Chattranskript
Premiumpartner
politik-digital.de ist eine Informations- und Kom­munikations­plattform zum Thema "Internet und Politik". Sie wird allein vom Verein pol-di.net betrieben, der die Unabhängigkeit gewährleistet. Mehr über uns

Newsflash

Abonnieren Sie unseren wöchentlichen, kostenlosen Newsletter:

Abonnieren

RSS-Newsfeed

"Für die Mehrzahl wird Bloggen ein Hobby bleiben"

Der Blogforscher und „Hard bloggin´scientist“ Dr. Jan Schmidt war am 17. April

2007 zu Gast in der Blogsprechstunde, dem Chat von politik-digital.de in Kooperation mit den Blogpiloten. Er erzählte, weshalb das „Journal-Bloggen" eine weibliche Domäne ist, über die Zukunft von Weblogs und die Machtverteilung im Blog-Diskurs.

Moderator: Herzlich willkommen zur Blogsprechstunde. Jan Schmidt, Deutschlands bekanntester Weblogforscher, chattet mit uns aus Bamberg, der Heimat seines Bamblogs. Jan, können wir
starten?Jan Schmidt

Jan Schmidt: Gerne :)

Moderator: Die Nutzer konnten bereits im Vorfeld Fragen stellen und darüber abstimmen. Die drei Fragen mit den besten Bewertungen starten nun unsere Blogsprechstunde. Nummer eins:

junikind: Bei all Ihren Forschungen - haben Sie den „typischen“ Blogger finden können? Was macht ihn oder sie aus?

Jan Schmidt: Den „typischen“ Blogger gibt es nicht wirklich. Wir haben in unseren Untersuchungen eine große Bandbreite gefunden, was das Alter, aber auch die Themen angeht. Wenn man „typisch“ über „dominierende“ Gruppe definieren will, könnte man sagen: Blogger sind typischerweise relativ jung (Teenager bis etwa 30 Jahre), haben eine höhere formale Bildung (Abitur oder Studium) und sind Computer-, beziehungsweise Web-affin. Sie bloggen überwiegend über Themen von persönlicher Relevanz, also Berichte aus dem Privatleben oder Links zu anderen Seiten, die sie persönlich für relevant halten. Und ganz wichtig: Das Geschlechterverhältnis ist mindestens ausgeglichen; nach manchen Untersuchungen sind Frauen sogar in der Mehrheit.

Moderator: Frage Nummer zwei:

Hannah: Warum zählt kaum eine Frau zu den Top-Bloggern Deutschlands?

Jan Schmidt: Das hat was mit der Aufmerksamkeitsstruktur in der Blogsosphäre zu tun, ich hole mal ein wenig aus: Die Top-Blogs (oder auch „A-List“) sind Blogs, die sich mehrheitlich mit Themen befassen, die über die reine persönliche Relevanz hinausgehen, also zum Beispiel zu (Netz-)Politik, zu Populärkultur, zu Medien und so weiter. Solche Themen werden tendenziell eher von Männern verfolgt, oder anders gesagt: Unter Männern gibt es tendenziell mehr Blogger, die solche Themen von „weiterer“ Relevanz bloggen, während die Bloggerinnen tendenziell eher Themen behandeln, die geringere Reichweite haben. Das ist kein Naturgesetz, und das heißt auch nicht, dass Bloggerinnen immer nur kleine Publika bzw. geringe Reichweite haben aber da (wiederum tendenziell) unter Frauen das „Journal-Bloggen“ weiter verbreitet ist, und dieses Journal-bloggen eher im „long tail“ stattfindet (also im Bereich der Blogosphäre mit geringerer Reichweite), finden wir verhältnismäßig wenige Frauen in den Top 100.

Moderator: Hierzu noch eine Nachfrage:

spectator: Das heißt, Frauen bloggen meist nur über Persönliches?

Jan Schmidt: Jein. Andersherum würde ich sagen: Männer bloggen eher über Themen, die über das rein persönliche hinausgehen, und deswegen haben Männer höhere Chancen, eine höhere Reichweite zu bekommen.

