ein dominantes Thema in
den Mittelpunkt rücken.
Alte Techniken, neue
Technologie
Personalisierung, Emotionalisierung, Visualisierung, Ereignismanagement und
Themenmanagement: das sind alte Techniken für diese Kampagnen mit neuen Schlagworten.
Wirklich neu ist die Verbindung mit High-Tech: satellitengestützter elektronischer
Kommunikation, einem schrumpfenden Nachrichtenzyklus und Sofortzugriff auf
immense Informationsmengen. Dabei beschränkt sich die Medienkampagne längst
nicht nur auf die TV-gerechte Inszenierung oder das fixe Verteilen von O-Tönen
über Audio-Servicenummern für Radiojournalisten. Der Computer erleichtert
die Organisation durch gleichzeitige Briefings regionaler Mitarbeiter, er
ermöglicht Blitzumfragen, Direktmarketing durch Telefonaktionen aus dem Call-Center
und Massensendungen, er ermöglicht Web-Wahlkampf und Videoclips von Kandidaten,
die übers Internet an jeden PC gelangen. Ebenso erlaubt er umfassende Gegnerbeobachtung
("Opposition Research") und schnelle, korrektive Reaktion ("rapid reponse",
"rebuttal"). Die Folge: Das Tempo wird schneller, der Stil härter, die Methoden
direkter. Rhythmus und Puls des Wahlkampfes folgen den Kandidaten ins öffentliche
Amt.
Und je schneller die
erzielten Umdrehungen, desto mehr Begeisterung lösen die atemlosen Macher
aus. "Speed kills" – dieses Wort aus dem Mund von Bill Clintons Ex-Strategen
George Stephanopoulos und James Carville haben viele Kampagneros zu ihrem
Motto gemacht: Schnelligkeit in Aktion und Reaktion gilt inzwischen als ultimatives
Symbol der Professionalität. Bei zu hohem Tempo aber, das sollte jeder schon
in der Fahrschule gelernt haben, kann man in wenigen Augenblicken die Kontrolle
über das Steuer verlieren. "Speed kills" – das ist ein sehr doppeldeutiges
Motto. Leider zu oft unverstanden. Tempo und Timing mit Professionalität zu
verwechseln, ist nur ein häufiger Fehler.
Eine Strategie – egal
für was – heißt zunächst einmal, einen Kampagnen-Plan
zu haben. Ohne einen eindeutig fixierten Plan wird es sehr viel schwieriger,
dabei auf klarem Kurs zu bleiben. Sowohl Events, Bürgeraktionen und Medienarbeit
wie auch der zeitliche Verlauf der Kampagne, die Mitarbeiter und die Finanzen
wollen minutiös geplant sein.
Botschaft, Medien,
Adressat und Timing
Worum es geht, ist eine Grundausrichtung und ein Grundthema. Eine Grundausrichtung,
die das eigene Ziel klar benennt, eine Art Kompass. Und ein Grundthema, auf
das man immer und immer wieder zurückkommt, das stur wiederholt wird, bis
es der letzte kapiert hat.
Die Botschaft – das ist
das eine Grundthema, die zentrale Aussage der Kampagne. Diese Botschaft zu
entwickeln, ist nicht einfach. Sie ist das Ergebnis intensiver Diskussion
von Recherchen und Forschungsergebnissen, bei denen das Wahlterrain sondiert
wird, Meinungsumfragen konsultiert und die eigenen Stärken sowie die Unterschiede
zum gegnerischen Lager analysiert werden.
Zwei, drei Sätze sollten
am Ende genügen, um die Antwort auf die Frage zusammenzufassen: Warum soll
ich euch wählen? Was die Botschaft nicht tun darf: Sie darf keine der notwendigen
eigenen Wählerblöcke in der anvisierten Allianz der Unterstützer vergrätzen.
Und sie darf kein Klischee sein, ein künstlicher, abgegriffener Allgemeinplatz.
Was die Botschaft auf
jeden Fall tun muss: Das Maximum aus den eigenen Stärken und den Schwächen
des Gegners herausholen. Die Botschaft muss "groß genug" sein. Wahlen werden
mit großen Themen und großen Kontrasten gewonnen – Krieg oder Frieden, Wohlstand
oder Wirtschaftskrise. "Politische Kampagnen sind Musik", heißt es, "und immer
ist die Tuba lauter als die Klarinette."
