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RSS-Newsfeed"Sarkozy geht es in erster Linie um Macht."
7. Mai 2007 - 0:00Am 7. Mai war Ulrich Wickert, der ehemalige ARD-Frankreich-Korrespondent, im tagesschau-Chat in Zusammenarbeit mit politik-digital.de. Er sprach über seine Erwartungen an die französische Außenpolitik unter Sarkozy, die Folgen für die Europäische Union und die Haltung der Franzosen zu ihrem neuen Präsidenten.
Moderator: Herzlich willkommen zum tagesschau-Chat
in Kooperation mit politik-digital.de. Wohin wird der neue französische
Präsident das Land steuern? Wie steht es um die Europapolitik?
Und wie nimmt die Bevölkerung das Wahlergebnis auf? Sie können
Ihre Fragen gerne jetzt schon stellen, der langjährige ARD-Frankreich-Korrespondent
Ulrich Wickert wird sie von 17.00 bis 18.00 Uhr an dieser Stelle
beantworten.
Ulrich Wickert: Hallo liebe User, hier ist Ulrich Wickert. Ich bin eben gerade aus Paris zurückgekommen, wo ich den zweiten Wahlgang miterlebt habe. Ich bin jetzt gespannt auf Ihre Fragen.
Moderator: Hallo Herr Wickert, schön, dass Sie da sind! Die ersten Fragen beziehen sich auf das deutsch-französische Verhältnis:
akira: Hallo Herr Wickert, wie, denken Sie, werden sich die Beziehungen Frankreichs zu Deutschland mit dem neuen Präsidenten entwickeln?
eggi: Wie wird sich die deutsch-französische Partnerschaft im Rahmen der EU entwickeln?
DTH07: Was glauben Sie, in welchem politischen Verhältnis zukünftig Deutschland und Frankreich agieren werden? Wird die Achse Berlin - Paris bleiben oder sich verlagern?
Renni: Wird das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich jetzt erschwert?
Wickert: Wenn es um die Zukunft des deutsch-französischen Verhältnisses geht und die Einstellung des neuen Präsidenten, dann muss man wahrscheinlich unterscheiden zwischen dem, was er bisher gesagt hat, und dem, was er als Präsident wirklich umsetzen wird. In den letzten Jahren hat er sich immer wieder kritisch über die deutsch-französische Sonderstellung in Europa geäußert. Und im Wahlkampf hat er äußerst unfreundliche Aussagen über Deutschland gemacht, indem er sagte, Frankreich habe ja die Endlösung nicht erfunden. Er wollte damit sicherlich Stimmen bei den Rechtsradikalen einfangen. Jetzt hat Nicolas Sarkozy angekündigt, seine erste Auslandsreise werde nach Berlin führen. Das lässt darauf hoffen, dass er die Tradition seiner Vorgänger wahren wird.
IGM: Wäre für Deutschland nicht ein Sieg von Royal besser gewesen? So hätten Frau Merkel und Frau Royal eher „unter Frauen" Angelegenheiten klären können.
Wickert: Das glaube ich nicht. Denn Frau Royal ist nicht als Frau in den Wahlkampf gegangen, sondern als eine moderne Politikerin, die zum Beispiel das Internet ganz bewusst für ihren Wahlkampf eingesetzt hat. Sicherlich steht sie in einigen Punkten Frau Merkel näher. Sie ist einmal Umweltministerin gewesen und hätte in den Fragen der alternativen Energie sich mit Angela Merkel besser verstanden.
Kritzel: Wohin steuert Frankreich jetzt außenpolitisch?
Wickert: Das wird man erst nach einigen Monaten feststellen können. Denn Nicolas Sarkozy hat im Wahlkampf zu erkennen gegeben, dass er noch kein außenpolitisches Konzept erarbeitet hat. Um sich von dem scheidenden Präsidenten Jacques Chirac zu distanzieren, hat er sich bei George Bush als Politiker eingeführt, der nicht wie Chirac ein kritischer Gegenspieler sein will.
Moderator: Unsere User machen sich dennoch Gedanken, vor allem um die Zukunft der EU:
mainzel: Wie steht Sarkozy denn zur EU als Staatenbund? Wird er eher Motor oder Bremse bei der Erstellung einer neuen europäischen Verfassung sein?