Moderator: Und nun Platz drei aus dem Vor-Umfrage:

Caligula: Was macht denn als Blogforscher den ganzen Tag? Die 1000-seitige Blogroll ablesen?

Jan Schmidt: Das ist sicher ein wichtiger Teil meiner Arbeit, ich verfolge zur Zeit etwa 150 RSS feeds [RSS feeds fassen Artikel, zum Beispiel Weblogeinträge webkompatibel zusammen. Ein RSS-Feed ist eine textbasierte Datei, die aus dem Titel, einer Zusammenfassung und einem Link zu zur kompletten Nachricht besteht. (Anm. d. Red.)] Aber ich halte auch Lehrveranstaltungen, gebe in letzter Zeit recht viele Interviews und bin auf Tagungen unterwegs. Und ich habe ja noch Forschungsinteressen, die über Blogs hinausgehen. „Blogforscher“ alleine beschreibt es vermutlich nicht ganz angemessen.

Moderator: Einige User fragen nach „Bloggen als Studium oder Beruf“:

AndreasKiel: Wird es, wie es zum Beispiel Journalistenschulen gibt, auch professionelle Blogschulen geben? Wird es das Berufsbild Blogger geben?

LodzTheo: Wird Blogforschung ein eigener Studiengang?

Jan Schmidt: Beides nein, aber einige Entwicklungen in die Richtung wird es geben beziehungsweise zeichnen die sich jetzt schon ab: In dem Maße, wie Blogs auch für professionelle Tätigkeiten (Journalismus, Werbung, Public Relations, Öffentlichkeitsarbeit, auch politische Tätigkeiten) an Bedeutung gewinnen, wird ein Bedarf für Einführungen, Kursen, Workshops und mehr entstehen. Es gibt zur Zeit ja schon eine Reihe von Menschen, die als „Blogberater“ (in einem weiten Sinn) tätig sind und ihren Lebensunterhalt bestreiten. Aber für die überwiegende Mehrzahl der Blogger wird es ein Hobby bleiben.
Zum Studiengang: Die Auseinandersetzung mit Blogs wird auf absehbare Zeit Teil von „klassischen“ Studiengängen bleiben, insbesondere von Kommunikationswissenschaften, Medienwissenschaften und -soziologie, und so weiter. Aber es ist in meinen Augen wichtig, dass sich diese und andere Fächer den Entwicklungen im „Web 2.0“ (doofer Begriff) öffnen, weil dort in den nächsten Jahren eine hohe Dynamik zu finden sein wird [Unter „Web 2.0“ versteht man interaktive Internet-Dienste, zum Beispiel Websites, über die Fotos, Videos und Software getauscht werden und die zur Vernetzung der Benutzer dienen – wie eben auch Weblogs (Anm. d. Redaktion)].

Blogwart: Wie kann man die ganzen Blogs und Feeds im Griff halten und sinnvoll selektieren? Mit elektronischen Medien gibt es doch eine ungeahnte Flut von Informationen. Wird es Blogs geben, die Blogs zusammenfassen?

Jan Schmidt: Ja, in gewisser Weise gibt es die ja jetzt schon: In unseren Umfragen haben mehr als zwei Drittel der Blogger gesagt, dass sie auf andere Online-Quellen verweisen.
Viele dieser kommentierten Links führen zu anderen Blogs, das heißt, hier findet ja schon eine Filterung statt. Aber es ist richtig, dass RSS dazu verführt, einfach noch ein Blog und noch ein Blog und noch eins zu abonnieren, bis man irgendwann die Komplexität der Blogosphäre in seinem Reader hat. Hier ist die individuelle Selektions- und Aufnahmefähigkeit ein entscheidendes Kriterium. Ich mache es beispielsweise so, dass ich zu bestimmten Themen versuche, Blogs zu identifizieren, die einen Überblick bieten (zum Beispiel Markus Breuer/Notizen aus der Provinz zu Second Life). Dadurch erspare ich mir, selbst alle Quellen absuchen zu müssen.

