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	<title>Tempolimit &#8211; politik-digital</title>
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	<title>Tempolimit &#8211; politik-digital</title>
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	<item>
		<title>Tempolimit für den Klimaschutz</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/tempolimit-fuer-den-klimaschutz-3544/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Georg Babing]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 20 Nov 2007 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Umweltschutz]]></category>
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		<category><![CDATA[Umweltbundesamt]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="teaser">
Am Mittwoch, dem 21. November, war Andreas Troge, Präsident des Umweltbundesamtes, zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Er sprach über Energiequellen, Umweltschutz und forderte ein Tempolimit auf Autobahnen.
</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="teaser">
Am Mittwoch, dem 21. November, war Andreas Troge, Präsident des Umweltbundesamtes, zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Er sprach über Energiequellen, Umweltschutz und forderte ein Tempolimit auf Autobahnen.
</p>
<p><!--break--></p>
<p>
&nbsp;
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Liebe Umwelt- und Politik-Interessierte,<br />
herzlich willkommen im tagesschau-Chat. Der vierte Bericht des Weltklimarat<br />
ist verabschiedet und seine Aussage ist klar: Der Klimawandel kommt<br />
und möglicherweise schneller und intensiver als bislang gedacht.<br />
Im ARD-Hauptstadtstudio begrüße ich einen höchst<br />
kompetenten Gast zum Thema Klimawandel und praktischer Umweltschutz:<br />
Den Präsidenten des Umweltbundesamtes, Andreas Troge. Herzlichen<br />
Dank Herr Troge, dass Sie sich Zeit für den Chat mit den Usern<br />
von tagesschau.de und politik-digital.de nehmen. Können wir<br />
loslegen, Herr Troge?
</p>
<p>
<b>Andreas Troge:</b> Ja!
</p>
<p align="center">
<img decoding="async" src="/salon/photos/atroge85x.jpg" alt="Andreas Troge" height="120" width="85" /><br />
<i>Andreas Troge<br />
Präsident des Umweltbundesamtes</i>
</p>
<p align="left">
<b>Bummi:</b> Wie wird das Umweltbundesamt<br />
in der Bundesregierung gehört, was zählt Ihre Expertise<br />
dort?
</p>
<p>
<b>Andreas Troge:</b> Die Expertise zählt zumeist<br />
im besonderen Maße, was langfristige Wirkung angeht: Beispielsweise<br />
haben wir zum Thema Waldschäden bereits in den siebziger Jahren<br />
unsere Expertisen geliefert, kurz nach Gründung des Amtes.<br />
Im Jahre 1986 ist dies erst in praktische Politik, also in Gesetze<br />
zu Entstickung und Entschwefelung der Kraftwerke, gegossen worden.
</p>
<p>
Wir sind im Grunde die größte Bundesfacheinrichtung<br />
und unterstützen die Bundesregierung in allen fachlichen Fragen,<br />
außer Strahlenschutz / Reaktorsicherheit und speziellen Fragen<br />
des Naturschutzes. Unser Leitbild ist &quot;Für Mensch und<br />
Umwelt&quot;, wir schützen also die menschliche Gesundheit<br />
vor Umwelteinflüssen und kümmern uns um die natürlichen<br />
Lebensgrundlagen, wie es das Grundgesetz in Artikel 20 a verlangt.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das Beispiel Waldschäden: In den<br />
1970er Jahren kommen die Studien, Mitte der 1980er passiert was,<br />
ist das immer noch das Tempo der Politik?
</p>
<p>
<b>Andreas Troge:</b> Ja, wir erleben es beim Klimawandel.<br />
Die Warnungen kommen hier aus Mitte der Achtziger Jahre und wir<br />
haben erst im Jahre 1997 die völkerrechtliche Vereinbarung,<br />
das Kyoto-Protokoll, unterschrieben. Wenn ich sage &quot;wir2, dann<br />
sind das weit über hundert Staaten, von denen alle Industriestaaten<br />
Verpflichtungen eingegangen sind, ihre Treibhausgasemmissionen um<br />
durchschnittlich fünf Prozent bis 2012 gegenüber 1990<br />
zu vermindern.
