Man muss offen sagen, wenn etwas bezahlt ist

(Interview) Durch ihren Podcast im Internet bekam Annik Rubens Aufträge vom öffentlich-rechtlichen Radio. politik-digital.de sprach mit der Macherin von „Schlaflos in München“ über ihre kommerziellen Projekte und warum auch Komiker im Internet immer bei der Wahrheit bleiben sollten.

Annik Rubens

 

Podcasts sind Audiobeiträge, die jeder mit simpler Technik produzieren und ins Internet stellen kann. Annik Rubens hat dieses Privatvergnügen zum Beruf gemacht. Sie startete 2005 mit ihrer eigenen Serie „Schlaflos in München“ und wurde schnell zu einer der bekanntesten Podcasterinnen Deutschlands. Heute liefert sie Beiträge für die Radiosender Bayern 3 und SWR2 und produziert Sendungen für verschiedene Firmen – im letzten Jahr beispielsweise für den Möbelkonzern Ikea und die Plattenfirma Warner Music. Hinter dem Künstlernamen Annik Rubens verbirgt sich die freie Journalistin Larissa Vassilian.

Was reizt Sie als Podcasterin daran, auch in traditionellen Medien Platz zu finden?

Ich bin in erster Linie nicht Podcasterin, sondern Journalistin. Ich wäre blöd, wenn ich sagen würde: „Nein, ich will nicht für öffentlich-rechtliche Radiosender arbeiten“. Wenn die Sender auf mich zukommen, ist das natürlich wunderbar. Insofern ist es relativ egal, ob ich als Printjournalistin, Rundfunkjournalistin oder Podcasterin arbeite. Podcasting ist einfach eine Verbreitungstechnik. Es ist für viele Journalisten eine Visitenkarte; eine Plattform, auf der man sich präsentieren kann. Man muss sowieso gerade als freiberuflicher Journalist schauen, dass man – was die berühmte Mehrfachverwertung angeht – möglichst flexibel ist. Und dann ist es natürlich eine schöne Chance, wenn man vom Radio regelmäßig Aufträge bekommt.

Von der anderen Seite gesehen: Was sind die Vorzüge von Podcasts für das Radio?

Es ist natürlich eine Sache der Altersgruppen. Die meisten der etablierten Radiosender haben eine absolute Überalterung der Hörer. Unter 35 ist da keiner. Die meisten Zuhörer sind eher zwischen 45 und 55 Jahre alt. Deswegen haben die Radiosender momentan sehr große Existenzängste und wollen durch die Podcasts auch junge Leute ansprechen. Podcasthörer sind im Schnitt um die 30.

Wie stark abhängig sind Sie bei Ihren kommerziellen Podcasts von der „Quote“, also Klick- oder Downloadzahlen?

Interessanterweise überhaupt nicht. Zum Glück wurde darauf wenig Wert gelegt. Beim Bayerischen Rundfunk hat man am Anfang schon geschaut, ob überhaupt jemand den Podcast hört. Wenn ihn niemand gehört hätte, hätte man ihn schon irgendwann abgesetzt. Aber dadurch, dass die Sachen auch im Radio gesendet werden und die Downloadquoten ganz stabil und gut sind, ist das nicht das Wichtigste. Auch bei den Vereinbarungen mit IKEA oder Warner Music hat keiner gesagt, dass jetzt mindestens 1000 Leute den Podcast hören müssen. Es war immer ein Versuchsballon. Das hängt hauptsächlich damit zusammen, dass natürlich die Podcastproduktionskosten sehr viel billiger sind als herkömmliche Werbung. Es wäre für eine Firma kein großer finanzieller Verlust, wenn wirklich am Ende niemand den Podcast hören würde – obwohl, inhaltlich gesehen schon.

Auch Hape Kerkerling alias Horst Schlämmer, eigentlich bekannt aus dem Fernsehen, ist unter die Video-Podcaster gegangen. Wie finden Sie Schlämmers Podcast?