Moderator: Thema Blogs und Politik:

waterkant: In Bremen wird ja gewählt. Warum passiert da kaum was in Sachen Blogs, Web 2.0 und so weiter wie in Frankreich?

Jan Schmidt: Hmmm....mehrere Antworten fallen mir spontan ein:
a) In Frankreich sind Blogs noch etwas stärker verbreitet als bei uns, deswegen ist die (erhoffte) Resonanz auf diesen Kommunikationskanal eventuell noch etwas höher.
b) Das deutsche politische System ist, soweit ich das einschätzen kann, stärker von politischen Parteien und ihren Strukturen geprägt, was einer weitgehenden Personalisierung (wofür Blogs ja unter anderem stehen) etwas entgegenläuft.
c) Möglicherweise fehlt es aber auch einfach an Menschen in den Kampagnen-Hauptquartieren, die einfach mal mit dem neuen Format experimentieren wollen. Diesen Faktor darf man nicht unterschätzen. Oft sind es einzelne Leute, die solche Dinge anstoßen und damit dann Dynamik in die Sache bringen. In den USA war das beispielsweise Howard Dean, der vorgemacht hat, wie man über Blogs mobilisiert und wahlkämpft.

citoyen: Glauben Sie, dass deutschen Blogs in absehbarer Zeit ähnliche Bedeutung im politischen Prozess zukommen könnte, wie bereits heute in den USA?

Jan Schmidt: Generell: Wir können uns gerne duzen. Ich denke, dass Blogs in Deutschland auch noch an Bedeutung gewinnen werden, aber ich bezweifele, dass sie einen ähnlichen Stellenwert bekommen wie in den USA. Auch dort haben wir ein anderes politisches System, das noch stärker auf einzelne Personen (als auf Parteistrukturen) setzt und in dem vor allem auch der Zwang zum „fundraising“ deutlich höher ist als hierzulande (wo es staatliche Parteienfinanzierung gibt). Deswegen ist in den USA der Druck auf einzelne Politiker viel größer, sich schon im Wahlkampf ganz stark zu profilieren und Unterstützer zumindest zeitlich für die Kampagne begrenzt an sich zu binden. Zudem ist das Mediensystem der USA anders; es gibt keinen vergleichbaren öffentlich-rechtlichen Rundfunk und TV, und auch ein geringeres Spektrum an überregionaler Qualitätspresse und Printzeitungen. Dadurch ist der Bedarf der Bevölkerung an alternativen Informationen (auch im Sinne einer Gegenöffentlichkeit, beispielsweise zum Irakkrieg) höher als bei uns.
Ich will nicht ausschließen, dass wir uns in Deutschland in den nächsten Jahren auch noch stärker in Richtung „Politische Blogosphäre“ entwickeln, aber die genannten strukturellen Faktoren machen einen Vergleich mit den USA etwas schwierig.

Leser: Im Moment werden die Blogger mit Verträgen und Werbegeschenken überschüttet (siehe Opel, Sony PS3 [PlayStation 3 (Anm. der Red.)] und so weiter) - ist dieser Werbekanal wirklich so relevant oder einfach nur overhyped?

Jan Schmidt: Ich denke, dass zu einem gewissen Grad sicherlich Hype dabei ist: Blogs und Web 2.0 sind neu, sind sexy, haben den Ruf des Innovativen (übrigens ein bisschen wie Second Life gerade).
Aber der Grundgedanke von Firmen, die Blogs als Marketingkanal nutzen wollen, ist durchaus richtig und relevant: Blogs sind keine One-Way- oder Massenkommunikation, sondern eher öffentliche interpersonale Kommunikation, das heißt Gespräche zwischen Menschen. Zudem sind Blogger von ihrem soziodemografischen Profil (siehe oben) durchaus eine interessante Zielgruppe. Diese Zielgruppe zu erreichen, und vielleicht noch dafür zu sorgen, dass Blogger auch über neue Produkte berichten und so Mund-zu-Mund-Propaganda betreiben, ist für Marketingmenschen sicher reizvoll.
Problem nur: Es gibt in der Blogosphäre noch eine starke anti-kommerzielle Tendenz, oder zumindest eine Grundhaltung gegen unauthentische Kommunikation. Das ist wiederum ein schlechtes Umfeld für Werbung.