</p>
<p>
Wir erleben diese langen Wirkungszeiträume in der Politik<br />
auch bei der Chemikaliengesetzgebung: Erst im letzten Jahr beschloss<br />
die Europäische Union, alle auf dem Markt befindlichen ungeprüften<br />
(über 30.000) Chemikalien daraufhin zu prüfen, ob sie<br />
der Natur und der menschlichen Gesundheit auch keine Schäden<br />
zufügen. Und das, obwohl die Wissenschaften schon lange vor<br />
Gründung des Umweltbundesamtes im Jahre 1974 die Chemikalienrisiken<br />
erkannten. Auch Politiker sind Erfahrungswesen.
</p>
<p>
<b>Klima2004: </b>Die Klimasituation hatte sich bereits<br />
2004 deutlich abgezeichnet. Schröder hatte die Klimaschutzpläne<br />
der Bundesregierung im April 2005 dennoch abgeschrieben. Warum findet<br />
die Diskussion erst 2007 statt? Geben die Lobbygruppen der Industrie<br />
das politische Handeln vor?
</p>
<p>
<b>Andreas Troge:</b> Die Lobbygruppen geben das Handeln<br />
nicht vor, denn sonst wären wir noch nicht so weit. Sie grätschen<br />
allerdings in progressive Vorschläge hinein. Klimaschutz findet<br />
in Deutschland aktiv seit Anfang der 1990er Jahre statt. Ich erinnere<br />
daran, dass der damalige Bundeskanzler Kohl gesagt hat, wir wollen<br />
die CO²-Emissionen bis 2005 um 25 Prozent gegenüber 1990<br />
senken. Dieses Ziel haben wir nicht ganz erreicht, aber wir werden<br />
unser Ziel erreichen bis 2012 alle sechs Treibhausgase zu reduzieren,<br />
und zwar um 21 Prozent. Hier ging es früh los und die neuen<br />
Beschlüsse der Bundesregierung &#8211; Stichwort Kabinettsklausur<br />
Meseberg &#8211; sind eine wesentliche Stärkung des klimapolitischen<br />
Trends.
</p>
<p>
<b>John Harris:</b> Was können wir tun, um die Macht<br />
von den Lobbys, die gegen den Klimaschutz arbeiten, zu brechen?
</p>
<p>
<b>Andreas Troge:</b> Indem man mit den Lobbys nicht<br />
umgeht nach dem Sumoringer-Prinzip, sondern nach dem JiuJitsu-Prinzip,<br />
also nicht Kraft gegen Kraft, sondern mit der Kraft wirken. Symptomatisch<br />
ist hier die europäische Automobilindustrie das Beispiel. Die<br />
Märkte der europäischen und der weltweiten Autoindustrie<br />
liegen in der Motorisierung sich stark entwickelnder Länder.<br />
Die Motorisierung läuft dort ähnlich ab wie bei uns in<br />
den 1950er Jahren, kleine verbrauchsarme Autos machen die Massenmotorisierung<br />
aus.
</p>
<p>
Ein Automobilangebot, das auf Surpreme-Fahrzeuge setzen würde,<br />
kickte sich aus dem Weltmarkt weitgehend heraus. Deshalb ist die<br />
Botschaft des Klimaschutzes: Wer zukünftig Geld verdienen will,<br />
muss energiesparsame Produkte anbieten, sonst ist er vom Markt weg.<br />
Schönes Beispiel sind die erneuerbaren Energien. Deutschland<br />
hat 1990, als noch ein gewisser Herr Töpfer Umweltminister<br />
war, ein Stromeinspeisegesetz für Windenergien beschlossen.<br />
Dann kam das Erneuerbare-Energien-Gesetz in den 1990ern, setzte<br />
auf das alte Stromeinspeisegesetz auf und heute haben wir hoch effiziente<br />
Windenergieanlagen. Ohne diesen Vorlauf wären wir heute nicht<br />
Weltmarktführer und Exportweltmeister in Windenergieanlagen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Ein bisschen provokativ gefragt:
</p>
<p>
<b>Ruupe:</b> Die Prognosen lauten auf einen Energiebedarf<br />
von weiteren circa 50 Prozent in den kommenden Jahren. Um wie viel<br />
lässt sich dieser weltweite Mehrbedarf reduzieren, wenn ich<br />
Energiesparlampen reindrehe?