Ich habe die erste Folge gesehen und fand es sehr lustig. Horst Schlämmer ist eine wunderbare Figur. Ich frage mich zwar immer noch, wie es passieren kann, dass man Hape Kerkerling in seiner Verkleidung nicht erkennt. Aber offenbar scheint es wirklich Leute zu geben, die darauf hereinfallen, wenn er vor ihnen steht.

Kurz nach der ersten Folge fanden Blogger heraus, dass es sich bei Schlämmers Podcast um eine VW-Werbeaktion handelt. Was halten Sie davon?

Das habe ich noch nicht mitbekommen. Generell finde ich es okay, wenn man in Podcasts, Videocasts Werbung macht – egal, ob das jetzt Prominente wie
Horst Schlämmer sind oder ganz normale Podcaster. Ich finde nur, dass man ehrlich sein muss. In diesem Fall sieht es so aus, als wenn die Leute an der Nase herumgeführt wurden. Ich habe auf jeden Fall nicht von Anfang an gesehen, dass „präsentiert von VW“ oder so etwas eingeblendet wurde. Man darf es nicht versteckt machen, denn sonst verarscht man die Leute. Ich würde Werbung in meinem Podcast wirklich nur ganz, ganz offen machen. Ein Markenzeichen von allen Podcasts sollte doch die Authentizität sein. Das ist doch genau das, was die Leute suchen und was sie in den etablierten Medien manchmal vermissen. Und wenn sie dort auch noch das Gefühl haben, dass alle nur irgendetwas verkaufen wollen und von irgendwem gesponsert sind, dann finde ich das gefährlich. Ich spiele immer mit offenen Karten. Ich schätze, mittlerweile wird Hape Kerkeling auch wissen, dass es klüger gewesen wäre von Anfang an „präsentiert von“ zu sagen. Ich glaube auch nicht, dass es deswegen weniger Leute geguckt hätten. Wenn irgendetwas gut ist, spricht es sich herum und dann wird das angesehen – egal, ob eine Firma dahinter steckt oder nicht.

Sie haben ja auch Podcasts für Ikea oder Warner Music produziert. Gehen Sie bei solchen „Auftragsarbeiten“ anders vor als bei ihrem „Schlaflos in München“?

Wenn ich für einen großen Konzern einen Podcast mache, sitze ich zu Hause und nehme das mit der gleichen Ausrüstung auf, mit der ich auch „
Schlaflos in München“ produziere. Ich gehe dafür nicht in ein Tonstudio. Man will dann auch gar nicht aalglatt oder steril wirken. Sonst könnte man gleich zu einer Werbeagentur gehen. Von der Produktion her sind die Podcast natürlich nicht so spontan wie „Schlaflos in München“. Ich nehme die aktuelle Folge heute noch auf und stelle sie am gleichen Abend online. Das hat bei IKEA etwas länger gedauert. Der Podcast wurde von verschiedenen Leuten zunächst abgesegnet und dann vorsichtig online gestellt. Da wurde aber nichts mehr herausgeschnitten. Die Spontaneität ist nicht da, wenn man für große Konzerne arbeitet.

Sie machen also alle Podcasts, auch für Radiosender und Firmen, von Ihrem Schreibtisch aus?

Richtig, genau. Nicht von meinem Schreibtisch, sondern mittlerweile aus meinem Schrank, weil dort die Akustik am besten ist. Ich habe eine Ankleidekammer, da stehe ich ohne Tageslicht, nehme meine Sachen auf und verschicke sie dann per eMail. Wenn es anders wäre, müsste ich erst ins Radiostudio fahren. Das wäre ein riesiger Aufwand und auch für den Sender um ein Vielfaches teurer.

Wofür brauchen Unternehmen überhaupt Podcasts?

Den Firmen geht es hauptsächlich ums Image, weniger darum, neue Kunden zu gewinnen. Dass die Leute, wenn sie das Logo dort irgendwo sehen, denken: „Hey cool, die sind modern und mit dabei.“ Das ist, glaube ich, das Wichtigste.

Viele kritisieren immer wieder, dass in den neuen Medien Journalismus und Marketing/ PR vermischt werden. Was halten Sie von diesen Vorwürfen?