SAS: Wie schätzen sie die Beziehungen Sarkozys zu Merkel ein? Und wie sieht es aus mit seiner transatlantischen Position? Wird er, ähnlich wie Chirac, weiter eher mit Europa zusammen arbeiten, oder doch auch die USA bevorzugen?
ulle: Was denken Sie: Wird es mit Sarkozy eine Europäische Verfassung geben?
Wickert: Sarkozy hat nach seinem Besuch bei George Bush erfahren müssen, dass er damit bei seinen französischen Wählern nicht unbedingt auf Zustimmung stößt. Er möchte sehr schnell in Europa Frankreich wieder als starke Macht einführen. Deshalb hat er vorgeschlagen, von dem Minimalvertrag auszugehen, wie ihn auch Frau Merkel vorsieht. Dieser Minimalvertrag soll nach seiner Vorstellung in Frankreich nicht mehr dem Volk vorgelegt werden, sondern vom Parlament gebilligt werden. Erweiterungen der Europäischen Union sieht er skeptisch. Sarkozy spricht sich gegen die Aufnahme der Türkei aus und will auch die Verhandlungen mit der Türkei so bald wie möglich einschränken. Ganz wie Angela Merkel spricht er von einer privilegierten Partnerschaft, die man der Türkei anbieten solle.
mainzel: Wie steht Sarkozy zur französischen Atommacht? Werden wir - wie schon bei seinem Vorgänger - zeitnah am Anfang seiner Amtszeit eine Demonstration der Stärke durch einen Atomtest erleben?
Trinity: Wird sich die bisher defensive Atompolitik Frankreichs ändern?
Wickert: Sarkozy wird sicherlich keine Atomtests anordnen. Aber es ist davon auszugehen, dass er die französische Atomverteidigung nicht abschaffen wird. Sie gehört zu der Ausstattung Frankreichs als besondere Macht in Europa.
Moderator: Eine Nachfrage zur EU:
CaHaas: Steht Sarkozy für ein „Europa der zwei Geschwindigkeiten"?
Wickert: Sarkozy steht für ein Europa der zwei Geschwindigkeiten. Er kann sich vorstellen, dass es ein Kerneuropa der Sechs gibt, die enger miteinander zusammenarbeiten. Und diese Sechs sind Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, Großbritannien und Polen.
sigfried: Wird sich Frankreich in militärischen Fragen und Beiträgen verändern?
Wickert: Sarkozy hat bisher nicht zu erkennen gegeben, dass er die Verteidigungspolitik Frankreichs grundsätzlich verändern will. Er hat allerdings im Unterschied zu Jacques Chirac erklärt, er sei dagegen, dass das Waffenembargo gegen China aufgehoben wird. Wahrscheinlich wird er auch in der Nahostpolitik eine andere Position einnehmen, da er anders als Chirac weniger von den arabischen Staaten beeinflusst ist. Er wird starke Beziehungen zu Israel aufbauen.
Spezi: Chirac kann mit einem atomaren Iran leben. Sarkozy auch?
Wickert: Sarkozy wird eher die Position Deutschlands einnehmen und natürlich Amerikas, die verhindern wollen, dass der Iran eine Atombombe baut.
Moderator: Themenwechsel in die Innenpolitik. Besonders die Probleme in den Vorstädten beschäftigen die User:
Frankentaler: Wie wird Sarkozy innenpolitisch mit den Jugendlichen umgehen? Behält er seine als Minister praktizierte harte Linie bei? Wie will er die Integration von Jugendlichen in die Gesellschaft schaffen?
MarLau: Viele Franzosen fürchten mehr „sozial Kälte" durch Sarkozys Präsidentschaft. Werden sich die Gräben, die sich angedeutet haben, verfestigen oder wird es gelingen sie zu überwinden?
Christiane: Wie beurteilen Sie die Zukunftschancen der Immigranten in Frankreich unter der neuen Regierung? Können Sie sich vorstellen, dass der neue Präsident, zum Beispiel insbesondere in den Pariser Vorstädten, neue Wege beschreiten wird? Wenn ja, welche könnten das Ihrer Meinung nach sein? Herzliche Grüße von einer Ihrer Verehrerinnen (die sie noch immer in den Tagesthemen vermisst...).