Grünnasen und Lilaohren
Eine Kampagne kann niemals alle Menschen gleichermaßen erreichen. Die Ressourcen
sind begrenzt; es gibt niemals genug Leute, die Infostände besetzen oder Telefonlisten
abtelefonieren, es gibt niemals genug Geld, um noch mehr Hörfunkspots oder
Zeitungsanzeigen zu schalten. Also muss sich die Kampagne konzentrieren, und
zwar auf die Gruppen der aktiven Unterstützer und der möglichen Wechsler.
Der legendäre Politik-
und Unternehmensberater Matt Reese, einer der Väter des modernen Wahlkampfmanagements
in den USA, nervte seine Kandidaten, seine Wirtschaftsklienten und seine Studenten
immer wieder mit seinem Konzept der "Grünnasen" und "Lilaohren". "Ich habe
immer davon geträumt, dass man den Menschen äußerlich ansehen kann, wie sie
politisch denken. Diejenigen, die ich nur dazu antreiben muss, etwas für mich
zu tun, müssten grüne Nasen haben. Und diejenigen, denen ich Argumente füttern
muss, damit sie ihre Unentschiedenheit überwinden, müssten lila Ohren haben.
Dann wüsste ich immer auf einen Blick, wen ich wie ansprechen muss."
"Grünnasen" und "Lilaohren"
sind danach tatsächlich die einzigen Gruppen, für die eine Kampagne Geld ausgeben
und Mühe verwenden darf. Aber was ist mit den anderen – sollte man nicht auch
diejenigen zu überzeugen versuchen, die mehr oder minder fest im anderen Lager
sind? Oder diejenigen zu mobilisieren versuchen, die sich bisher politisch
nie beteiligt haben? Die professionelle Antwort: absolut nein. Solche Konsequenz
erst macht Strategie aus.
Targeting
Aus dieser Konsequenz entsteht Targeting (engl. Target = Ziel), das Erfassen
und Bedienen der gewünschten und notwendigen Zielgruppen, die wir geographisch
und demographisch verorten können. Die Faustregel: Sechs bis zehn Zielgruppen,
um die man sich intensiv oder vielleicht ausschließlich kümmert.
Direktmarketing unter
Erfassung von einzelnen Personendaten (Individual-Targeting) ist aufwändig
und teuer, weil es gut gepflegte Datenbanken erfordert, die nur kommerzielle
Adressenhändler anbieten – in den USA gibt es darunter sogar Politik-Daten-Spezialisten.
Aggregat-Targeting hingegen ist jederzeit auch als Bordmittel möglich: nämlich
mit Hilfe der offiziellen Wahlstatistik, also einem Aggregat aus Daten, das
nicht weiter bis hinunter zu einzelnen Haushalten oder Personen aufgeschlüsselt
werden kann. Wahlbezirk für Wahlbezirk, Straßenzug für Straßenzug weist die
Statistik aus, wie jeder noch so kleine Ort in der Vergangenheit abgestimmt
hat – wo die Hochburgen liegen, vor allem aber wo die Wechselwähler und Stimmensplitter
wohnen, und wie hoch die Wahlbeteiligung jeweils war. Das sind eminent wichtige
Informationen, und sie sollten eigentlich genau ausgewertet werden, um bei
jeder Kampagne die "Grünnasen" und "Lilaohren" früh zu verorten.
Immer wieder kommen gute
Polit-Manager zurück zu Zahlen und zum Zählen. Wahlkampfberaterlegende Matt
Reese meinte, dieses Gebot gehöre in Stein gemeißelt: "Wenn du es nicht zählen
kannst, tu’s besser nicht. Wenn du es zählen kannst, und du tust es nicht,
schäm dich: Du weißt nicht, was du bisher erreicht hast, du weißt nicht, was
funktioniert hat und was nicht, was in die Hose gegangen ist und was nicht."
Negativkampagnen
Wahlkämpfe und andere politische Kampagnen sollen dem Wähler eine Chance bieten,
sich über politische Köpfe, Themen und Argumente zu informieren. Darüber hinaus
suchen Wahlkämpfer und andere Kampagneros – völlig legitim – die Auseinandersetzung
mit dem Gegner. Kampagnen übertreiben, vergröbern, polemisieren und verhöhnen.
Diese geplante Konfrontation erfüllt einen klaren Zweck, nämlich Zweifel am
Gegner zu wecken.
Vor einigen Jahren noch
sprachen Wahlkampfprofis von der Faustregel, während der ersten Monate einer
Kampagne eine positive Grundlage zu schaffen, bevor man sich auf Schmutzgefechte
mit dem Gegner einließ. Das Rezept hat inzwischen seine Gültigkeit verloren.
