Politiker-Blogs: Wenig Medienkompetenz spürbar

Die virtuelle Welt der Blogger ist im Wahlkampf besonders lebendig. Politiker schreiben Online-Tagebücher über Parteiveranstaltungen und persönliche Erlebnisse, Partei-Mitglieder kämpfen durch die Verbreitung ihrer Ansichten für ihre(n) Bundestagsfavoriten. Eine Agentur hat nun
eine erste Untersuchung von Politiker-Weblogs durchgeführt.


Die Sozialdemokraten bloggen quantitativ am stärksten, gefolgt von den Liberalen auf Bundes- und Landesebene. Die Union, die Grünen und die Linkspartei haben dagegen lediglich zusammengenommen ein Drittel der Politiker-Weblogs im Netz installiert. Das ist das Ergebnis der Studie der Berliner Agentur AUSSCHNITT Medienbeobachtung. Sechs Wochen lang hat sie Weblogs deutscher Politiker unter die Lupe genommen und inhaltsanalytisch ausgewertet.

Kann man bei Politiker-Weblogs von einem Trend sprechen? Birgit M. Grigoriou, Leiterin der Abteilung Unternehmenskommunikation bei AUSSCHNITT Medienbeobachtung: „Als PR- Beraterin und Unternehmenskommunikationsfachfrau würde ich sagen, Weblogs sind ein neuer Kommunikationskanal an dem man als Wahlkämpfer nicht vorbei kommt, den man nicht außer Acht lassen kann.“ Ob sich Weblogs als Wahlkampfinstrument bewähren und durchsetzen werden, könne man bis dato jedoch noch nicht sicher sagen, erklärt sie. Dazu seien langfristigere Beobachtungen notwendig.

Die bisherige Untersuchung hat jedoch schon beachtliche Vergleichszahlen hervorgebracht: Der quantitative Vorreiter in Sachen Weblogs ist die SPD, die beim Bloggen am aktivsten ist und verglichen mit CDU/ CSU, FDP und Linkspartei auch Pioneer, was die Aktualität ihrer Seiten betrifft. Das Verhältnis ist hier 13:3:1 – dreizehn Beiträge werden täglich im Durchschnitt von Sozialdemokraten gepostet, auf drei bringt es die FDP. Alle anderen Parteien stellen durchschnittlich einen Beitrag am Tag online.

Die Inhaltsanalyse hat zudem ergeben, dass sachpolitische Themen und Positionen sowie parteibezogene Auseinandersetzungen beim Politbloggen eine große Rolle spielen. Persönliche Stellungnahmen sind eher selten zu finden. Nur ein knappes Drittel der Einträge in den insgesamt 49 untersuchten Weblogs widmen sich persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen. Die Darstellung sachpolitischer Zusammenhänge (38%) und parteipolitische Auseinandersetzungen (35%) überwiegen.

Die dabei am häufigsten angeschnittenen Themen sind laut Studie die Programme und Personen der jeweils anderen Parteien sowie Finanz-, Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik. In 40 Prozent der Fälle werden Positionen aus parteipolitischer Sicht argumentativ dargestellt. Haben viele Politiker die persönliche Komponente von Weblogs – und somit den Sinn der neuen Kommunikationsform – nicht erfasst? „Es gibt Gesetze für das Medium „Weblog“ – Dos und Don’ts. Authentizität ist das A und O, das Gesetz Nummer 1. Es muss ein persönliches Portal sein, nicht ausschließlich ein weiterer Veröffentlichungskanal für politische Programme.“ Authentizität bedeutet hier persönlich und im Prinzip auch selbst geschrieben.

Der regelmäßige Kontakt zur Blogsphäre kostet Zeit – im Wahlkampf sicher eine knappe Ressource. Prinzipiell ist das Weblog laut Studie jedoch wahlkampftauglich, da es die nötigen Faktoren aufweist: Personalisierung, Authentizität, Aktualität und Interaktion.

Soweit zum theoretischen Wahlkampf-Potenzial des für viele noch neuen Internetformats. Ob das Weblog als Wahlkampfinstrument tatsächlich erfolgreich ist, kommt für Grigoriou jedoch maßgeblich auf die Inhalte und die mit dem Weblog verfolgten Ziele des Betreibers an. Man müsse sich fragen, welche Inhalte in ein solches Instrumentarium passen: „Weblogs sind keine Partei-Homepage, sie sollen die persönliche Sicht auf die Dinge zeigen, wie der Blogger selbst sie hat. Wichtig ist, dass aktuell und intensiv gebloggt wird.“ Die meisten Politiker tun sich jedoch schwer damit, einen persönlichen Zugang zum jeweiligen Thema zu entwickeln, wird in der Untersuchung festgestellt: „Nur ein knappes Drittel aller Beiträge hat persönliche Erfahrungen und Erlebnisse als Aufhänger.“

Bei allen Parteien gibt es jedoch Politiker, die Spaß an der personalisierten, authentischen Kommunikationsform des Weblogs gefunden zu haben scheinen. Vor allem junge, bereits „Internet-affine“ Menschen nehmen dieses Angebot rege an und beteiligen sich am „Weblog-Wahlkampf“ durch Diskussionsbeiträge. Weblogs könnten somit für Volksvertreter tatsächlich zu einem interaktiven Austauschkanal werden, um zu erfahren, wo den Menschen der Schuh drückt. Eine Kombination von modernem und traditionellem „Mundfunk“ wäre sicher belebend für die politischen Diskussionskultur und ein Mittel gegen Politikverdrossenheit. Einzige Voraussetzung: Die Beachtung der Weblog-Gesetze, damit Bloggen nicht gleichbedeutend wird mit der Veröffentlichung von Wahlprogrogrammen.

 

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