Wickert: Sarkozy weiß, dass er mit der Banlieue ein großes Problem hat. Gestern Nacht sind ja schon mehr als 200 Autos in Brand gesteckt worden. Er wird allerdings eine ganz konsequente Einwanderungspolitik durchführen. Er hat angekündigt, ein Ministerium für Immigration und französische Identität einzurichten. Das bedeutet, Frankreich wird bestimmen, wer in Zukunft „gewünscht" und wer unerwünscht ist. Er hat gestern Abend schon klar gesagt: Unerwünscht werden diejenigen sein, die die Rechte der Frau nicht respektieren, die die Mehrehe praktizieren oder die ihre Töchter beschneiden lassen. Die Banlieue ist aber erst einmal ein soziales Problem. Und es ist notwendig, für die Jugendlichen ein Arbeitsprogramm zu erstellen.
sigfried: Ich habe mich beeindruckt gezeigt, als Herr Sarkozy als einziger Präsidentschaftskandidat bei den Unruhen in den französischen Vororten sich auf Polizeistationen die Nächte um die Ohren geschlagen hat. Warum haben die anderen Kandidaten dieses Verhalten kritisiert von außerhalb? Und ist diese Tat nicht Sarkozy hoch anzurechnen, unabhängig davon, was er in diesen Nächten gesagt hat?
Wickert: Sarkozy hat dies als Innenminister getan, ist allerdings in den letzten Monaten nicht mehr in der Banlieue erschienen, weil er befürchtet hat, dass dies zu Unruhen führen würde.
teilzeit: Wie beurteilen Sie die Proteste nach Bekanntwerden des Wahlergebnisses in Paris? Woher kam diese Aufgebrachtheit?
Wickert: Ich würde diese Proteste nicht überschätzen. Solche Unruhen gibt es immer zu festen Daten. Die Polizei hat heute erklärt, es seien nicht mehr Autos angesteckt worden als am letzten Silvester oder am letzten Nationalfeiertag.
mainzel: Welche Themen wurden von Sarkozy bei
diesen Wahlen besonders „heiß" diskutiert?
Welche wird er demnach als erstes umsetzen müssen/wollen?
Wickert: Als erstes hat Sarkozy die Sicherheit der Bürger hervorgehoben. Und er will sobald wie möglich strengere Gesetze für Wiederholungstäter einführen. Wer zum dritten Mal verurteilt wird, der soll mit der Höchststrafe rechnen müssen. Als zweites hebt Sarkozy hervor, dass es wichtig ist, die Wirtschaft wieder anzukurbeln. ... und dazu macht er einen Vorschlag, die staatlich festgelegte 35-Stunden-Woche aufzuweichen. Das heißt, Überstunden sollen in Zukunft nicht mehr bezahlt werden, sondern steuerfrei sein und auch von Seiten der Arbeitgeber befreit werden von Sozialabgaben. Allerdings werden die Überstunden von Angestellten sowieso nicht bezahlt, und Empfänger des Mindestlohnes zahlen meist keine Steuern.
Jan2007: Wie sieht es mit der Wirtschaftspolitik aus? Wird Sarkozy weitere Anstrengungen unternehmen, um die Handelsbeziehungen zu Deutschland und anderen EU-Ländern weiter zu verbessern?
Wickert: In der Wirtschaftspolitik will sich Sarkozy
„liberal" zeigen. Aber ob das in der Wirklichkeit auch
so sein wird, stelle ich in Frage, denn bisher hat er dies nicht
getan. Als die deutsche Firma Siemens die französische Firma
Alstom kaufen wollte, hat Sarkozy dies verhindert.
Da ist er wahrscheinlich doch noch sehr stark französischer
Zentralist.
Moderator: Zwei Fragen zu Airbus:
Christoph5: Wie steht Sarkozy Deutschland gegenüber (vielleicht gerade in dem schwelenden Richtungsstreit bei EADS, allgemein wirtschaftspolitisch)? Im Wahlkampf äußerte er sich, dass er französische Interessen hart vertreten will.
ulle: Ist das Thema Airbus mit Sarkozy für die deutschen Standorte besser oder schlechter geworden?
Wickert: Auch was Airbus betrifft, ist Sarkozy „Franzose". Er hält die Doppelspitze für nicht notwendig und da hat er wahrscheinlich Recht. Aber er meint natürlich damit, dass an der Spitze ein Franzose sitzen soll, und kein Deutscher.
caspate: Bildungspolitisch hat sich Sarkozy eine Menge vorgenommen. Wie will er das marode und nicht mehr zeitgemäße Bildungssystem Frankreichs denn nun reformieren?
