Die Netzkommunikation von NGOs und zivilgesellschaftlichen Organisationen

Der Autor ist Wissenschaftlicher Koordinator des Forschungskollegs Kulturwissenschaftliche Technikforschung am Institut für Volkskunde der Universität Hamburg (früher tätig am Forschungsinstitut für Arbeit, Technik und Kultur in Tübingen).

Klaus Schönberger vertiefte im Rahmen eines zweiten Gutachtens des TA-Projekts „Analyse netzbasierter Kommunikation unter kulturellen Aspekten“ die Frage nach der Rolle von netzbasierter Kommunikation in den sozialen Bewegungen. Unter dem Titel „Persistenz und Rekombination. NGOs und zivilgesellschaftliche Organisationen zwischen traditionalen und weiterentwickelten Praktiken politischen Handelns in netzbasierter Kommunikation“ untersuchte der Kulturwissenschaftler welche Formen von

Protest und Mobilisierung sich entwickeln.

Die Forschung über die Rolle der netzbasierten Kommunikation in den sozialen Bewegungen befindet sich erst in den Anfängen. Dies ist umso überraschender, als dass die Bedeutung netzbasierter Kommunikation in den sozialen Bewegungen weitaus größer ist als im klassischen politischen Feld.

Die Nutzung neuer Informations- und Kommunikationstechniken wird häufig in einem engen Zusammenhang mit dem Topos der ‘Krise(n) der Demokratie’, einem veränderten Politikbegriff und dem Erstarken beziehungsweise Aufkommens eines neuen Typus der sozialen Bewegungen diskutiert. Insofern gilt das Aufkommen der transnationalen sozialen Bewegungen gegen die neoliberale Globalisierung häufig als Ausdruck, Katalysator und Antwort von und auf Politikverdrossenheit in den liberalen repräsentativen Demokratien.

Theoretisch gibt es verschiedene Zugänge zum Zusammenhang zwischen der Nutzung netzbasierter Kommunikation und den neuen sozialen Bewegungen. Eine funktionalistische Interpretation sieht den Zusammenhang zwischen Aufgabengebiet (flexible Koordination auf internationalem Niveau) und technischem Dispositiv. Die zweite theoretische Annäherung betont die formalen und semantischen Entsprechungen zwischen Technik und der Organisation dieser Bewegungen. Die dritte theoretische Herangehensweise will vor allem zeigen, dass das soziotechnische Dispositiv netzbasierter Kommunikation normative Prinzipien, Repräsentationen und Ideologien vorhält, die wiederum in den verschiedenen Nutzungen, insbesondere auch in kritischen Momenten zutage treten. Danach sind bestimmte persistente Effekte sowohl soziokulturellen Praktiken in der Organisation wie der Form des Netzes geschuldet.

Ein wesentlicher Aspekt für die zunehmende Nutzung netzbasierter Kommunikation in den sozialen Bewegungen sind die geringen Transaktionskosten und damit eng verbunden der vergleichsweise geringe technische Aufwand, Kosteneinsparungsmöglichkeiten, Schnelligkeit und Ortsunabhängigkeit. Wesentlich ist darüber hinaus die Möglichkeit das Veröffentlichungsmonopol der klassischen Medien zu umgehen. Eng damit verbunden sind eine Effizienzsteigerung sowie die Vervielfachung des potentiellen Nutzerkreises, was de facto eine Bereicherung der demokratischen Kultur darstellt. Die Möglichkeiten des Umgangs mit Information stellen sich nicht zuletzt aufgrund der genannten Faktoren sowie der Möglichkeiten zur Speicherung und den damit verbunden Archivfunktionen als prinzipiell verändert dar.

Ungeachtet der erweiterten Möglichkeiten zur Desintermediation geht die Forschung unverändert davon aus, dass es aufgrund der Informationsflut nach wie vor intermediärer Instanzen bedarf. Gleiches gelte auch für die Vielzahl an Informationen, die durch die sozialen Bewegungen produziert werden.

ATTAC beispielsweise nutzt das Internet zur Bündelung und Bereitstellung von Wissen und Informationen. Die Expertisen-Strategie von ATTAC ist zugleich eines der zwei zentralen Dispositive der Medienkritik innerhalb der sozialen Bewegungen. Das zweite medienaktivistische Dispositiv der Medienkritik zielt mit Indymedia auf ein Empowerment der bisherigen Nur-Medien-Konsumenten und ihrer Transformation zum Produzenten.

