Experimente mit der Blogger-Bindung

(Artikel) Auf Portalen von klassischen Medien tummeln sich mittlerweile die Blogger. Florian Steglich hat auf der Suche nach dem Warum einen Experten und einen Macher befragt. Mehr Reichweite lässt sich mit Bloggern derzeit nicht erzielen, aber experimentieren wollen die Medienunternehmen trotzdem.

Weblogs scheinen mittlerweile zur Grundausstattung von Verlagen im Internet zu gehören. Bei jedem Relaunch, den ein Medienhaus derzeit einem seiner Onlineportale gönnt, wird besonders darauf geachtet, wo das Mitmachinternet “Web 2.0″ seine Spuren hinterlassen hat. So auch bei der Tageszeitung “Die Welt”, die Ende Februar in neuem Gewand erschien. Da fielen vor allem die Blogs auf. Bei “Westeins”, dem geplanten Onlineportal der WAZ-Gruppe, hat Chefredakteurin Katharina Borchert bereits Stellen für Blogger ausgeschrieben. Bei “Focus Online” sind mit dem ebenfalls noch jungen Relaunch die Blogs an prominenter Stelle auf die Startseite gerückt. Die tageszeitung “taz”, die sich online eher spartanisch präsentiert, bietet gleich 30 Blogs. Man muss diese immer noch oft so genannten “Online-Tagebücher” also offenbar haben – nur: Warum eigentlich?

Um Traffic, also um möglichst viele Besucher und Seitenaufrufe, kann es nicht gehen. Top-Blogs wie Spreeblick kommen auf 10.000 bis 15.000 Seitenaufrufe am Tag, “Indiskretion Ehrensache”, das Blog des Handelsblatt-Redakteurs Thomas Knüwer, schafft an guten Tagen ein Drittel davon. Auch die Vermarktungschancen von Blogs sind begrenzt: Robert Basic, dessen Blog “Basic Thinking” eines der meistbesuchten in Deutschland ist, kommt im Monat auf bis zu 800 Euro – und gehört mit diesem für große Verlage irrelevanten Umsatz hierzulande zu den Top-Verdienern. Bis zu den angeblich fünfstelligen Dollarbeträgen, die US-amerikanische Blogger einnehmen, ist es noch ein weiter Weg.

Probieren geht über Studieren

Der Grund für die Einbindung von Blogs ins redaktionelle Angebot ist ein anderer: Es handelt sich um Experimente. “Format-Know-How aufbauen”, nennt das Robin Meyer-Lucht. Der Leiter des
“Berlin Institute” berät mehrere Verlage bei ihrer Onlinestrategie. “Die Verlage sehen da ein Wachstumsfeld, das Bloggen, und wollen es nutzen und testen.”

Dafür spricht auch, dass kein Erfolgsmodell zu existieren scheint, an dem sich alle orientieren. Mal werden die Blogs etwas verschämt am Rande des eigentlichen Angebots präsentiert, erst nach mehreren Klicks von der Startseite aus erreichbar; mal werden einzelne Einträge direkt neben regulären Artikeln präsentiert. Mal schreiben Redakteure selbst, mal externe Autoren, die im besten Fall einen Status wie freie Mitarbeiter haben.

Bei “Welt Online” probiert man beides. Je fünf der aktuell
zehn Blogs werden im Haus und von externen Bloggern geschrieben. Auch hier geht es ums Experimentieren: “Wir wollen schauen, wie Journalismus im Netz noch aussehen könnte”, sagt Peter Schink, der den Relaunch der Webseiten verantwortete. Für die Welt bloggen unter anderem Don Dahlmann und Daniel Fiene, die sich schon vorher ihren Ruf in der Blogosphäre erarbeitet haben. Diese “Prominenz” sei allerdings nicht der Hauptgrund gewesen, sie ins Boot zu holen, so Schink. “Wir haben überlegt, welche Themen gut ‘bloggbar’ sind, und für welches wir jemanden im Haus haben und für welches nicht.”

Den Königsweg gibt es nicht

Um zu beurteilen, wie die Blogs angenommen werden, sei es bei “Welt Online” noch zu früh, sagt Schink. “Die Zahlen sehe ich mir erst nach zwei Monaten an”. Den idealen Weg der Einbindung von Blogs haben auch die Berliner nach Ansicht von Robin Meyer-Lucht noch nicht gefunden. “Ich kenne hierzulande keinen Fall, wo eine Struktur geschaffen wurde, in der Blogs das redaktionelle Onlineangebot aus Lesersicht wirklich sinnvoll ergänzen.”

Möglicherweise funktionieren solche Blogs auf regionaler Ebene besser – “Westeins” könnte es zeigen. Möglich aber auch, dass Spiegel Online den besten Weg gefunden hat. Der Leitwolf unter den deutschen Nachrichtenportalen verzichtet bislang vollständig auf Blogs.

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