Wickert: Sarkozy will den Universitäten mehr Freiheit geben, was ja sicherlich notwendig ist. Aber er sieht nicht vor, das ganze System der Eliteschulen zu verändern.
Moderator: Noch eine Nachfrage zur 35-Stunden-Woche:
mainzel: Machen die Franzosen die „Aufweichung" der 35-Stunden-Woche mit? Man hat beim Konsum der tagesschau/tagesthemen eher das Gefühl, den Franzosen ist die 35-Stunden-Woche heilig.
Wickert: In Frankreich warnen gerade diejenigen, die für Ségolène Royal gestimmt haben, dass es zu einem heißen Herbst kommen könnte, wenn Sarkozy bei seinen Gesetzesvorhaben zur 35-Stunden-Woche die Gewerkschaften nicht in die Diskussion mit einbezieht. Die 35-Stunden-Woche ist den Franzosen sicherlich heilig, insbesondere deswegen, weil in Frankreich ein ungewöhnlich großer Teil der Beschäftigten sich im Staatsdienst befinden.
hamma13: Sarkozy plant zudem, Steuern und Sozialabgaben zu senken. Zukünftig soll keiner mehr als 50 Prozent seines Einkommens an den Staat abgeben müssen. Wird der Sozialstaat Frankreich darunter leiden? Wird es zu spürbaren Einbußen bei staatlichen Serviceleistungen kommen?
Wickert: Im Wahlkampf hat Sarkozy verkündet, dass die Steuern auf unter 50 Prozent gesenkt werden sollen. Er will zusätzlich die Erbschaftssteuer fast ganz abschaffen und nur für die ganz großen Vermögen noch einen kleinen Steuersatz beibehalten. Er hat allerdings nicht präzisiert, wie er dies finanzieren will und wo er Sozialleistungen kürzen wird.
Moderator: Nun ein Blick in die Zukunft:
Manfred Klose: Glauben Sie, dass die Wahlen im Juni ähnlich knapp ausfallen werden, oder sich dort denn eine größere Mehrheit für Sarkozy abzeichnen wird? (Falls die UMP diese Wahlen überhaupt gewinnt?)
fl: Wie schätzen Sie die Chancen der Parti Socialiste bei den Parlamentswahlen ein? Viele Franzosen könnten sich eine Cohabitation wünschen, um Sarkozy zu „zügeln". Ist das realistisch, beziehungsweise wünschenswert?
Wickert: Die Franzosen hassen die Cohabitation. Deswegen gehe ich davon aus, dass die UMP als Partei von Nicolas Sarkozy bei den Parlamentswahlen eine große Mehrheit erhalten wird. Das entspricht auch dem republikanischen Verhalten der Franzosen. Immer wieder hat der neu gewählte Präsident bei den anschließenden Parlamentswahlen die Mehrheit erhalten.
Moderator: Und noch eine Personalfrage:
PainAuChocolat: Ist schon bekannt, wer Premierminister werden könnte?
hamma13: Wer wird ihrer Ansicht nach neuer Premierminister?
Wickert: Höchstwahrscheinlich wird François Fillon der französische Premierminister.
gagmaus: Kann man sagen, Frankreich sei gespalten in zwei etwa gleich starke, unversöhnliche Lager, ähnlich wie die USA?
Wickert: Der Wahlausgang zeigt, dass Frankreich aus zwei Lagern besteht, von denen das konservative eigentlich immer das größere ist. Aber ich halte es für falsch, von unversöhnlichen Lagern zu sprechen. Das zeigt die Verteilung der Stimmen, zum Beispiel des Blocks von François Bayrou. 40 Prozent der Stimmen gingen zu Sarkozy, 40 Prozent zu Ségolène Royal und 20 in die Enthaltung.
JanE: Mich würde interessieren, inwieweit die „Rechte" in Frankreich mit der „Rechten" in Deutschland vergleichbar ist. Anders gefragt: Ist es so, dass das politische Spektrum in Frankreich generell nach links „verschoben" ist, sodass die UMP und Nicolas Sarkozy in Deutschland eher zur politischen Mitte gehören würden?
Wickert: Die Rechte in Deutschland ist meines Erachtens eine „linkere Rechte" als die Rechte in Frankreich. Man darf nicht vergessen, dass vor fünf Jahren der rechtsradikale Jean-Marie Le Pen in die Stichwahl gekommen ist und fast 20 Prozent der Stimmen erhielt. Auch dieses Mal haben 3,8 Millionen Franzosen Le Pen ihre Stimme gegeben. Es ist nicht verwunderlich, dass Nicolas Sarkozy ursprünglich in Edmund Stoiber seinen deutschen Partner gesucht hat. Denn der liegt ihm inhaltlich sicherlich näher als Angela Merkel.