</p>
<p>
<b>Andreas Troge: </b>Das ist das typische Argumentationsmuster,<br />
das wir in jeder Politik, nicht nur in der Klimapolitik, haben.<br />
Welchen Teil macht mein möglicher Beitrag zum Gesamtziel aus?<br />
Jeder Beitrag ist nur klein, aber setzt auch Vorbilder für<br />
andere und regt zum Nachahmen an. Insbesondere dann, wenn man mit<br />
Energiesparlampen, rechnet man Einkaufspreis und Strom zusammen,<br />
richtig Geld sparen kann. Wie ich es gestern mal wieder in einer<br />
Talkrunde gehört habe: &quot;Warum ist der Flugverkehr im Klimaschutz<br />
so wichtig, da doch die Kohlekraftwerke viel mehr Co² ausstoßen?&quot;
</p>
<p>
Jetzt wird es für mich wichtig: Die Klimaänderung ist<br />
eine so große Bedrohung, dass wir gar nicht mehr fragen dürfen:<br />
&quot;Tun wir dieses oder jenes?&quot;, sondern uns aufraffen müssen,<br />
alles zu tun, was in unseren Kräften steht. Also weniger Kohlekraftwerke,<br />
weniger Treibhausgase aus dem Flugverkehr, sparsamere Autos, gedämmte<br />
Autos und gedämmte Häuser.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Wir haben ja vor dem Chat wie immer<br />
Fragen gestellt: Das hier war die am höchsten bewertete:
</p>
<p>
<b>AGER e.V.</b>: In Deutschland sind mehr als 20 neue<br />
Kohlekraftwerke geplant. Der Co²-Ausstoß wird immens<br />
sein. Warum erlaubt die Regierung den Bau dieser Kraftwerke? Sind<br />
diese Emissionen in der aktuellen Co²-Kalkulationen für<br />
Deutschland schon enthalten? Wenn nicht, wären es zusätzliche<br />
Emissionen? Wo würde das Co² eingespart werden?</p>
<p><b>Andreas Troge:</b> Erstens: Nach meiner Kenntnis sind<br />
momentan neun Kraftwerke, davon drei Gaskraftwerke, geplant oder<br />
in Bau, die bis zum Jahr 2012 ans Netz gehen. Es gibt andere Zahlen,<br />
die reden von 20 &#8211; 40 Kraftwerken. Dabei handelt es sich bei diesen<br />
anderen höheren Zahlen um bloße Absichtserklärungen,<br />
die bei der deutschen Netzagentur angemeldet werden.
</p>
<p>
Warum verhindert die Bundesregierung keine Kohlekraftwerke? Die<br />
einfache Antwort wäre, jeder, der ein Kohlekraftwerk haben<br />
möchte, kann eines bauen, falls er die Anforderung nach dem<br />
Imissionsschutzrecht und die örtlichen Voraussetzungen erfüllt.<br />
Also genügend Kühlwasser, Zufahrtsmöglichkeiten und<br />
die Beachtung der Lärmbelästigung. Trotzdem regulieren<br />
die Bundesregierung und die Europäische Union Kohlekraftwerke,<br />
aber aus einer ganz anderen Ecke, nämlich über den Emissionshandel.<br />
Der Emissionshandel beschränkt die Menge der jährlich<br />
aus Kraftwerken ausgestoßenen Kohlendioxidemission.
</p>
<p>
Man muss sich das so vorstellen: Ein großes Kraftwerk erhält<br />
ein Emissionszertifikat, also eine Berechtigung Emissionen auszustoßen<br />
(beispielsweise 2,5 Millionen Tonnen). Diese Menge hat die Bundesregierung<br />
jetzt herabgesetzt, um 57 Millionen Tonnen für Gesamtdeutschland.<br />
Das bedeutet beispielsweise, dass ein Kraftwerk nicht mehr zwei<br />
Millionen Tonnen für ein Jahr bekommt, sondern 1,9. Das heißt,<br />
es muss, wenn es weiterhin zwei Millionen ausstoßen wollte,<br />
sich von einem anderen Kraftwerk Emissionsberechtigungen kaufen<br />
in Höhe von 100.000 Tonnen. Das macht Kohle teuer.