Moderator: Daran anschließend eine Frage zu einer Werbekampagne vom Parfümhersteller CK, die in der Blogosphäre für Ärger sorgte:

Blogwart: Was halten Sie denn von der CK Aktion?

Jan Schmidt: Hier wurde meines Erachtens genau die genannte Erwartung der authentischen Kommunikation verletzt; das musste im Grunde nach hinten losgehen. Insofern fand ich es als Wissenschaftler ein interessantes Experiment, aber ich fand die Reaktion der Blogosphäre ebenfalls sehr interessant. Und als Blogger und Privatperson finde ich es gut, dass sich so viele kritische Stimmen gemeldet haben.

selbstdarsteller: Was hat die re:publica deiner Meinung nach für die Blogosphäre gebracht? Außer ner Menge Spaß für die üblichen Verdächtigen?

Jan Schmidt: Wenn ich das wüßte. Ich bin immer noch am Verarbeiten:). Nein, Spaß beiseite: Ich finde, dass die re:publica eine tolle Veranstaltung war, um einen Großteil der Menschen zusammenzubringen, die im Moment gerade über Blogs und das neue Netz nachdenken. Und interessanterweise eben nicht nur die Top 100, sondern auch jede Menge Menschen aus dem „long tail“ (wenn man das so sagen kann), also die nicht zu den "üblichen Verdächtigen" gehören. Man kann nicht sagen, dass „die“ Blogosphäre vertreten war, dazu haben die Strickbloggerinnen gefehlt, die Tokio-Hotel-Fans, überhaupt die Teenage-Blogger, aber auch die Menschen, die nicht über das Bloggen bloggen und deswegen keinen Anreiz haben, zu so einer Tagung zu fahren. Eine sehr spannende Sache war, dass auch Leute, die nicht vor Ort waren (most notably Don Alphonso, aber auch viele andere) sich trotzdem zu Wort gemeldet haben und über die Konversationen in Blogs, aber auch im Gespräch vor Ort in Berlin dann doch irgendwie präsent waren. Für mich persönlich (ich denke auch für viele andere) hat es ausserdem gebracht, dass man mal eine Reihe von Leuten „in echt“ kennen gelernt hat, die man sonst nur vom Rechner kennt. Und das macht eine ganze Menge aus, finde ich.

Moderator: Noch eine Nachfrage zur re:publica:

HartbloggenderStudent: Auf eurem Workshop auf der re:publica habt ihr von internen Streitereien bei den hart bloggenden Wissenschaftlern geredet. Was war denn da?

Jan Schmidt: Die Streitereien hängen wohl damit zusammen, dass einige der Gründungsmitglieder inzwischen nicht mehr an einer Uni sind, sondern in einem anderen Job, und deswegen nicht mehr ganz so viel Zeit in die Pflege der Seite investieren können. Das Problem scheint im Moment technisch-administrativ zu sein: Wer hat Admin-Zugang zur HBS-Seite [Seite der Hard bloggin´scientists (Anm. der Red.)]? Aber ich gehöre nicht zum „Kernteam“, deswegen kann ich das gar nicht so genau sagen :).

Moderator: Die Umfrage unter unseren Nutzern hat ergeben: Die Mehrheit, nämlich 61%, bloggt zu privaten Themen. Und einer führt anscheinend tatsächlich ein Strickblog.

Jan Schmidt: :)

Leser: Gibt es denn eine Zweiteilung in der Blogsophäre - die „richtigen“ und „coolen“ Blogger à la Schultheiss und Co. und die „anderen“ genannten Tokio Hotel Fans und so weiter? Wer ist der Bessere?

