Digitale Presseschau – KW 32

Gestohlene Identität bei Facebook, OpenLeaks, New York Times Online-Abo, griechische Parallelwährungen, eine Abrechnung mit David Cameron und vieles mehr in unserer digitalen Presseschau.

Auch in dieser Woche hat die politik-digital.de-Redaktion wieder einige sehr lesenswerte Artikel der vergangenen Tage zusammengetragen. Unser Favoriten von Platz 1 bis 6:

Ich war ein anderer, und ein anderer war ich

Wie Millionen andere in Deutschland und der Welt unterhält die Journalistin und Autorin Katja Kullmann einen Facebook-Account. Auf der einen Seite lehnt sie wie viele den laxen Umgang des Netzwerkes mit den Daten seiner Nutzer ab. Sie bezeichnet
Facebook in ihrem Beitrag auf faz.net als „Zeitfresser“ und „monströsen Ablenkungsapparat“. Dennoch loggt sie sich wie Millionen andere fast täglich ein, um die „posts“ ihrer „Freunde“ zu lesen. Als eine fremde Person versucht, ihre Facebook-Identität zu übernehmen, wird Kullmann eiskalt von den Betreibern des Netzwerks herausgeworfen. Ihr wird klar, dass sie all die Einträge, Fotos und pseudointellektuellen Kommentare ihrer Freunde vermisst. Kullmann beginnt den Kampf um ihre digitale Identität. Darin geht sie sogar so weit, dass sie das Facebook-Büro in Hamburg persönlich aufsucht. Dort wird ihr Anliegen freundlich belächelt, und ihr Account wird wieder freigeschaltet. Die Autorin beschreibt auf humorvolle Art und Weise den Kampf um die eigene digitale Identität und unsere Abhängigkeit von sozialen Netzwerken. Ihr Erfahrungsbericht war in dieser Woche der Favorit der politik-digital.de-Redaktion.

Was ist denn jetzt schon wieder „OpenLeaks“?

Er war Sprecher von WikiLeaks, bis er sich mit Julian Assange überwarf. Daniel Domscheit-Berg entschloss sich daraufhin, sein eigenes Projekt zu starten – der Name: OpenLeaks. Das Portal will eine „Infrastruktur“ bieten, die es ermöglicht, Dokumente zu empfangen, ohne die Quelle nachvollziehen zu können. Klingt nach WikiLeaks? Ist es aber nicht. Der Unterschied: Es wird nicht bedenkenlos publiziert. Eingereichte Dokumente werden von Partnern auf ihre Glaubwürdigkeit hin überprüft und sollen erst danach veröffentlicht werden.
Domscheit-Berg stellte das Projekt jetzt in einer Testversion vor, die von Mitgliedern des Chaos Computer Clubs auf ihre Funktionalität geprüft werden sollte. Anna Sauerbrey schreibt bei Zeit Online von den Schwierigkeiten mit der aktuellen Version des Leaks, aber auch von den Motiven der Initiatoren und schaffte es auf Platz zwei unserer digitalen Presseschau.

Die Dummen, die Faulen und die die Netten

Wer würde wohl freiwillig 15 bis 35 Dollar im Monat ausgeben, um mehr als 20 Artikel der New York Times online lesen zu dürfen? Vor allem, wenn das Bezahlsystem mit einfachen Mitteln unterwandert werden kann? Die Antwort ist auf faz.net zu lesen: Es sind die Dummen, die Faulen und die Netten! All diejeningen also, die sich nicht die Mühe machen, die Bezahlung zu umgehen, von der Möglichkeit wissen und solche, die gerne für die Inhalte zahlen.
Das im März eingeführte neue Bezahlsystem des New York Times-Verlags scheint entgegen aller Erwartungen zu funktionieren. Bislang wurden 240.000 Internet-Abonnenten verzeichnet, bei gleichbleibenden Verkaufszahlen des Printmediums. Aufschlussreicher Artikel, nicht nur für Journalisten und Verlage.

Das Internet = Che Guevara des 21. Jahrhunderts?

Glaubt man den „Innovationsberatern“ des US-Außenministeriums, Alec Ross und Ben Scott, so ist das Internet der Che Guevara des 21. Jahrhunderts. Der Artikel auf der Webseite des Goethe Instituts wiederspricht den Beratern und beschreibt ausführlich und an Beispielen des Arabischen Frühlings und der Grünen Revolution im Iran, welchen Einfluss Social Media tatsächlich auf die Aufstände haben und hatten. In westlichen Medien wurden soziale Netzwerke oft als treibende Kraft in den Straßen von Kairo und Teheran dargestellt. Der Autor Roland Detsch bestätigt jedoch, dass es sich trotz des Einflusses, den die Medien zweifellos für die Mobilisierung der Massen hatten, um „Revolutionen der Füße“ gehandelt habe.

Griechen brauchen keinen Euro mehr

Auf dem ZDF-Blog Hyperland wurde in dieser Woche etwas vorgestellt, was zunächst absurd klingt: ein „nationales Zecheprellen“ der Griechen. Was das bedeutet? Viele Griechen fühlen sich vom Staat betrogen und hintergangen. Sie wollen nicht für Schulden aufkommen, die sie nicht verursacht haben. Aus diesem Grund bilden sich zurzeit diverse virtuelle Parallelwährungen, die es ermöglichen, zumindest die Grundbedürfnisse der griechischen Bürger zu befriedigen. Es gibt eigens eingerichtete Plattformen, auf denen getauscht, gehandelt und gekauft werden kann. Wie genau das aussieht, beschreibtder Frederik Fischer in seinem Beitrag ausführlich. Doch die Griechen lehnen sich auch gegen sozialen Ausschluss von Arbeitslosen auf. Menschen, die ihren Job in Zeiten der Wirtschaftskrise verlieren, werden von Projekten wie dem „Mapping Commons in Athen“ aufgefangen. Das soziale Leben läuft weiter, unabhängig von harter Währung. Die Griechen gehen trotzig und clever gegen die Krise an. Von uns bekam der Text für diese Erkenntnisse Rang 5.

Stellen Briten sich auf eine Stufe mit diktatorischen Herrschern?

Wie soll England Herr der Aufstände und Zerstörungen in seinen Städten werden? Politiker und Sicherheitskräfte schienen tagelang keine Antworten zu haben. Bis Premierminister David Cameron gestern vorschlug, soziale Netzwerke für alle Aufständischen, die identifiziert worden sind, zu verbieten. Jeff Jarvis weist auf der Webseite des Guardian auf die Gefahren eines solchen Vorhabens hin. Der Grat zwischen Schutz der Allgemeinheit und autoritärer Macht sei in manchen Fällen ein sehr schmaler. Der Autor fragt den britischen Premier: „Was unterscheidet Sie dann noch von arabischen oder chinesischen Herrschern, die soziale Kommunikation verbieten?“ Es ist gefährlich, digitale Kommunikation einzuschränken, da dadurch die Freiheitsrechte der Menschen eingeschränkt werden. Doch ein autoritärer Staat ist wohl das letzte, was David Cameron sich wünscht. Jeff Jarvis‘ Artikel provoziert und regt zum Nachdenken an.

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