Netz-Pioniere 2005

Wahlkampf im Internet – kaum waren die Wahllokale geschlossen, da schossen die ersten Internetangebote zur Bundestagswahl 2005 aus dem Boden. Aber was verbirgt sich wirklich hinter diesem spontanen Domaingrabbing? politik-digital.de hat sich die Angebote der ersten Stunde angesehen.

Die Verkündung von Neuwahlen in diesem Herbst verdrängte nicht nur alle anderen Schlagzeilen zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, sondern führte bereits nach wenigen Stunden zur Registrierung vieler Domains, die die vorgezogenen Wahlen im Namen tragen. Dass das Informationsangebot reichhaltig ist, aber dass sich nicht hinter jedem seriös anmutenden Namen auch ein politisch wertvoller Inhalt zu den vorgezogenen Bundestagswahlen verbergen muss, zeigt unsere Stichprobe im Internet:

Das Wahlblog05

Eines der ersten Internetangebote nach Bekanntgabe der Neuwahlen war der Wegblog
www.wahlblog05.de. Hinter dem Projekt steht die Initiative
www.idemokratie.de unter Leitung des Mediadesigners Christian Hochhuth, die sich mit der Internetnutzung im Rahmen der politischen Willensbildung und Partizipation beschäftigt. Der Blog ging noch am Wahlabend an den Start und wird seitdem jeden Tag mit den neuesten Entwicklungen zu den Vorbereitungen der vorgezogenen Wahlen aktualisiert. Features wie Bildschirmschoner oder kleine Umfragen lockern das Konzept des Blogs auf und erlauben durch die Kommentarfunktion eine gewisse Interaktivität.

Die klassische Weiterleitung

Drei der gesichteten Domains wurden von Parteien genutzt, auf deren Homepage man automatisch weitergeleitet wird, wenn man die jeweiligen Domainnamen eingibt.

Hinter
www.bundestagswahl-2005.de verbirgt sich die Seite der CDU Stuttgart-West, deren durch dunkel gewähltes Design schlecht lesbarer Inhalt nur aus der Anschrift des Ortsvereins und einem Link auf eine Umfrage besteht, in der die CDU eruieren möchte, wann der Befragte gern die nächste Bundestagswahl hätte. Wenn man die Domain
wahlen2005.de eingibt, landet man prompt auf der Homepage der NPD. Hinter
www.neuwahlen05.de verbirgt dich die Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit im
Ortsverband Sulingen und Umgebung. Auf dieser Seite kann man sich nicht nur über die Arbeit vor Ort und ihre Mitarbeiter informieren, sondern man hat hier auch die Möglichkeit, auf die Seite des Bundesvorstandes der Wahlalternative zu gelangen.

Aber auch Unpolitisches findet sich in den Weiterleitungen. So kommt beispielsweise der Fußballfan auf seine Kosten, wenn er zufällig auf
www.bundestagswahl05.de klickt, da er sich unversehens auf der Seite
www.fussballnet.de wiederfindet. Initiator dieser Seite ist
TV-Sport.de. Auf der Seite finden sich Informationen zu aktuellen nationalen und internationalen Fußballspielen, aber eben keine Inhalte zu den Neuwahlen.

Die Privatinitiative

Unter
www.neuwahl05.de findet man eine Petition, in der für eine gesetzliche Regelung zur Selbstauflösung des Bundestages geworben wird. Severin Tatarczyk, Geschäftsführer der Unternehmensberatung sta-consult, ist der Initiator der Aktion. Er will sich laut seiner Aussage mit dieser Petition für eine Möglichkeit aussprechen, dass Neuwahlen auf „einer sauberen verfassungsrechtlichen Grundlage beruhen“ und möchte die Fraktionsvorsitzenden im Juni mit einer Unterschriftenliste von einer Gesetzesänderung überzeugen.

Neuer Besitzer gesucht

In der letzten Rubrik finden sich Domainnamen, die noch keinen neuen Besitzer oder keine neue Besitzerin gefunden haben. Diese Unterscheidung ist vor allem interessant, wenn man sich die Seite
www.gleichberechtigung.de von PR-Berater Lars Heimüller anschaut, der sich bereits im Jahr 1998 die Domains
www.bundeskanzlerin.de und
www.bundespraesidentin.de sichern ließ und scheinbar sehr überrascht war, dass Bundeskanzler- und Bundespräsidialamt sich diese
Domains nicht gesichert hatten. Da er aber ein Verfechter der Gleichberechtigung sei und nicht vorhabe, an diesen Domains zu verdienen, möchte er der ersten Kanzlerin bzw. der ersten Bundespräsidentin die jeweilige Domain kostenlos überlassen.


Michael Othmer ist der Besitzer der noch inhaltslosen Domains
www.bundestagswahl2005.de,
www.bundestagswahl2009.de,
www.neuwahl2005.de,
www.neuwahlen2005.de.

Der Theologiestudent aus Berlin, der eher zufällig an die
Domains geriet, bekam sehr viele Anfragen auf seine Internetangebote. Hauptsächlich Privatleute, aber auch kleinere Parteien zeigten Interesse. Gegenüber politik-digital.de räumte Othmer ein, dass er allerdings auch diverse Droh-eMails erhalten habe, was die Auswahl, den passendstens Käufer für die Seiten zu finden, nicht vereinfacht. Othmer möchte beim Verkauf nicht das große Geld verdienen, sondern einen im Sinne der „schicksalschweren Bedeutung“ dieser Wahl seriösen Käufer finden.

So brisant wie die Ereignisse in der Bundespolitik, so gestaltet sich auch der Kampf um die besten Plätze im Internet. Der Onlinewahlkampf gewinnt immer mehr an Gewicht und die kurze Vorbereitungszeit auf einen Wahlkampf im Herbst diesen Jahres verlangt den Parteien ein gewisses Maß an Spontaneität ab, was sich auch in ihrer Präsenz im Internet wiederspiegeln wird. Allerdings herrscht bei der Vergabe der aktuellen Domains noch das Gesetz des schnelleren. Wer sich die Domain als erster sichert, entscheidet über ihre Verwendung. Dies führt zu einem breit gefächerten, aber nicht immer themenrelevanten Inhalt.

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