Jan Schmidt: Darauf gibt es zwei antworten:
Je nachdem, was Dich (oder jeden anderen interessiert) gibt es diese Zweiteilung: Blogs, die spannend sind, und Blogs, die Dich nicht interessieren. Weil ein Großteil der „Wortführer“ (also der Top 100/1000/whatever, der A-List) nicht über Tokio Hotel und das Stricken schreibt, entsteht so eine Art „Abwertungsdruck“, dass letztere Art von Bloggen irgendwie banal oder kein „echtes“ Bloggen sei. Aber aus Sicht des Tokio-Hotel-Bloggers sind Don Alphonso, mein Blog und die re:publica womöglich völlig langweilig und schlecht, insofern ist es eine Frage des Standpunktes und der Perspektive.
Für mich als Wissenschaftler gibt es nicht „das richtige“ Bloggen, sondern nur unterschiedliche Praktiken, die unterschiedlich bewertet werden. Das hatte ich ja auch in meinem Eröffnungsvortrag geschildert: Bestimmte Arten des Bloggens werden von außen (von Journalisten) aber auch von innen (aus der Blogosphäre) selbst oft abgwertet und als „banal“ oder „irrelevant“ abgestempelt.
Das ist eine klassische Soziologische Frage: Wer bestimmt den Diskurs, wer hat Einfluss darauf, welches Bild vom Bloggen sich öffentlich durchsetzt - sehr spannend!

Trinh03: Wie reagieren eigentlich die Blogger darauf, dass sie von dir beforscht werden? Bei ein paar Diplomarbeiten wurden die Blogger ja ziemlich allergisch?

Jan Schmidt: Ich habe den Vorteil, dass ich selbst schon seit einigen Jahren (März 2004) ein Blog führe und inzwischen zum Glück auch einigermaßen bekannt bin. Das hilft mir sehr, möglicherweise auch, weil die Blogger wahrnehmen, dass ich nicht eine bestimmte Vorstellung vom Bloggen vertrete („Blogs müssen Alternativjournalismus sein“ oder so). Es gab aber Ende 2005, als ich meine erste „Wie ich blogge?!“-Umfrage gemacht habe, im Umfeld von Don Alphonso eine sehr hitzige Diskussion darüber, ob die Wissenschaft überhaupt fähig ist, Blogs zu begreifen. Immerhin ist bloggen oft sehr spontan, impulsiv, subjektiv, sehr schnell - in gewisser Weise das genaue Gegenteil von „klassischer“ Wissenschaft. Ich fand diese Streit damals sehr lehrreich, weil er mir auch geholfen hat, meine eigene Rolle als bloggender Wissenschaftler genauer zu verstehen. Ganz generell sehe ich mich als Blogger auch in der Rolle des teilnehmenden Beobachters, aber wenn ich zum Beispiel einen Aufsatz für ein Buch schreibe, muss ich von meinen eigenen Erfahrungen soweit wie möglich abstrahieren. Und ganz generell zu dem Widerstand: Es gibt ja auch ausserhalb der Blogs eine gewisse „Umfragemüdigkeit“, das heißt, Menschen haben immer weniger Lust, an Markforschung teilzunehmen. Das macht es auch für wissenschaftliche Umfragen schwer.

Moderator: Du hast dein Blog bamberg-gewinnt.de erwähnt. Dazu gibt es eine Nachfrage:

haidu: Warum gewinnt Bamberg eigentlich ;-)?

Jan Schmidt: Dahinter steckt eine Anekdote: Ich habe früher unter www.schmidtmitdete.de gebloggt, mit einer Software namens "greymatter". Irgendwann wollte ich auf Wordpress umsteigen und hab mir dazu eine neue Domain holen müssen, wo ich mySQL dabei hatte. Dazu habe ich „bamberg-gewinnt“ gesichert, und ich wollte das eigentlich mal für einen Wahlkampf oder so verwenden. Dummerweise habe ich es dann nicht auf die Reihe bekommen, mein Blog wieder auf www.schmidtmitdete.de „umzubiegen“ - und dann war es zu spät, den Namen wieder zu ändern weil sich die URL inzwischen etabliert hatte. Aber generell: Bamberg ist eine wunderschöne Stadt :).