</p>
<p>
Zweitens wird ab 2013 aller Voraussicht nach kein Zertifikat, keine<br />
Emissionsberechtigung, mehr unentgeltlich vom Staat an die Stromerzeuger<br />
gegeben, sondern nur noch gegen Entgelt. Der Preis für die<br />
2008er Zertifikate liegt zur Zeit zwischen 21 und 23 Euro pro Jahrestonne<br />
Co². Das heißt, wer Kohlendioxid ausstößt,<br />
muss die immer knapper werdenden Zertifikate zu immer höheren<br />
Preisen kaufen. Das macht Kohle immer weniger konkurrenzfähig<br />
und zwar aus Klimaschutzgründen, so dass die Antwort auf die<br />
Frage heißt: Die Bundesregierung regelt nicht das einzelne<br />
Kraftwerk, sondern die Gesamtmenge des Kohlenstoffdioxidausstoßes<br />
aller Kraftwerke. Welches Kraftwerk wie stark Strom produziert,<br />
hängt dann von den wirtschaftlichen Überlegungen der einzelnen<br />
Kraftwerksbetreiber ab. Den Umweltschützern kommt es aber auf<br />
eines an: Mit der Co²-Menge pro Jahr, die wir ausstoßen,<br />
muss es runter gehen, egal wo Co² herkommt und aus welchem<br />
Kraftwerk.
</p>
<p>
Meine Prognose ist, jeder Investor ist heute schlecht beraten,<br />
ein Kondensationskraftwerk neu zu bauen, also ein Kraftwerk, das<br />
nur Strom produziert und die Wärme in die Umwelt entlässt,<br />
weil diese Kraftwerke pro Kilowattstunde viel Co² ausstoßen<br />
und wertvolle Zertifikate brauchen, die man sonst am Markt verkaufen<br />
könnte oder nicht kaufen müsste. Kohlekraftwerke haben<br />
eine Zukunft als dezentrale, relativ kleine Kraftwärmekopplungsanlagen.
</p>
<p>
<b>Smallville:</b> Bezogen auf die Frage mit den Kraftwerken:<br />
Wurden bei der Einführung des Emissionshandels nicht erhebliche<br />
Fehler gemacht? Schließlich liegt der Preis pro Tonne Co²<br />
aktuell bei gerade mal fünf Cent?
</p>
<p>
<b>Andreas Troge:</b> Ja und Nein. Ja deshalb, weil wir<br />
rückblickend sagen können, dass zuviel Zertifikate vor<br />
allem auch noch kostenlos verteilt worden sind. Nein, weil damals<br />
niemand wusste, wie viel Co²die einzelnen Kraftwerke ausstießen.<br />
Und nein auch deshalb, weil es damals (im Jahre 2003/2004) überhaupt<br />
um die Frage ging, einen Emissionshandel einzuführen. Denn<br />
die Ausgangslage hieß, jedes Kraftwerk durfte unentgeltlich<br />
so viel Co² ausstoßen, wie es wollte &#8211; und betrachtete<br />
dies als sein Eigentumsrecht. Plötzlich kam der Staat und sagte<br />
&quot;Du darfst das nicht mehr unbegrenzt ausstoßen, Kraftwerksbetreiber&quot;<br />
und da war es klug, zwei Dinge zu tun: Erstens: die Menge nicht<br />
allzu sehr zu verkürzen, die jährliche Emissionskraft<br />
nicht zu sehr zu verkürzen, weil der Widerstand sonst enorm<br />
gewesen wäre. Und zweitens: die Zertifikate auch unentgeltlich<br />
zu verteilen.
</p>
<p>
Jetzt ist die Situation eine andere: Das Umweltbundesamt weiß<br />
genau, wie viel Co² die Kraftwerke pro Jahr ausstoßen.<br />
Und wir wissen also genau, wenn wir diese Gesamtmenge um zehn oder<br />
20 Prozent reduzieren, was dieses für Kraftwerke bedeutet und<br />
was für Größenordnungen das sind. Im Schritt von<br />
2007 zu 2008 gibt es 57 Millionen weniger Erlaubnisse, Co²<br />
zu emittieren. Das heißt, der Preis steigt und jetzt können<br />
wir aus diesem Gelernten herangehen: Wir als Umweltbundesamt empfehlen<br />
der Bundesregierung in jedem Jahresschritt (Emissionshandelsperiode)<br />
um gut 50 Millionen weitere Tonnen herunterzugehen, was die Gesamtemissionen<br />
an Co² angeht.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Sie haben gerade den Investoren von<br />
Kohlekraftwerken einen guten Rat gegeben &#8211; wie ist das Echo aus<br />
der Industrie? Wird dieser Rat angenommen? Die medialen Proteste<br />
der Stromkonzerne aus der letzten Zeit sprechen da eher dagegen.
