Französischer Wahlkampf dreidimensional

(Artikel/Update) Nicht nur Unternehmen und Medienkonzerne tummeln sich in den virtuellen Welten des „Second Life“. Die französischen Präsidentschaftsanwärter haben Möglichkeiten zur Wählerwerbung erkannt und gehen online auf Stimmenfang.

In der Medienwelt gilt die „Second Life“-Blase beinahe schon als geplatzt oder zumindest als stark überstrapaziert. Jede Zeitung und jeder große Konzern hat mittlerweile eine Zweigstelle im „zweiten Leben“, der dreidimensionalen virtuellen Welt des US-Unternehmens Linden Lab. Die Politik hat sich im Gegensatz zur Wirtschaft und den Medien bisher in bescheidener Zurückhaltung geübt. Vielen galt die erste massentaugliche zweite Realität als Spielerei, in der man seriöse Politik nicht umsetzen kann.

Die Franzosen haben allerdings bereits erkannt, dass „Second Life“ mehr ist als ein Computerspiel. Am 22. April wurde dort im ersten Wahlgang eine Vorentscheidung über den zukünftigen Präsidenten gefällt, am 6. Mai findet die Stichwahl zwischen Nicolas Sarkozy und Ségolène Royal statt. Vermutlich gehen dieses Mal auch sehr viele Computerspieler zur Wahlurne. Denn die beiden Kontrahenten haben sich innovativ gezeigt und Wahlkampfbüros in der zweiten Realität eröffnet.

Die virtuellen Zentralen der Spitzenkandidaten

Der im ersten Wahlgang ausgeschiedene rechtsextreme Jean-Marie Le Pen war der erste, der eine Niederlassung in der virtuellen Welt einrichtete. Der 78-Jährige bekam den Hinweis auf diese Möglichkeit des Wahlkampfes von einem Mitglied der Jugendorganisation seiner Partei „Front National“. Die zweite, die sich der Macht der virtuellen Welt bewusst wurde, war die Sozialistin Ségolène Royal. Nicolas Sarkozy, der konservative Bewerber um das Präsidentenamt, ist ebenfalls im „Second Life“ vertreten.

Die „Second Life“-Auftritte der zwei verbliebenen Kandidaten unterscheiden sich auf den ersten Blick nicht von den meisten andere Regionen der virtuellen Welt. Kühle, lichtdurchflutete und meist spärlich besiedelte und eingerichtete Gebäude stehen verstreut in pixeligen Grünanlagen, die hier und dort mit kleinen Blumen- und Baum-Arrangements aufgehübscht sind.

Allerdings interessieren die durchschnittliche 3D-Spielfigur, den so genannten Avatar, in dieser Welt nur zwei Dinge: Der Austausch mit anderen Menschen und Geschenke. Das hat auch das „Second Life“-Team von Nicolas Sarkozy erkannt und verteilt nun großzügig T-Shirts und Pizzastücke an die ankommenden Avatare. Bleibt nur die Frage, wie denn wohl so eine programmierte Pizza schmeckt.

Inmitten eines kleinen bretonischen Dorfes hat Ségolène Royal ihre virtuelle Wahlkampfzentrale gesetzt, die mit ihrer kühlen Optik so gar nicht in das Idyll passen will und auch nicht mit Überraschungen aufwartet.

Politische Proteste gegen Le Pen

Auch zu den ersten politischen Protesten ist es in der zweiten Realität schon gekommen. Doch die Welt in „Second Life“ unterscheidet sich in einem Punkt von der Realität: Man kann andere Menschen physisch nicht verletzen. Daher sehen dann auch gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und Sicherheitskräften, so geschehen vor der virtuellen Wahlkampfzentrale Le Pens, ein wenig anders aus, als man es aus dem „ersten Leben“ gewöhnt ist. Hier rempelt man anstatt zu prügeln und die Demonstranten wehren sich mit fliegenden Schweinen und so hohen Zugriffszahlen, dass der Server in die Knie geht.

Dies ist in der Tat ein Aufsehen erregendes Ereignis, denn wenn sich auch mittlerweile über 5 Millionen Menschen in diesem Spiel angemeldet haben, so ist doch der Großteil inaktiv. Nach Betreiberangaben sind zeitgleich durchschnittlich 15.000 Besucher online, die sich – und das darf man nicht vergessen – auf mittlerweile über 4.000 Inseln verteilen können. Und natürlich herrscht an FKK-Stränden und in Casinos mehr als durchschnittlicher Andrang.

Die Vorteile des virtuellen Wahlkampfes

Die Vorteile des Wahlkampfs in „Second Life“ liegen für die Macher auf der Hand. Für eine relativ geringe Investition kann der Kandidat ein Grundstück mit Wahlkampfgebäude erwerben und viele Menschen abfangen, die sich im realen Leben vielleicht gar nicht für Politik interessieren würden. Das scheint zu wirken: Laut Zahlen der Betreiberfirma Linden Lab besuchen täglich im Schnitt etwa 20.000 Avatare das Grundstück von Ségolène Royal, und ca. 10.000 die Insel von Nicolas Sarkozy.

Die Politiker wissen zwar von ihren Online-Alter Egos, aber in der Regel sind sie viel zu beschäftigt, um selbst einen Fuß in das zweite Leben zu setzen. Dabei wäre dies eine gute Chance, den wirklichen Vorteil dieser Welt zu genießen: Ohne räumliche Begrenzung in direkten Kontakt mit den Wählern zu treten. Wie auch bei vielen Konzernen erkennt man hier ein klares Muster. Die Politiker haben sich in das zweite Leben eingeklinkt, haben aber die Möglichkeiten dieser virtuellen Welt noch nicht ausgeschöpft.

Doch gerade für den deutschen Wahlkampf im kommenden Jahr wird dieser französische Testlauf interessant. Stellen doch die Deutschen nach den US-Amerikanern und den Franzosen die drittgrößte Gemeinschaft im „Second Life“ dar.

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