Sid Vicious: Wird mein Blog von meinem eventuellen zukünftigen Arbeitgeber erst mal nach psychologischen Gesichtspunkten durchleuchtet, bevor ich eingestellt werde - mit anderen Worten – kann es nachteilig sein, ein persönliches Blog zu haben?

Jan Schmidt: Unter Umständen kann das passieren, ich denke aber, dass die Chancen relativ gering sind, dass dir Nachteile entstehen. Es hängt natürlich ein wenig davon ab, worüber du bloggst, bei welcher Firma du dich bewirbst, ob du anonym oder pseudonym bloggst und so weiter.Genauso gut kann es andersrum sein: Dein Blog kann (je nach beruflicher Tätigkeit) demonstrieren, dass Du schreiben kannst, schlaue Ideen hast, Projekte realisieren kannst und mehr. Ich würde aber ganz generell (und auch über Blogs hinaus, bei Studi VZ oder Xing [Online-Plattformen zum Austausch zwischen Studierenden und Businesstreibenden (Anm. der Red.)]) dazu raten, sich immer bewusst zu sein: Was ich in das Internet schreibe kann prinzipiell jeder lesen, und es ist prinzipiell auch noch in 30 Jahren auffindbar. Das heißt, bei manchen Texten, Fotos und Videos ist es vielleicht ratsamer, die in geschützteren Umgebungen als einem öffentlichen Blog zu posten, beispielsweise in Umgebungen wie flickr, wo du Bilder nur für bestätigte Kontakte freigeben kannst.
Das ist aber eine hoch spannende Frage, denn in diesem Bereich der Veränderung der Privatspähre werden sich in den nächsten Monaten und Jahren noch sehr viele Dinge tun, technisch wie sozial-gesellschaftlich.

rotflmao: Kannst Du etwas zu Trollen [Leute, die in Foren oder Blogs bewusst stören und andere mit ihren Kommentaren provozieren (Anm. der Red.)] in Weblogs sagen? Was kann man gegen die machen und warum trollen die rum?

Jan Schmidt: Dazu gab es ja einen ganz interessanten Vortrag bei der re:publica. Es gibt wohl unterschiedliche Typen von Trollen: Die, die tatsächlich einfach nur provozieren wollen, weil sie es lustig finden, wenn sie andere Leute zur Weißglut bringen. Oder auch die, die möglicherweise einen ernsthaften Beitrag leisten wollen, der aber im betreffenden Blog am falschen Platz ist, oder der (gewollt oder ungewollt) missverstanden wird. Generell hilft meines Erachtens, dem Kommunikationspartner (gerade wenn man nicht weiß, welche Person sich hinter einem Namen verbirgt) erstmal so zu begegnen, als habe sie etwas Relevantes zu sagen. Das heißt, möglicherweise muss man nachfragen und schauen, ob es sich um ein Missverständnis handelt. Aber wenn deutlich wird, dass es „echtes trolling“ ist, dann hilft wohl nur ignorieren, beziehungsweise, wenn möglich), sperren - einfach weil ein einziger Troll eine funktionierende community kippen kann.

Moderator: Und nun zur Lieblingsfrage unserer Nutzer:

pillepalle: Na los, outen: Was ist denn dein Lieblingsblog?

Jan Schmidt: Ui, sehr schwere Frage..Was fachliche Dinge angeht, verfolge ich sehr gerne den elektrischen reporter (eher ein Videoblog) [Blog des Handelsblatts (Anm. der Red).], die Interviews finde ich höchst spannend. Im politischen Bereich finde ich netzpolitik.org [Blog von Markus Beckedahl] sehr gut. Das ist für mich eines der wenigen Beispiele für ein gutes politisches Blog in Deutschland. Und was den ganzen Rest angeht, da ist es wohl wirres.net [Weblog von Felix Schwenzel (Anm. der Red.)].

Moderator: Zum Schluss ein Ausblick:

Williwollteswissen: Welche Zukunft haben Weblogs?