Auch für die so genannten internen Strategien der sozialen Bewegungen muss festgehalten werden, dass nur wenige empirische Studien darüber vorliegen, ob und wie sich die Nutzung netzbasierter Kommunikation auf ihren demokratischen Charakter, auf die Rekrutierung von Mitgliedern und Sympathisanten sowie auf die Beziehungen zwischen ihren online- und offline-Aktivitäten und ihre Mittel, Inhalte und Kanäle auswirkt. Gleiches gilt für den Einfluss der Nutzung netzbasierter Kommunikation auf die internen Strukturen der Bewegungsorganisationen.

In diesem Zusammenhang wird häufig auch von einer „Wahlverwandtschaft“ zwischen technischer und organisationaler Netzwerkstruktur der sozialen Bewegungen ausgegangen. Zunächst sind es aber thematische Horizonterweiterungen, die völlig neuen Speichermöglichkeiten, die beschleunigte Kooperation und Kommunikation sowie die erweiterte Definitionsmacht hinsichtlich der eigenen Inhalte, die sich aus der Desintermediation netzbasierter Kommunikation ergeben. Allerdings zeigen sich Unterschiede zwischen eher informellen Netzwerken und zentralisierten Bewegungsorganisationen. Sowohl ideologisch radikale Gruppen und ihrer Affinität zur direkten Aktion wie auch etablierte NGOs weisen eine gewisse Distanz zum Internet auf. Darüber hinaus wird das den neuen Informations- und Kommunikationstechniken inhärente soziale Potenzial in der Nutzung kaum realisiert. Interaktive Angebote stellen in den etablierten Organisationen eher die Ausnahme dar. Ursache hierfür mag sein, dass die mit einer Nutzung dieses Potentials verbundenen impliziten (organisationskulturellen) wie expliziten (organisationalen) Selbstveränderungen die gewachsenen Machtstrukturen berühren und daher keineswegs auf allen Ebenen dieser Organisationen erwünscht sind. Andererseits ermöglicht netzbasierte Kommunikation Formen der Partizipation, die ohne sie nicht denkbar wären. Dabei bilden sich einerseits zwar alle Formen von vertikalen und horizontalen Koalitionen, andererseits befördert sie aber auch die segmentierte und polyzentrische Natur gegenwärtiger sozialer Bewegungen.

Auch für die verschiedenen Formen des Netzaktivismus und die diversen externen Strategien ist festzuhalten, dass es nur wenig Wissen darüber gibt, in welcher Weise die sozialen Bewegungen das Internet nutzen, um ihre Anliegen nach außen zu kommunizieren. Das liegt aber nicht daran, dass netzbasierte Kommunikation hierfür nur in geringer Weise eingesetzt wird. Im Gegenteil. Das Internet ist inzwischen zu einer strategischen Plattform erwachsen, auf der nicht nur die interne Kommunikation in und zwischen den sozialen Bewegungen abgewickelt wird, sondern, die zugleich ein wichtiger Ausgangspunkt für Mobilisierungen von Protestaktionen außerhalb des Netzes geworden ist und ein Resultat des Vernetzungspotentials. Darüber hinaus entwickelte sich ein Netzaktivismus, der versucht, die technischen Bedingungen des Internet für die Entwicklung neuer oder erweiterter (rekombinanter) Protestformen zu nutzen und der das Internet zugleich als einen politischen Handlungsraum mit einem spezifischen Politikverständnis konzipiert.

Zunächst wurde netzbasierte Kommunikation dazu genutzt, eine klassische Artikulationsform von Protestbewegungen, die Unterschriftensammlung in eine elektronische Form zu überführen. Der Wert solcher E-Petitionen ist aber umstritten, da der Vorzug netzbasierter Kommunikation, der geringe Aufwand, zugleich in der Regel imageschädigend wirkt.

Weniger im Sinne spezifischer Aktionsformen mit jeweils spezifischen technischen Tools, als mehr als viel dimensionaler sozialer Raum, hat sich das Internet zur Heimstätte zahlreicher Kampagnen der sozialen Bewegungen entwickelt. Sowohl hinsichtlich Koordinierung als auch Informationsverbreitung konstituiert das Internet über die Verknüpfung zahlreicher Netzwerke eine neue Dimension von transnationaler Öffentlichkeit, die sozialen Bewegungen bisher in diesem Umfang nicht zur Verfügung stand. Hierüber lassen sich nun viel einfacher auch nachhaltige und permanente Kampagnen durchführen. Das Netzwerk ist nicht nur die zentrale Metapher für das Internet, sondern dient auch zur Beschreibung der sozialen Bewegungen, die Kampagnen- und Organisationsformen erfunden haben, die kein Zentrum mehr besitzen und nur schwache ideologische und organisatorische Bindungen eingehen. Dies kann unter wechselnden Bedingungen sowohl als Stärke aber auch als Schwäche angesehen werden.