Sogar Regierende neigen dazu, aus der Position relativer Stärke ihre Herausforderer
frontal anzugreifen, statt sie zu ignorieren.
Negative Botschaften
kommen an. Sie erregen zwar Unmut, aber das ist erst einmal irrelevant: Die
Menschen nehmen diese Art der Information auf, sie absorbieren sie. Besonders,
wenn sie durch Symbole, Schlagworte und Emotionen übermittelt wird.
Auch mit Fakten lässt
sich lügen. Man kann ehrlich sein, aber zugleich unfair. Das systematische
Graben nach verwertbarem Kontrast-Material (Profis sprechen von "Opposition
Research") ist legitim. Entscheidungen und Versprechungen des Gegners, seine
Geldquellen und Unterstützer werden genauso unter die Lupe genommen, wie sein
Abstimmungsverhalten oder seine Bereitschaft zur Auseinandersetzung.
Wer den Grundsatz missachtet,
Vorwürfe zu belegen und mit Details zu unterfüttern, tut das auf eigene Gefahr.
Die schnelle Reaktion mit überraschendem Gegenangriff kann zum Desaster für
den ursprünglichen Angreifer werden. Smarte Kampagnenmacher locken den Gegner
darum, an falscher Stelle zur falschen Zeit loszustürmen. Ein gefährlicher
Hinterhalt.
Keine Verpackung ohne
Inhalt
Und die Inhalte? Amateure – und manchmal leider auch Profis – glauben gern:
"Wahlen werden nicht mit Inhalten gewonnen." Die schöne neue Welt der kampagnenorientierten
Politik funktioniert aber nicht ohne Inhalte. Gewiss, Positionen werden ausführlich
demoskopisch vermessen, strategisch clever eingesetzt und virtuos verpackt,
aber es sind letztlich konkrete, auf Herz und Nieren getestete Inhalte, keine
heiße Luft, die den Wahlsieg sichern. Erst wenn man etwas zu sagen hat, ist
es auch wichtig, wie man es sagt – und eine zentrale "Botschaft" formuliert.
Eine gute Medienkampagne ist nichts ohne ein effektives, immanentes Themen-Management
(Issues Management).
Diese Themen gilt es
zu finden, denn Issues Management beginnt mit einem Frühwarnsystem, das frühe
Reaktion ermöglicht – mit dem Ziel, das positive Potenzial eines Themas zu
verstärken oder das negative Potenzial abzuschwächen. Je früher ein Issue
identifiziert wird, desto erfolgreicher wird das Issues Management sein. Dabei
sollte das Thema nicht als unveränderliches Ding angesehen werden – eher wie
Waren, Unternehmen, Parteien oder die Gesellschaft als ein dynamisches, organisches
Lebewesen, es unterliegt einem Zyklus, bis es den Themen-Tod stirbt.
Für jedes Thema muss
eine klare Einschätzung getroffen werden, ob die eigene Position und Argumentation
tragfähig und geeignet ist, eine öffentliche Auseinandersetzung in dieser
Frage erfolgreich zu bestehen und zu gewinnen.
Alle Konzentration gilt
den von Anfang an klar definierten Gewinnerthemen, die sowohl in der Stärken-
und Schwächenanalyse eine klare Vorteilssituation versprechen, die aber auch
in der Prioritätenanalyse einen entsprechend hohen Stellenwert einnehmen.
Hier muss der Gegner unter Druck gesetzt, zu Fehlern gezwungen und gleichzeitig
die eigene Kompetenz und Souveränität heraus gestrichen werden.
Gerade in weltanschaulich
geprägten Kampagnenapparaten wie Parteien oder Verbänden ist es nicht immer
leicht, diese kühle Ökonomie der Kräfte konsequent durchzuhalten, weil an
vielen Themen oftmals mehr Herzblut hängt, als es einer nüchternen Chancen-Analyse
gut täte. Neben der Ökonomie der Ressourcen gibt es aber auch eine Ökonomie
der Wahrnehmung beim Endverbraucher. Das heißt: Man wird niemandem den Themenpark
in vollem Umfang verkaufen können. Drei Kernthemen sind für die meisten Kampagnen
das Maximum.
Dr.
disc. pol. Marco Althaus, M.A. (USA), Diplom-Politologe, ist Leiter der
Pressestelle des Niedersächsischen Ministeriums für Wirtschaft,
Technologie und Verkehr.