Ohne Führung, ohne Orientierung

Jetzt hat es auch die SPD
:Eine erste Wahlkampfseite im Internet. Und sie ist gemeiner als das Pendant ‘Wahlfakten.de’ der Union. Die Hauptaussage der Seite ist schnell ausgemacht, schon die Rubriken in der Navigation unterstellen: DieCDUist ohne "Ohne Führung", "Ohne Orientierung" und "Ohne Chance".

 

Unter
www.nichtregierungsfaehig.de werden seit dem 3. Dezember Kommentare, Zahlen, Fakten und Daten über die CDU verbreitet. Die ganz in Rot gehaltene Seite wurde pünktlich zum
Parteitag der Christdemokraten in Dresden geschaltet, allerdings mit einem anderen Schwerpunkt als
Wahlfakten.de. Während das Wahlkampf-Tool ‘
Rapid Response‘ die CDU-Seite beherrscht und die Analyse der
Schröderschen Parteitagrede noch immer der einzige Inhalt ist, glänzt Nichtregierungsfaehig.de bisher durch eine ganze Menge an Informationen, welche die Schwächen des politischen Gegners deutlich machen sollen.

Die Regierungsverantwortung einer Partei wie der gegenwärtigen CDU zu übertragen, käme nach den Informationen auf Nichtregierungsfaehig.de fast schon Landesverrat gleich. Leider basieren solche Behauptung bisher ausschließlich auf einer Presseschau und einigen redaktionellen Texten. Das Ziel der Presseschau, eine "bessere Beantwortung der Kanzler-Frage" zu liefern, sowie Berichte "zum übrigen Zustand der CDU beizutragen" ist allerdings aus Sicht der SPD gelungen. Natürlich lässt Nichtregierungsfaehig.de genaus wie die "Schnelle Antwort" der CDU, bedingt durch die stark selektive Auswahl der Informationen, an Objektivität zu wünschen übrig.

Eine unterhaltsame Idee der Seite ist das WebTED, mit dem momentan über die allseits diskutierte K-Frage abgestimmt werden soll. Um informiert wählen zu können, haben die Benutzer die Möglichkeit, in Portraits der CDU-Kandidaten nachzulesen, wer und ob überhaupt jemand in Frage kommt. In Zukunft soll das WebTED auch bei anderen Themen als Stimmungsbarometer zur Geltung kommen. Ob sich hinter der Idee tatsächliches Interesse an der Meinung der Besucher verbirgt, darf jedoch bezweifelt werden. WebTED ist wohl als Wahlkampf-Gimmick einzuordnen, das zusätzlich dazu beitragen soll, die Schwächen des Gegners auf möglichst unterhaltsame Weise bloßzulegen.

Darüber hinaus können User von Nichtregierungsfaehig.de aus direkt mit der Partei- und Wahlkampfzentrale in Verbindung treten, sowie die SPD-Wahlkampfbroschüre herunter laden. Damit ist zwar der Anfang gemacht, die Wähler miteinzubeziehen, jedoch gibt es noch viel Raum für Verbesserungen. Denn mit einem E-mail-Formular, ein paar Bildern oder Infodateien kann man heute niemanden mehr beeindrucken.

Woran es dieser Seite also eindeutig mangelt, ist Innovation. Es ist zwar gut und schön, dass die gegnerische Parteispitze persifliert wird. Auch die Platzierung von lustigen Wahlkampfplakaten ist eine nette Idee. Allerdings gab es das alles schon vorher. Die SPD scheint, im Gegensatz zur CDU, bei der Übernahme von Web-Wahlkampfstrategien im amerikanischen Sinne, noch zu zögern. Auch die Möglichkeit, die CDU inhaltlich anhand der Parteitagsdebatte auseinanderzunehmen, wurde nicht wahrgenommen. Man setzte weder ein Rapid-Response-Tool ein, noch wurde sich inhaltlich mit den Aussagen der beiden Parteivorsitzenden auseinandergesetzt. Unter dem Punkt "CDU Parteitag aktuell" findet sich nur eine kurze Zusammenfassung der Rede von Angela Merkel und Zahlen aus der Presse, welche die Schwächen der CDU untermauern sollen. Der Auftritt von Edmund Stoiber, dem in allen Medien eine große symbolische Rolle zugesprochen wurde, wird mit keinem Wort erwähnt.

Ein Einsatz des Rapide-Response-Tools ist nach Aussagen aus der SPD-Kampa geplant. Die erste Gelegenheit, die CDU im Internetwahlkampf zu überflügeln und dem Ruf einer Netzwerkpartei gerecht zu werden, haben die Sozialdemokraten allerdings verpasst.

Zukünftige Entwicklungen im Wahlkampf könnten das wahltaktische Potential, das diese Seite ohne Zweifel hat, sicherlich stimulieren. Der Aufwand wäre es auf jeden Fall wert, da die unterschwellige Ironie von Nichtregierungsfaehig.de besonders bei den jüngeren Wählern gut ankommen dürfte.

Erschienen am 06.12.2001

 

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