Nevid: Ist Sarkozy ein so erzkonservativer Politiker, wie man gemeinhin annimmt, oder gibt es bei ihm kleine liberale Inseln?
Wickert: Es ist sehr schwierig, Nicolas Sarkozy politisch einzuschätzen. Wer seine politische Laufbahn studiert, wird feststellen: In allererster Linie geht es ihm um die Macht. Und er hat die Wahlen vor fünf Jahren genau studiert, um die jetzigen Wahlen zu gewinnen. Dazu gehörte, dass er sich in manchen Bereich (Sicherheit, französische Identität) erzkonservativ zeigen musste, um die Stimmen der extremen Rechten zu erhalten. Er verspricht allerdings, mit der Macht „liberaler" umzugehen als seine Vorgänger. Er will die Besetzung von wichtigen Posten von der Zustimmung des Parlamentes abhängig machen. Und sogar die Besetzung der wichtigsten Kommission im Parlament, nämlich des Finanzausschusses, einem Oppositionsführer zu überlassen. Er hat angekündigt, in seinem Kabinett, das aus nur 15 Ministern bestehen soll (die Hälfte Frauen), auch Politiker des liberalen Lagers zu berücksichtigen.
Daniel24: Frankreichs Wahlbeteiligung war ja enorm hoch. Woran lag das? Konnten die Kandidaten so begeistern oder lag es daran, dass nach zwölf Jahren Chirac Abwechslung auf dem Programm stand?
mat: Glauben Sie, dass Frankreich nun wieder „politischer" geworden ist, was die hohe Wahlbeteiligung vermuten lassen könnte? Oder ist nach dieser polarisierten Wahl wieder schnell von einer Normalisierung auszugehen?
Wickert: Die Wahlbeteiligung im zweiten Wahlgang lag in Frankreich immer zwischen 79 und 87 Prozent in den letzten 40 Jahren. Bei dieser Wahl kann man beobachten, dass alle Franzosen von einem wahren Wahlfieber gepackt waren. In den letzten Wochen gab es kein anderes Gesprächsthema als eben diese Wahl. Vergleichbar war es mit dem Fußballfieber in Deutschland im letzten Sommer. Frankreich hat mit dieser Wahl gezeigt, dass die Staatsbürger immer sehr politisch denken.
Burgunder: Gibt es eine Neu-Ausrichtung dieses politischen Spektrums mit einer neuen Mitte oder bleibt es beim Rechts-Links Schema?
Wickert: Vermutlich bleibt es eher bei dem Rechts-Links-Schema. Das hat auch mit dem französischen Wahlsystem zu tun. Denn wenn es bei Präsidentschaftswahlen um ein Rennen zwischen zwei Personen geht, dann ist es ein Entweder-Oder-System. Sarkozy und Ségolène Royal hatten beide angekündigt, das Wahlrecht ein wenig zu verändern und eine kleine Dosis Verhältniswahlrecht einzuführen. Dies könnte einer Partei in der Mitte helfen. Aber nach dem jetzigen Wahlrecht sieht es so aus, dass es sehr schwierig sein wird für François Bayrou, eine „unabhängige Fraktion der Mitte" zu bilden. Denn Abgeordnete, die sich im Wahlkampf nicht für die Mehrheit des Präsidenten erklären, werden von Sarkozy als Gegner angesehen und kaum Chancen haben, gewählt zu werden.
Moderator: Damit kommen wir zur Verliererin der gestrigen Wahl:
Pololitikschauer: Was wird Royal jetzt unternehmen?
Alex66: Wie sieht Ihrer Meinung nach die politische Zukunft Ségolène Royals aus? Wird sie, ähnlich wie in Deutschland bei verlorenen Bundeskanzlerwahlen, auf das Abstellgleis ausmanövriert, oder war dieser Wahlgang ein Sprungbrett für einen neuen, erfolgreichen Anlauf in fünf Jahren?