Jan Schmidt: Zunächst einmal ganz grundsätzlich: Blogs werden nicht mehr verschwinden. Der Wunsch nach einer einfachen Möglichkeit, sich selbst und seine Interessen im Netz zu präsentieren und darüber mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, ist einfach gegeben. Und dafür sind Blogs eine sehr gut geeignete Technologie. Ich denke auch, dass in den nächsten Monaten und Jahren mehr Organisationen (Unternehmen, Parteien, NGOs, öffentliche Verwaltungen...) mit Blogs experimentieren werden. Nicht alles wird klappen, aber dieser Bereich wird meines Erachtens zunehmen. Im privat-persönlichen Bereich werden Blogs, denke ich, auf absehbare Zeit noch stärker mit social-networking-Plattformen [Websites, auf denen die Nutzer Private und Berufliche Kontakte knüpfen und pflegen können (Anm. der Red.)] zusammenwachsen. Das liegt daran, dass die momentane technische Situation noch viel zu binär ist: Öffentlich publiziert versus nicht öffentlich publiziert. Wir sind es aber gewohnt, dass wir uns in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich präsentieren und deswegen wird es, denke ich, mehr technische Unterstützung dafür geben müssen, dass wir bestimmte Texte, Fotos und so weiter nur für bestimmte Personenkreise zugänglich machen. Da sind wir wieder bei der Frage nach den Veränderungen von Privatsphäre versus Öffentlichkeit, aber das ist vermutlich ein Thema für einen neuen Chat, oder?

Moderator: Gerne wieder!

Moderator: Das war die Blogsprechstunde von politik-digital.de in Kooperation mit den Blogpiloten. Vielen Dank an alle Chatter fürs Mitmachen und vielen Dank an Jan Schmidt für die Antworten. In der kommenden Woche ist Peter Turi zu Gast in der Blogsprechstunde. Wir chatten nächste Woche Dienstag von 19 bis 20 Uhr. Wie schon dieses Mal können Fragen bereits im Vorfeld im Wartezimmer gestellt werden. Das Transkript dieses Chats kann man in Kürze auf politik-digital.de und bei den Blogpiloten nachlesen. Das letzte Wort für heute hat Jan Schmidt:

Jan Schmidt: Hat sehr viel Spaß gemacht! Danke an all eure Fragen! Und jetzt schau ich das DFB- Pokalspiel! :)

EOT
0 Kommentare

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • In den Kommentaren mögliche HTML-Befehle: <em> <strong> <cite> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>

Weitere Informationen über Formatierungsoptionen

CAPTCHA
Spamschutz: Bitte geben Sie diese Zeichenfolge ein, damit wir sehen können, dass Sie ein Mensch und keine Maschine sind.
Image CAPTCHA
Bitte geben Sie die Zeichen ohne Leerzeichen ein und beachten Sie Groß- und Kleinschreibung.
Bild von Alina Barenz

Alina Barenz

Alina Barenz war von April bis August 2007 Praktikantin bei politik-digital.de. Hier schrieb sie unter anderem über Parteienwahlkämpfe im Internet, Internetzensur in China und Blogs von Prominenten. Im Oktober 2007 wird sie ihr Studium der ...

Email Profil

Verwandte Artikel

Links, zwo, drei, vier (KW 27)
Für ein Viertel der Weltbevölkerung ist das Internet zensiert, Facebook droht ...
Weiterlesen

Links, zwo, drei, vier (KW 22)
Microsoft beteiligt sich an E-Government, Ilse Aigner löscht Facebook-Profil ...
Weiterlesen

Links, zwo, drei, vier (KW15)
Facebook plant neue AGB, US-Medien wehren sich gegen ungeliebte Kommentare, ...
Weiterlesen

Links, zwo, drei, vier (KW 13)
Deutsche Blogosphäre gewinnt an politischem Einfluss, gute Basis für ...
Weiterlesen

Nepal: Frieden bringt Themenvielfalt in Blogs
Medienzensur und eine fehlende Internetstruktur erschweren die digitale ...
Weiterlesen

Copyright

Copyright © 2007 politik-digital.de
All Rights Reserved