen, also an eine stetig wachsende Zielgruppe.

Um es mit Peter Orvetti in 10 Worten zu sagen: Politik im Internet ist schnell und wird noch
schneller werden.

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