Wickert: Die Schlacht hat schon begonnen. Gestern Abend haben sowohl Laurent Fabius wie auch Dominique Strauss-Kahn Ségolène Royal zur großen Verliererin erklärt und klargemacht, dass jetzt die Zeit der Abrechnung gekommen ist. Strauss-Kahn hat verkündet, dass die Sozialistische Partei endlich ihr „Godesberg" nachholen müsse. Und er stünde dafür zur Verfügung. Da Ségolène Royal dies aber vermutet hat, trat sie sehr kurz nach Bekanntgabe des Ergebnisses schon vor die Fernsehkameras und hat ihre Unterstützer aufgerufen, nicht nachzugeben, denn jetzt gelte es zuerst, die Parlamentswahl zu gewinnen und dann die Partei zu erneuern.
Moderator: Einige Zuschauer interessieren sich noch für Ihre Meinung, Herr Wickert:
regent: Welcher Präsidentschaftskandidat war Ihr ganz persönlicher Favorit? Wen hätten Sie gewählt?
sigfried: Wer wäre ihrer Meinung nach der oder die beste Präsident/in für Frankreich?
Wickert: Hätte ich vor der Urne im ersten Wahlgang gestanden, dann hätte ich lange gezögert und wahrscheinlich François Bayrou meine Stimme gegeben. Und hätte ich gestern wieder vor der Urne gestanden, dann hätte ich vielleicht bis zur Schließung des Wahllokals gezögert, ob ich mich enthalten soll oder nicht. Und so ging es ja auch dem ein oder anderen Franzosen.
sabine: Haben Sie die Wahlen direkt in Paris verfolgt? Wie reagierten die Franzosen auf den Wahlsieg von Nicolas Sarkozy?
Guckland: Wie haben Sie die Stimmung im Pariser Zentrum gestern Abend erlebt? War diese typisch für den zweiten Wahlgang oder wurde das Ergebnis eher ungewöhnlich groß gefeiert?
Wickert: Am Samstagnachmittag traf ich in einem
Bistro in Belleville durch Zufall schon Leute, die sagten, am Sonntagabend
um sechs stehen wir auf der Bastille und das werden dann diejenigen
gewesen sein, die sich dort mit der Polizei ein kleines Scharmützel
geliefert haben. Auf dem „Place de la Concorde“ haben
sich dagegen diejenigen versammelt, die sich über den Sieg
von Nicolas Sarkozy freuten, und sie haben bis weit über Mitternacht
gefeiert. Die Anhänger der Sozialisten haben sich in der Rue
de Solferino getroffen und sind aber bald auseinander gegangen.
Als ich nach Mitternacht noch in einem Bistro in St. Germain einen
Absacker trank, zogen einige wenige Jugendliche mit Plakaten durch
das Viertel. Aber ansonsten herrschte eine Stimmung wie sonst auch
jeden Sonntagabend.
Moderator: Nun die letzten zwei Fragen. Auch diese gehen direkt an Ulrich Wickert:
Alias2: Warum gerade Bayrou und nicht eines der größeren Lager am Rand?
MarLau: Sie meinen also, dass einige Franzosen erst am Wahltag ihre Entscheidung getroffen haben?
Wickert: Am Rand gab es keine größeren Lager. Und ich weiß von französischen Freunden, dass sie ihre Entscheidung erst am Wahltag getroffen haben. Das hat damit zu tun, dass Sarkozy in den Umfragen am Freitag bei 55 Prozent lag, und das war manchen Leute zu viel, denn sie sagten, das sei nicht gut für „Sarkos" Ego, wenn er einen solch großen Sieg erringe.
Moderator: Das waren 60 Minuten tagesschau-Chat bei tagesschau.de und politik-digital.de. Vielen Dank Ulrich Wickert, dass Sie sich Zeit genommen haben. Herzlichen Dank an alle Teilnehmer für Ihr Interesse und die zahlreichen Fragen, die wir wie immer leider nicht alle beantworten konnten. Das Protokoll des Chats ist wie immer in Kürze zum Nachlesen auf den Seiten von tagesschau.de und politik-digital.de zu finden. Wir wünschen Ihnen allen noch einen angenehmen Tag und bis zum nächsten Mal!
Wickert: Vielen Dank für die vielen Fragen und auch das eine oder andere liebe persönliche Wort. Und wenn es nicht zu früh wäre, würde ich Ihnen eine geruhsame Nacht wünschen. Ihr Ulrich Wickert.
Simone Gerdesmeier |
Simone Gerdesmeier war von April 2007 bis September 2008 Volontärin bei politik-digital.de und arbeitet momentan als freie Journalistin in Berlin.
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