</p>
<p>
<b>Andreas Troge:</b> Ein Rat wird erst angenommen, wenn<br />
man im Grunde mit dem letzten Finger am Brunnenrand hängt.<br />
Will heißen, solange die Europäische Union &#8211; das will<br />
sie Anfang des Jahres machen &#8211; nicht den Entwurf einer neuen Emissionshandelsrichtlinie<br />
vorgelegt haben wird, werden die Co²-Emittenten ihre Lobbyposition<br />
verteidigen. Das ist das übliche Geschäft.
</p>
<p>
Ich bin dennoch guten Mutes, dass die kaufmännische Einsicht<br />
darin, wie teuer Kohlekraftwerke sind, die nur Strom produzieren<br />
und nicht gleichzeitig Wärme, dazu führen wird, das viele<br />
Kraftwärmekopplung machen. Weil nur dies im europäischen<br />
Rahmen wettbewerbsfähige Strompreise bringt. Die Industrie<br />
hat das lange erkannt. Sie baut nämlich praktisch ausschließlich<br />
Kraftwärmekopplung, sei es mit Kohle, sei es mit Gas. Deshalb<br />
ist es wichtig, dass die Bundesregierung jetzt mit einem neuen Kraftwärmekopplungsgesetz<br />
diese Tendenz in Richtung Kraftwärmekopplung stärkt und<br />
auch Industrieanlagen, die nicht das öffentliche Stromnetz<br />
bedienen, mit einbezieht.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zur beliebten Tempolimit-Debatte:
</p>
<p>
<b>hanswurschd:</b> Warum wird immer der Pkw-Fahrer verteufelt<br />
und soll Schuld an allem sein, speziell der Dieselfahrer?
</p>
<p>
<b>Hacken:</b> Macht ein Tempolimit auf Autobahnen Sinn,<br />
um das Klima zu schützen, oder ist der Preis eines Tempolimits<br />
zu hoch, um einen zu geringen Anteil der Co²-Ausstöße<br />
zu verhindern?
</p>
<p>
<b>Andreas Troge:</b> Zum ersten Aspekt: Niemand verteufelt<br />
Pkw-Fahrer oder Dieselfahrer, sondern wir fragen ganz vernünftig<br />
nicht nach Schuld, sondern nach dem möglichen Beitrag zum Klimaschutz.<br />
Richtig ist, dass das Bundesumweltamt weniger die öffentliche<br />
Debatte, sondern alle Co²-Quellen im Blick hat &#8211; übrigens<br />
schon im September 2005 umfangreich publiziert (auf der Internetpräsenz<br />
des Umweltbundesamtes finden sich 21 Thesen zum Thema &quot;Klimaschutz<br />
im 21. Jahrhundert&quot;). Ich sage nur zwei Dinge: Wir brauchen<br />
alle Beiträge möglichst schnell, um mit den Treibhausgasemissionen<br />
herunterzukommen.
</p>
<p>
Denn die internationale Wissenschaftsgemeinde sagt, wir müssen<br />
die nächsten fünfzehn Jahren nutzen, um einen Temperaturanstieg<br />
um mehr als zwei Grad global bis Ende des Jahrhunderts zu vermeiden.<br />
Beim Diesel geht es um alle Diesel, Pkw, Lkw, Bahn, Schiffe &#8211; überall<br />
muss der Ruß verringert werden. Manches können wir in<br />
Europa (Pkw, Lkw), manches können wir allein in Deutschland<br />
(Bahn), manches können wir nur im Rahmen der UN (Schiffe).<br />
An allem sind wir dran (die Bundesregierung).
</p>
<p>
Was bringt das Tempolimit auf Autobahnen? Es bringt nach unseren<br />
(allerdings etwas alten Berechnungen) etwa drei Millionen Tonnen<br />
weniger Co² pro Jahr in Deutschland. Bei Tempo 120, bei Tempo<br />
130 vermutlich etwas weniger. Zum Vergleich: Das Gebäudesanierungsprogramm<br />
der Kreditanstalt für Wiederaufbau zum Energiesparen in unseren<br />
Wohnungen brachte im letzten Jahr knapp eine Million Tonnen.
</p>
<p>
Auch hier gilt: Jeder Beitrag zählt. Insbesondere weil jede<br />
Erneuerung langlebiger Güter wie Häuser (100 Jahre Lebenserwartung),<br />
wie Autos (12 Jahre Lebenserwartung) sehr lange braucht, bis die<br />
energiesparenden Güter den jeweiligen Bestand prägen.<br />
Also, wir brauchen etwa zwölf Jahre ab 2012 gerechnet, bis<br />
alle Pkw im Durchschnitt nur noch 130 Gramm Co² pro Kilometer<br />
ausstoßen.