Von den Kommunikation ermöglichenden lassen sich Kommunikation (technisch) blockierende Aktionsformen unterscheiden. Die Bemühungen, mit virtuellen Sit-ins und Online-Demonstrationen erprobte ‚Real-Life’-Massenprotestaktionen in das Internet zu übertragen, zielen auf eine massenhafte Beteiligung und symbolische Regelverletzung als Ausdruck des Protests. Sie haben jedoch bereits wieder an quantitativer Bedeutung verloren. Allerdings können sie nicht zuletzt aufgrund der technischen Gegebenheiten kein vergleichbares soziales Erlebnis stiften, wie das eine Sitzblockade vor einem Raketendepot noch vermochte. Unter den gegenwärtigen technischen Bedingungen sieht es so aus, als ob im Hinblick auf eine massenhafte Teilhabe an Protestaktionen, netzbasierte Kommunikation derzeit eher als Werkzeug für Kommunikation, Information und Mobilisierung dient, denn selbst Ort von Aktionen ist.

Demgegenüber zielen Aktionen der Kommunikationsguerilla weder auf die Herstellung einer klassischen Gegenöffentlichkeit mit dem Anspruch der eigenen Sichtweise Gehör zu verschaffen, noch auf die Unterbrechung des Informationskanals, sondern auf die Subversion hegemonialer Medienbotschaften, die über Kontextverschiebungen in einem entkontextualisierten Raum begünstigt werden.

Die Debatte über die Konsequenzen des digitalen Zeitalters der elektronischen Kommunikation für die sozialen Bewegungen zeichnete sich zunächst dadurch aus, dass hier vor allem in Kategorien der Substitution(en) diskutiert wurde. Dabei ging es um die strategische Verlagerung des politischen Handelns wie der sozialen Interaktion in das Internet. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass in der Praxis auch tatsächlich verschiedene Versuche unternommen wurden, die bekannten und bewährten Kommunikations- und Handlungsmuster in den neuen sozialen Raum zu übertragen. Vor dem Hintergrund der damit verbundenen konkreten praktischen Erfahrungen hat die Diskussion inzwischen eine andere Richtung genommen, die auf die Entwicklung des mit dem Internet verbundenen Mediendispositivs als Informations- und Koordinierungsmedium verweist. Demnach ergibt sich eine sinnvolle Nutzung für die sozialen Bewegungen nicht aus den Übertragungsversuchen von Offline-Protestformen, sondern aus mobilisierenden und vernetzenden Kommunikations- und Handlungsmustern, die aber auch organisationale wie inhaltliche Implikationen mit sich bringen, gegen die es durchaus Widerstände gibt. Die sozialen Bewegungen finden zunehmend eine Praxis, in der politisches und soziales Online- und Offline-Handeln verknüpft sind. Daraus resultiert ein erheblicher Forschungsbedarf, der auch methodische Fragen hinsichtlich der Erforschung der Verknüpfung beider sozialer Räume aufwirft.

Das Internet ist also für die heutigen sozialen (transnationalen) Bewegungen zu einer wichtigen Ergänzung ihrer Kommunikationsmittel geworden. Sein Gebrauch hat Einfluss auf die Gestaltung der politischen Prozesse der transnationalen sozialen Bewegungen. Dabei ist diese Nutzung neuer Informations- und Kommunikationstechniken nicht einfach als technische Erweiterung bestehender Kommunikationsmittel fassbar. Die bisher zusammengetragenen Ergebnisse über die Nutzung von netzbasierter Kommunikation in den sozialen Bewegungen lassen sich als Einheit von Persistenz und Rekombination im Prozess des soziokulturellen Wandels fassen. Das Bild vom „Langen Arm des ‚Real Life’“ beschreibt dabei die beiden vermeintlich gegenläufigen Prozesse von Persistenz und Rekombination nicht als Widerspruch, sondern konzipiert sie als zwei Seiten einer Medaille, die den Prozess des soziokulturellen Wandels hinsichtlich der Nutzung neuer Medien auf allgemeiner Ebene theoretisch zu fassen vermag.

Der Autor ist Wissenschaftlicher Koordinator des Forschungskollegs Kulturwissenschaftliche Technikforschung am Institut für Volkskunde der Universität Hamburg (früher tätig am Forschungsinstitut für Arbeit, Technik und Kultur in Tübingen).

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