Wie ich vorher gesagt habe, die strikte Trennung ist wichtig. Man muss es wirklich offen sagen, wenn etwas bezahlt ist. Wenn in einer Zeitung über einer Anzeige „Anzeige“ steht, damit sie nicht im Redaktionellen verschwimmt, sollte das in den neuen Medien genauso sein. Das wird manchmal missachtet und das finde ich sehr schlecht. Man sollte sagen, was Meinung, was Redaktion oder was Sponsoring ist. Dann wird man glaubhafter. Bei „Schlaflos in München“ gibt es nichts Bezahltes. Das ist mein Privatvergnügen. Dafür mache ich eben andere Podcasts, mit denen ich Geld verdiene. Bislang nimmt mir das niemand übel. Ich mache immer deutlich, dass dies der Podcast von Bayern 3 ist und das der von Ikea. Und dafür bekomme ich auch Geld. Das ist kein Geheimnis. Insofern denke ich, mit offenen Karten zu spielen ist wirklich das Wichtigste. Sonst verstehe ich auch, wenn die Leute irgendwann einmal sauer werden.

Noch einmal zu Horst Schlämmer – er ist vom Fernsehen ins Internet gekommen. Bei Ihnen ist es genau umgekehrt: Aus den neuen in die alten Medien. Treffen sich jetzt alle in der Mitte?

Ich denke, dass die Leute vor allem flexibler geworden sind und dass wir alle mittlerweile umgedacht haben. Wir denken nicht mehr, dass wir mit 19 beim Radio anfangen und dort bis zur Pensionierung bleiben. Journalisten sind ja in der Regel oder im besten Falle kreative Menschen und suchen einfach ständig nach neuen Ausdrucksformen. Und da ist das Internet wirklich toll, weil man ganz ohne Korsett arbeiten kann. Man hat keine Zeilenlänge vorgegeben. Man hat keine Minutenlänge wie im Radio. Man hat auch inhaltlich mehr Freiheiten und bekommt nicht eins auf den Deckel vom Chef. Ich denke, es ist einfach eine schöne Spielwiese für Journalisten. Es ist klar, dass jetzt alle darauf aufspringen. Das ist eine ganz normale Entwicklung.

Glauben Sie, dass sich Radiosender oder Fernsehsender überhaupt noch erlauben können, Web 2.0 – Formate wie Podcasts oder Weblogs zu ignorieren?

Auf keinen Fall. Letztens erst gab es ein Zitat vom Chefredakteur der New York Times. Er sagte, ob die New York Times in fünf Jahren noch in gedruckter Form gibt, wisse er nicht und es sei ihm auch egal. Das ist jemand, der begriffen hat, dass es ohne Internet einfach nicht geht. Man muss den Leuten möglichst flexibel Informationen zur Verfügung stellen. Wenn sie die Zeitung lieber auf dem Handy lesen wollen, dann sollen sie es auf dem Handy lesen. Die Inhalte sind dann ja trotzdem noch die gleichen. Sie sind von dem gleichen Journalisten recherchiert und dann in verschiedene Kanäle eingespeist. Den Trend darf niemand verschlafen, sonst wird es wirklich eng.

Welcher Podcaster ist Ihrer Meinung nach radiotauglich?

Private? Oh je, ich höre momentan wirklich wenig private Podcasts, muss ich sagen. Ich denke jetzt einfach mal laut: Wenn ich an die „Chicks on Tour“ denke – das sind zwei Sängerinnen aus München, die von ihrem Tourleben erzählen – das ist sehr schnodderig und lustig. Die kann ich mir auf einem Privatsender Samstagabends super vorstellen. Ansonsten, wenn man eher etwas seriöseres nehmen möchte, gibt es „Kilians Podkost“. Kilian ist ein ausgewanderter Deutscher, der in Japan lebt. So etwas kann ich mir bei den Öffentlich-Rechtlichen gut vorstellen – in einer Show über Ausgewanderte. Es ist bloß die Frage, wie es thematisch eingegrenzt wird. Wahrscheinlich würden beide auf höchstens zehn Minuten heruntergedrückt. Das fände ich nun wieder sehr schade. Insofern: Hauptsache ist, sie bleiben der Podcastingwelt erhalten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Kommentar verfassen