</p>
<p>
Ein Tempolimit wirkt (nachdem sich die Fahrerinnen und Fahrer an<br />
intensivere Geschwindigkeitskontrollen gewöhnt haben), etwa<br />
schon nach zwei bis drei Jahren. Und beim Tempolimit nicht zu vergessen:<br />
Wer weiß, dass er nicht mehr als 120 oder 130 fahren darf<br />
und bei 150 bis 160 richtig Punkte und Fahrverbote bekäme,<br />
kommt vielleicht auf die Idee, dass das nächste Auto nicht<br />
unbedingt über 200 fahren muss &#8211; und schon deshalb (geringere<br />
Motorisierung, leichtere Bauweise) viel weniger Sprit als das Hochleistungsauto<br />
braucht.
</p>
<p>
<b>Moderator</b>: Zur Frage der Kontrolle ein Kommentar<br />
von:
</p>
<p>
<b>ingmar:</b> Ich habe Angst vorm Tempolimit &#8211; nicht<br />
weil ich dann nicht mehr rasen kann, das werde ich immer noch können.<br />
Angst habe ich vor der Technik, die das Tempolimit kontrollieren<br />
werden wird (siehe momentane Diskussion um Kennzeichenerfassung).
</p>
<p>
<b>Andreas Troge: </b>Wenn Sie sich ans Tempolimit halten,<br />
haben Sie ja keine Personenkontrolle zu fürchten.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zum Tempolimit: Wird die öffentliche<br />
Diskussion von Seiten der Politiker fair geführt? Eigentlich<br />
sollte man meinen: &quot;Zahlen lügen nicht&quot;?
</p>
<p>
<b>Andreas Troge:</b> Soweit Politik überhaupt fair<br />
ist, wird die Diskussion fair geführt. Ich gestehe ja auch<br />
freimütig: Leider sind die Zahlen die wir aus dem Verkehrsministerium<br />
haben von 1993. Wir argumentieren mit alten Zahlen, weil es leider<br />
keine neue amtliche Statistik oder amtliche Erhebung gibt. Nämlich<br />
erstens, wie lang sind die Strecken ohne Tempolimit auf deutschen<br />
Autobahnen? Zweitens: Wie viel Fahrstrecke passiert auf diesen Autobahnabschnitten?<br />
Und drittens: Wie viele Autos fahren über 120, über 130,<br />
über 150 und welche Autos sind dies? Wir stoßen jetzt<br />
gerade eine neue Untersuchung an und können dann berechnen,<br />
wie viel Co² ein Tempolimit von 130 oder 120 erbrächte.<br />
Meine Erwartung: Weil die Autobahnen immer mehr Verkehr anziehen<br />
und die Fahrzeuge immer mehr PS unter der Motorhaube haben, dürfte<br />
die Tendenz des Co²-Ausstoßes aus Pkw heute eher nach<br />
oben denn nach unten gehen.
</p>
<p>
<b>Smallville:</b> Zum Tempolimit: Aber es gibt doch<br />
auch andere Länder mit Tempolimit (USA) und dort werden trotzdem<br />
Autos gekauft und gebaut, die deutlich schneller fahren können.<br />
Ist es nicht blauäugig zu denken, dass man die Menschen so<br />
zu einem anderen Verhalten anregt?
</p>
<p>
<b>Andreas Troge:</b> Blauäugig nicht. Der Umstand,<br />
dass schnell fahrende Fahrzeuge auch in den USA zugelassen sind,<br />
zeigt ja im Grunde, dass unser Premium-Sortiment bei schnellen und<br />
starken Fahrzeugen nicht davon abhängt, dass wir freie Fahrt<br />
auf deutschen Autobahnen zulassen. Wir sind Gewohnheitstiere. So<br />
lange wir daran gewöhnt sind, jede Geschwindigkeit zu fahren,<br />
die das Auto hergibt, werden wir dies auch immer mal tun. Und dieses<br />
„immer mal“ führt dazu, dass die Geschwindigkeitsdifferenzen<br />
zwischen langsamen und schnellen Fahrzeugen (Pkw) auf den Autobahnen<br />
größer werden. Weil diese Geschwindigkeitsdifferenzen<br />
größere Abstände brauchen, sinkt damit die Aufnahmekapazitäten<br />
der Autobahnen. Dies drängt zu Ausbau und Neubau.
</p>
<p>
Wer also die natürlichen Lebensgrundlagen schonen will, sollte<br />
für einen gleichmäßigeren Verkehr auch auf unseren<br />
Autobahnen plädieren. Vor allen Dingen deshalb, weil damit<br />
das Risiko von Unfällen mit Todesfolge oder schweren Verletzungen<br />
um etwa einen Drittel abnimmt. Wir werden uns an das Gleichmäßige<br />
gewöhnen, wie uns viele deutsche Schnellfahrer erklären,<br />
die mal einige Monate in den USA lebten.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Den zweiten Teil der Frage haben Sie<br />
ja schon beantwortet, aber der erste Teil ist noch offen:
</p>
<p>
<b>KeinRaser:</b> Ist die Forderung nach einem Tempolimit<br />
gerade in Deutschland nicht superschwierig durchzusetzen? Was würde<br />
das Limit für die Umwelt bringen?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Prognostizieren Sie doch mal: In welchem<br />
Jahr kommt das Tempolimit?
</p>
<p>
<b>Andreas Troge</b>: Also ich habe Zeit. Das Umweltbundesamt<br />
fordert dies seit mehr als fünfzehn Jahren. Ich rechne in den<br />
nächsten fünf Jahren damit.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Weil es auch in unserem Einführungstext<br />
stand: Zurück zur Kohle und Akw-Diskussion:
</p>
<p>
<b>emjay:</b> Es wird immer gern die Kernenergie als<br />
alternative klimafreundliche Energie angegeben. Dabei handelt es<br />
sich bei der Annahme, wie viel spaltbares Material tatsächlich<br />
abbaubar ist, nur um grobe, vielleicht auch zu optimistische Schätzungen.<br />
Womit sollen wir aber heizen / PCs betreiben et cetera?
</p>
<p>
<b>Andreas Troge:</b> Eine Faustregel, die wir seit einigen<br />
Jahren als ein Ziel im Umweltbundesamt vorgeschlagen haben: Bis<br />
2050 50 Prozent weniger Primärenergieverbrauch durch Energieeffizienz<br />
und hiervon 50 Prozent Anteil erneuerbare Energien, Restgas und<br />
Kohle. Das würde uns erlauben, die Kohlenstoffdioxidemissionen<br />
in Deutschland um 80 Prozent gegenüber 1990 zu senken. Wie<br />
es bereits die Enquete-Kommission „Vorsorge zum Schutz der<br />
Erdatmosphäre“ 1989 öffentlich formulierte: Es gibt<br />
noch Konstanz in der Entwicklung.
</p>
<p>
Wer auf Kernenergie setzt, der sagt im Grunde, wir machen nur noch<br />
&quot;Umweltschutz ist Klimaschutz&quot;. Kernenergie hat aber Strahlenrisiken,<br />
durch im Betrieb normale Unfälle, durch Terroranschläge<br />
(also vorsätzliche Unfälle &#8211; ich hoffe, so etwas kommt<br />
nie) und letztlich durch die Frage &quot;Was machen wir mit den<br />
Abfällen?&quot;. Eine Frage, die wir in Deutschland noch nicht<br />
beantwortet haben.
</p>
<p>
Wir müssen aufpassen, dass wir mit der weiteren Nutzung von<br />
Kernenergie das Klimarisiko nicht durch das Strahlenrisiko ersetzen.<br />
Um ein Beispiel zu geben: Eine mit Biomasse betriebene Kraftwärmekopplung<br />
hat ähnlich niedrige Kohlendioxidwerte wie ein Kernkraftwerk.<br />
Und in der weltweiten Betrachtung gilt vor allem: Wer Kernenergie<br />
weltweit durch Zubau von Kraftwerken nutzen will (wir haben jetzt<br />
etwa 440) müsste schon in Größenordnungen von etwa<br />
1000 kommen. Die Uranreserven hierfür wären zu erschließen,<br />
mit dem Effekt wesentlich höherer Kosten. Und sie würden<br />
nicht reichen, denn wir müssten dann in die Wiederaufarbeitung<br />
gehen. Die Wiederaufarbeitung ist einer der chemisch und energetisch<br />
intensivsten Prozesse, die wir kennen. Anders formuliert: Die Verallgemeinerung<br />
der Kernenergie zum Klimaschutz lässt nicht nur das Strahlenrisiko<br />
wachsen, sondern auch das Klimaproblem.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Noch mal aus dem unserem &quot;Warteraum&quot;<br />
ganz konkret zum Thema Auto:
</p>
<p>
<b>ReneWabel:</b> Elektroautos bzw. Plug-In-Fahrzeuge<br />
&#8211; Wie kann man die Marktdurchdringung unterstützen?
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<b>Andreas Troge:</b> Ich darf zunächst mal sagen,<br />
bei Elektroautos sind wir beim Umweltbundesamt sehr optimistisch,<br />
dass wir im nächsten Jahr bei Lithium-Ionen-Akkus vorankommen.<br />
Die sind zu begünstigen beispielsweise durch eine Kraftfahrzeugssteuer,<br />
die sich neben den üblichen Schadstoffen auf den Co²-Ausstoß<br />
der Fahrzeuge bezieht. Gleiches gilt übrigens für eine<br />
zweite hoffnungsstimulierende Entwicklung, nämlich den Gasantrieb<br />
mit Hilfe biogenerzeugten Gases. Hier haben wir mit der Markteinführung<br />
von Erdgasautos und Tankstellen schon eine gewisse Infrastruktur<br />
geschaffen, die auch von Biogas zu nutzen ist.
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Nicht zuletzt deshalb ist es ein Fortschritt, dass die Bundesregierung<br />
die Einspeisung von Biogas ins Erdgasnetz fördern will. Denn<br />
man muss ja nicht rein Bio fahren, sondern kann das auch gemischt<br />
machen. Vorteil der Biogasverwendung: Man kann die bisherigen Antriebe<br />
weitgehend nutzen und ich sagte eingehend: Was schnell geht, nutzt<br />
dem Klimaschutz doppelt.
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<b>Moderator:</b> Mal ab von der Treibhausgas-Debatte:<br />
Welche Umweltthemen werden in der Öffentlichkeit zu wenig diskutiert?
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<b>Andreas Troge:</b> Zu wenig wird all das diskutiert,<br />
was uns aus der Umwelt krank macht. Lärm, Chemikalien in den<br />
Innenräumen und Feinstaub. Zu wenig diskutiert wird das Thema<br />
biologische Vielfalt, weil die Vielfalt des uns umgebenden Lebenden<br />
unsere eigene Existenz darstellt. Nur wenn wir Vielfalt haben, gleichen<br />
sich Risiken in unseren Lebensbedingungen aus und wir haben die<br />
Möglichkeit unser Leben (am Ende der Nahrungskette stehend)<br />
hierauf auszubauen.
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Ein weiteres wichtiges Thema scheint mir das Thema &quot;Die Flächennutzung<br />
für Siedlung und Verkehr&quot; zu sein. Denn dieses haben wir<br />
noch nicht als Problem begriffen. Wir brauchen heute etwa 118 Hektar<br />
für Siedlung und Verkehr zusätzlich. Die Bundesregierung<br />
hat das Ziel, diesen Zusatzbedarf bis 2020 auf dreißig Hektar<br />
pro Tag zu drücken. Das bedeutet, wir müssen uns in unsere<br />
angestammten Siedlungsgebiete zurückziehen, um der Mitgeschöpflichkeit<br />
mehr Entfaltungsraum zu lassen. Denn das Besondere der biologischen<br />
Vielfalt ist, wir müssen sie praktisch um ihrer selbst schützen.<br />
Und logisch deshalb, weil wir nicht wissen, was sie uns –<br />
zukünftig &#8211; nutzen kann. Nicht, was sie uns heute nutzen kann,<br />
sondern die Nutzungsoption. Auch hier werden wir es ähnlich<br />
haben, wie beim Klimaschutz: Wirtschaftliche Erwägungen werden<br />
uns in die richtige Richtung bringen. Bei abnehmender Bevölkerung<br />
stellt sich nämlich die Frage, ob diese auf immer mehr Fläche<br />
verteilt werden sollte, denn pro Kopf stellen sich die Infrastrukturkosten<br />
(Wasser, Abwasser, Gas, Strom, öffentlicher Personennahverkehr)<br />
progressiv.
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<b>Moderator:</b> 60 Minuten tagesschau-Chat sind leider<br />
schon wieder vorbei. Vielen Dank Herr Troge, dass Sie ins ARD-Hauptstadtstudio<br />
gekommen sind. Das tagesschau-Chat -Team wünscht noch einen<br />
schönen Abend!
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<b>Andreas Troge:</b> Herzlichen Dank!</p>
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